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Über "No Gods No Masters", "beautifulgarbage", James Bond und Depeche Mode

Garbage im Interview: „Dieser Song war einer der Funken, die Garbage ausgelöst haben.“

/ 1 Kommentar

Garbage sind sehr fleißig derzeit. Im Juni haben sie ihr neues Studioalbum „No Gods No Masters“ veröffentlicht. Eine sehr empfehlenswerte Platte, voller Power und mit gehöriger, auch politischer Wut im Bauch. Aber dann stand ja auch noch ein Jubiläum ins Haus. „beautifulgarbage“ ihr drittes Album, feiert 20. Geburtstag. Da war es klar, dass es hierzu (wie schon zu den beiden Vorgängern) eine luxuriöse Wiederveröffentlichung geben muss. Genug Gründe für ein Gespräch (via Zoom) – und Mastermind Butch Vig hat uns natürlich außerdem auch eine Frage zum Thema Depeche Mode beantwortet.

depechemode.de: Ihr wart ja gut beschäftigt in der letzten Zeit. Neues Album, Remasters zu alten Alben …

Butch Vig: Ich weiß, dass Corona hart für viele Menschen auf der Welt war und ist. Ich habe das Glück, hier ein Heimstudio zu besitzen, in dem ich während des Lockdowns konstant arbeiten konnte. Wir haben das Garbage-Album im Lockdown fertig bekommen, und ich habe noch an einigen anderen Projekten gearbeitet.

War das sehr anders, das neue Album mit all den Einschränkungen aufzunehmen?

Es war schwierig, das Album abzuschließen. Wir hatten das meiste des grundsätzlichen Trackings hier in L. A. am Wochenende vor dem Lockdown abgeschlossen. Es war nur noch ein bisschen was zu schreiben, ein paar Percussions und Keyboards fehlten noch, und Shirley musste noch ein paar Vocals einsingen. Wir dachten, damit würden wir in ungefähr einem Monat fertig werden. Dadurch, dass wir im Lockdown alle voneinander getrennt waren, wurde der Prozess aber erheblich verlangsamt. Um all die Kleinigkeiten fertig zu bekommen und dann ans finale Mixing zu gehen, haben wir dann vier Monate gebraucht. Es gibt die tollsten Technologien – Filesharing, Zoom, Heimstudios, aber die beste Art, Musik zu machen ist, mit jemandem in einem Raum zu sein. Du nimmst etwas auf, du bekommst eine Reaktion, jemand hat eine Idee. Wenn alle voneinander getrennt sind, ist das viel schwieriger. Aber so ist das nunmal, und letztlich sind die Ängste, Probleme und Verrücktheiten dieser Zeit mit in die Platte eingeflossen, besonders in Shirleys Texte. „No Gods No Masters“ ist eine Reflexion darüber, in was für einer verrückten Welt wir leben.

Das ist vielleicht euer politischstes Album bisher.

Da stimme ich zu. Nicht nur Politik, auch persönliche Politik. Und das aus Shirleys Sichtweise als Frau. Es geht um Gier, Rassismus, religiöse Intoleranz … Ich weiß nicht, ob wir in der Vergangenheit so ein Album gemacht hätten. Aber in der Welt von 2020 ergab das definitiv Sinn.

Vom Sound her ist es auch eines eurer druckvollsten Alben, finde ich.

Ja. Drei, vier Songs klingen nach den klassischen Garbage. Was auch immer das ist, das kannst du wahrscheinlich besser definieren als ich [lacht]. Aber es hat eine Intensität, die mich an die Essenz unserer ersten beiden Alben erinnert. Einige Songs haben diese schonungslose Energie. Auf der Tour haben wir drei Songs davon live gespielt, und es macht viel Spaß, die zu spielen. Wenn wir nächstes Jahr auf Tour gehen, können wir hoffentlich fast alle der Tracks live spielen. Wir haben „The Creeps“ noch nicht gespielt, und den will ich unbedingt live spielen. Das ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.

Aber wir sind ja auch hier, um über „beautifulgarbage“ zu sprechen. Ich habe mich in den letzten Tagen durch die 64 Tracks gehört [in der Deluxe Version der 20th Anniversary Edition gibt es jede Menge Bonusmaterial, Anm. d. Red.] …

[grinst] Wow! Gute Leistung, das ist eine Menge.


Wir waren daran interessiert, eine Menge verschiedener Ideen und unterschiedlicher Produktionstechniken im Studio auszuprobieren.

Butch Vig

Was war euer Plan, damals vor 20 Jahren? Das Album unterscheidet sich ja sehr von den ersten beiden Platten.

