Fletch: „Wir hätten das Konzert besser nicht geben sollen“

In der Frankfurter Rundschau ist in der vergangenen Woche ein Interessantes Interview mit Andy Fletcher erschienen. In dem Gespräch redet Fletch über die Bedeutung von Depeche Mode im Osten und äußert sich besonders zum legendären Auftritt der Band am 7. März 1988 im damaligen Ost-Berlin – viele Fans aus dem Osten ist der Tag noch in guter Erinnerung. Fletchers Erinnerungen an den Tag sind ambivalent: die Band haben unbedingt im Ostteil Berlins spielen wollen. Doch aus heutiger Sicht, „hätten wir das Konzert besser nicht geben sollen. Wir haben uns da wohl für die Partei einspannen lassen.“

Wir möchten von Euch wissen: Seht ihr das Konzert im Nachhinein genauso kritisch wie Fletch? Oder ward Ihr damals einfach nur froh, dass Depeche Mode in Ost-Berlin auftraten?

Letzte Aktualisierung: 21.9.2012 (c)

 Sven Plaggemeier
Sven ist Gründer und Betreiber von depechemode.de. In seinem Hauptberuf arbeitet er als Redaktionsleiter eines Stadtportals. Du kannst Sven bei Facebook, Xing und LinkedIn treffen.

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Kommentare

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  1. Rick
    3.11.2009 - 9:14 Uhr
    30

    Ich war damals gerade 16 Jahre alt und wohnte im Berliner Umland. Zusammen mit zwei Freunden fuhr ich zur Werner-Seelenbinder-Halle. Auf dem Platz davor war alles voller Fans. Das waren defintiv nicht alles verkleidete Stasi-Mitarbeiter, die sich dann nur gegenseitg bewachten. Die Behauptung, DM hätten nur vor ausgesuchten FDJ’lern, Nicht-Fans und Staatstreuen gespielt ist totaler Humbug. Auch wenn die Karten tatsächlich nach diesem Prinzip verteilt wurden, gab es doch eine große Schar an echten Fans die in der Halle waren, denn auf dem Platz davor, wurde reger Handel mit den Karten betrieben. Zwar waren diese absolut überteuert (ich stand daneben, als jemand sein nagelneues Motorrad gegen eine Karte getauscht hat!!!) aber es gab trotzdem eine bemerkenstwerte Zahl an Leuten, die sich so doch noch Karten gesichert hat. Mir war es leider nicht möglich so an eine Karte zu kommen, da ich nicht so viele „Mittel“ dabei hatte! Über einen umgestürtzten Baum wollten wir zunächst versuchen unentdeckt auf das Gelände zu kommen, doch einer meiner Freunde bekam kalte Füße. Aus heutiger Sicht, läufts mir eiskalt den Rücken runter wenn ich bedenke, was man uns da für’n Strick draus hätte drehen können.
    Trotz allem finde ich es absoult richtig, dass DM damals gespielt haben. Sie haben uns ja damit auch Hoffnung gegeben. Und am wichtigsten ist doch, was sie selsbt und die wahren Fans gespürt haben!

  2. depecher
    3.11.2009 - 8:56 Uhr
    29

    Kleiner Nachtrag!

    Was heißt bevorzugt.

    Ich meine, heute wird man auch bevorzugt, wenn man viel Kohle und Verbindungen hat.
    Diese Tatsache ist doch nicht nur der krassen DDR vorbehalten gewesen.

    Überall läuft es mit Verbindungen, auch in diesem Land.

    Und wie gesagt ich bin weder Mitteldeutscher (Ex-DDR-Bürger), noch bin ich Kommunist (finde ich absolut daneben), doch ich bin Realist und objektiv. In diesem Land läuft vieles ebenfalls nicht korrekt ab und einige Leute sind auch in diesem Land etwas gleicher als andere Mitbürger.

  3. depecher
    3.11.2009 - 8:51 Uhr
    28

    Ich bin Wessi und habe damit überhaupt keine Probleme. Auch damals nicht – im Gegenteil – die Ossis hatten doch auch ein Recht darauf DM zu hören. Von Einspannen kann hier auch nicht die Rede sein, denn woher sollten DM wissen, dass am Ende auch viele Linientreue bevorzugt wurden.

    Aber egal, viele Ossis schwärmen noch heute davon… so schlecht kann es dann ja nicht gewesen sein.

    Für was man sich in der realexistierenden BRD auch alles verantworten muss… nur die Banker, Aufsichtsräte u. Politbonzen müssen sich nicht rechtfertigen, wenn sie die Bevölkerung hintergehen.

    Ich sage immer, kehre vor deiner eigenen Haustür BRDrr-AG!

  4. nachtbaer1
    3.11.2009 - 8:43 Uhr
    27

    Hallo,

    @stefie-im-netz: ganz ehrlich hab ich niemals mitbekommen, das Depeche Mode im Osten als Rechts galt. ELF99 im TV & DT64 im Radio spielten nicht nur einmal die Songs der Jungs, ich kann mich noch zu gut erinnern, das an vier Samstagen hintereinander die „101“ im Mittagsprogramm lief (incl. Pimpf). Der Begriff „Pimpf“ bezeichnet im Ursprung auch nicht die Mitglieder der HJ, sondern ist eine der älteren Bezeichnungen für einen Knaben um die 10 – 13 Jahre.

    Sicher wurden die Karten wie vieles in der DDR nur als Bückware gehandelt und wurden zum größtenTeil an verdiente FDJ Miglieder und die Bekannten und Freunde der SED-Member veteilt. Und wer belohnt seine Mitglieder mit einem Konzert des Klassenfeindes. Es war auch fast nirgends bekannt, das sie da waren. Der Saal sah auch dementsprechend aus, mit den Parteilern und FDJ-lern. Aber es gab auch, ich nenn es mal freie Fans, welche ein gigantisches und für DDR-verhältnisse einmaliges Konzert erlebt haben.

    Grüße

  5. Lil
    3.11.2009 - 6:24 Uhr
    26

    @elefant
    schön, dass das nicht nur ich so sehe ;-)!

  6. kismarton
    3.11.2009 - 5:39 Uhr
    25

    sehr schönes Interview

    ich kann mich auch noch gut erinnern, wie wir in der ‚Provinz‘ im Nachhinein (ich meine es war ein Artikel mit einem Kurzinterview in der „Jungen Welt“ eins, zwei Tage später) von dem Konzert erfahren haben.

    Die Tickets wurden ja nicht nur für DM so verteilt, sondern das war ja generell üblich, wenn „Westbands“, selbst ‚Schlagerstars‘ in die „DDR“ gekommen sind.

    Meiner Ansicht nach, war dieses Konzert für die „DDR“ ein Eigentor. Wer keine Karten bekommen hatte (und das war ja die übergroße Mehrheit) war frustriert – es war bei mir ein weiterer Moment, der mich in der Ablehnung dieses Staates bestärkt hat. Na und wer da war, der wird ja auch gewußt haben, wenn es vorbei ist und die Mauer in 50 oder 100 Jahren noch steht, dann wird es wohl auch sehr wahrscheinlich bei diesem einem einizigen Konzert bleiben. Besser kann man die Jugend nicht für sich „begeistern“…

  7. yvette
    2.11.2009 - 23:02 Uhr
    24

    Ein sehr interessantes Interview…
    Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern – war damals in der 9. Klasse.
    @ Kathrin (Nr.17): Du sprichst mir aus der Seele!

    LG Yvette

  8. Jailofficer
    2.11.2009 - 22:36 Uhr
    23

    @