Als wir mit „beautifulgarbage“ angefangen haben, wollten wir eine Platte, die sich in viele verschiedene Genres verzweigt. Jeder Song sollte seine eigene Einheit bilden. „Can’t Cry These Tears“ ist ein Wink in Richtung Phil Spector, ein paar Songs – wie „Androgyny“ und „Untouchable“ – gehen in die Richtung von R’n’B und HipHop. Wir wollten, dass jeder Song seinen eigenen Platz hat. Das Album sollte keinen spezifischen Sound haben. Darum ist diese Platte vielleicht unsere vielseitigste. Es ist sozusagen unser ungeliebtes Bastardkind [lacht]. Viele Leute waren überrascht, als sie das Album hörten, sie wollten lieber etwas, das wie unsere ersten beiden Alben klang. Wir waren jedoch daran interessiert, eine Menge verschiedener Ideen und unterschiedlicher Produktionstechniken im Studio auszuprobieren.

Ich erinnere mich, dass ich die ersten Singles mochte. Insbesondere „Androgyny“ gehört immer noch zu meinen Lieblingssongs von euch. Aber ich hatte damals ein paar Probleme mit einigen Stücken, vor allem denen, die so ein bisschen nach 60s Pop oder Girlpop klangen. Und vielleicht waren es mir auch ein, zwei Balladen zu viel. Aber nun, nach dem Wiederhören, habe ich meinen Frieden damit geschlossen.

[nickt] Ich auch. Wie ich sagte, es fühlte sich damals etwas ungeliebt an. Wir haben einige der Songs live gespielt – „Cherry Lips“ war ein großer Erfolg, den spielen wir heute noch im Set. „Shut Your Mouth“ haben wir auch oft gespielt. Vier, fünf Songs packen wir immer mal wieder in unser Liveset. Wir fühlen immer noch Liebe dafür.

Einige der Songs haben sich auch über die Jahre entwickelt. „Cherry Lips“ mochte ich auf dem Album erst gar nicht so, dann habe ich den live gesehen und fand ihn gleich viel besser.

„Cherry Lips“ ist live viel roher, auf dem Album ist das eine sehr cleane Produktion. Außerdem haben wir den verlangsamt und Shirleys Vocals beschleunigt, so dass er sehr bizarr klingt. Wir waren überrascht, dass der so ein Hit war, der war auf Platz 1 in Frankreich, Italien, Australien …

Andere Songs wurden möglicherweise von eurem davor aufgenommenen Bond-Song beeinflusst. „Cup Of Coffee“ oder „Nobody Loves You“, die sehr cinematisch sind.

Das Bond-Theme war eine großartige Erfahrung. Wir erkannten, wie ein Song auf eine cinematische Art wirken kann. Als wir „The World Is Not Enough“ aufgenommen haben, haben wir uns sehr bemüht, dass er wie ein klassischer Bond-Song klingt. Wie Shirley Bassey oder einer der John-Barry-Songs. Aber es sollte auch nach Garbage klingen. Dieser Prozess hat dann auch „beautifulgarbage“ beeinflusst, definitiv.

Als meine Frau und ich uns vor ein paar Tagen den neuen Bond im Kino angesehen haben, haben wir uns über Bond-Songs unterhalten und beide festgestellt, dass euer Beitrag unser Favorit ist.

[strahlt] Ich liebe es, dass du das sagst! Ich bin natürlich nicht objektiv, aber für mich klingen ein paar Bond-Themes nicht wie ein Bond-Song. Ich mochte den von Jack White nicht besonders, den von Madonna … Ein paar Songs klingen nicht so, als ob sie zu einem Bond-Film passen.

Hast du den neuen Bond schon gesehen?

Noch nicht. Ich will den im Kino sehen. Ein Freund von mir hat in L. A. nach all den Kinos geschaut, in denen er läuft, und war dann um 10 Uhr morgens drin, mit nur drei weiteren Leuten [lacht]. Also hat er sich relativ sicher gefühlt, und eine Maske hat er auch noch getragen. Vielleicht mache ich das auch so und suche mir so eine Vormittagsmatinee. Ich habe schon gehört, dass der Film großartig sein soll.

Ist er.

Daniel Craig ist einer meiner Lieblingsbonds. Er ist fantastisch.

Zurück zu „beautifulgarbage“: Wie ist das, so ein 20 Jahre altes Album zu remastern, zu den Tracks zurückzukehren?

Es ist immer eine Reise, zu so etwas zurückzukehren, zu all den Mixen, die wir gemacht haben. Damals haben wir auf Tape gemischt. Aufgenommen wurde schon mit Protools, aber für einiges haben wir noch Tapes benutzt. Wir hatten all diese Tapemasters, haben die angehört und sie klangen toll. Es ist lustig: All diese Songs hatten live ein neues Leben. Wir haben sie live verändert, und nun geht man zurück und hört die Originalversionen. Das ist schon ein Trip. Manche Parts hatte man vergessen und nimmt sie nun vielleicht wieder mit in die Liveversion auf.

Selbst wenn man nicht jeden Song mag, waren manche der Songs damals vielleicht sogar ihrer Zeit voraus. „Androgyny“ klingt beispielsweise, als wäre er direkt aus der heutigen Welt.

„Androgyny“ ist ein seltsamer Song. All diese verschiedenen Parts. Die Strophen hatten einen Sound, der Refrain hat diesen schrägen Gitarrenklang [summt ihn vor]. Für uns ergab das Sinn. Als wir ihn unseren Managern vorgespielt haben, fragten die: „Was für eine Art Song ist das denn?“ [lacht] Die fanden ihn damals zu abgedreht, aber das Label mochte ihn und machte ihn zur Single. Wir haben eben versucht, uns vom Sound her herauszufordern.

Ich mag auch „Breaking Up The Girl“ sehr. Da du ja Nirvanas „Nevermind“ produziert hast – ich fühle bei diesem Song (und auch nur bei diesem Song von Garbage) immer irgendwie eine Verwandtschaft zu Nirvana.

Danke, ich nehme das Kompliment! Ich denke, als wir den schrieben, mochten wir besonders diese Melodie, mit der Shirley ankam. Es fängt sehr tief an und dann steigert sich das immer weiter. Wir schrieben das recht simpel auf einer Akustikgitarre, dann kamen eine Menge Gitarrenschichten dazu. Aber geschrieben wurde er so, wie Kurt [Cobain] ihn gespielt hätte. Jetzt, wo du das erwähnst, höre ich die Verbindung, aber das war keine bewusste Entscheidung damals.

Zu „beautifulgarbage“ gab es auch eine Menge B-Seiten, vielleicht die meisten eurer Karriere.

Das könnte stimmen. Zu den Remasters unserer ersten beiden Alben sind wir getourt und haben alle B-Seiten live gespielt. Das ist echt hart, denn einige haben wir vorher nie live gespielt. Einige der B-Seiten von „beautifulgarbage“ werden uns verrückt machen, wenn wir die live versuchen. [lacht]

Ich freue mich schon auf „I’m Really Into Techno“!

Wir wollen nächstes Jahr Konzerte zu diesem Jubiläum spielen – und wenn, dann werden wir auch die B-Seiten spielen, jedenfalls die meisten. Das wird uns bestimmt eine Extrawoche an Proben kosten.

Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, all eure Coverversionen auf eine Platte zu packen? Ihr habt da ja über die Jahre einige angesammelt.

Lustig, dass du das sagst. Wir haben tatsächlich angefangen, eine Liste mit allen Coverversionen zusammenzustellen, die wir gemacht haben. Und wir sprechen mit dem Label darüber, ob wir im nächsten Jahr ein Coveralbum herausbringen. Wenn man die zusammenrechnet, sind das um die 15 Stücke, glaube ich. Weil das Cover sind, müssen wir die erst abklären. Aber aus Bandsicht würden wir die gerne veröffentlichen, einige davon hat sonst noch niemand gehört bisher.

Da ich für depechemode.de schreibe, muss ich zum Schluss unbedingt noch eines fragen: Erinnerst du dich daran, wie du damals den Zephyr Mix von „In Your Room“ gemacht hast?

Das tue ich. Dieser Song war einer der Funken, die Garbage ausgelöst haben. Ich habe einige Remixe gemacht, für Depeche Mode, Nine Inch Nails, Beck, U2 und House Of Pain. Diese Remixe habe ich mit Duke [Erikson] und Steve [Marker] aufgenommen, und das hat uns dazu inspiriert, mit Garbage anzufangen. Ich bin ein riesiger, riesiger Depeche-Mode-Fan! „Violator“ ist in meinen Top 20 aller Zeiten, vielleicht in den Top 10. Wir haben mit den Jungs [von Depeche Mode] über die Jahre auf ein paar Festivals gespielt. Und sie haben dann diese Version von „In Your Room“ live gespielt – es war sehr cool, das live zu hören. Ich hoffe, man trifft sich mal wieder und spielt vielleicht nochmal auf ein paar Festivals zusammen.

Depeche Mode – In Your Room (Zephyr Mix)

Vielen Dank für das Gespräch!

„Garbage – beautifulgarbage“ bestellen:

Label: BMG

„Garbage – No Gods No Masters“ bestellen:

Label: BMG

www.garbage.com

www.facebook.com/GarbageOfficial

Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

1 Kommentar

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  1. yep

    ich fahr grad voll auf Homecomming, Dublonde ab
    d-Danke

Kommentare sind geschlossen.

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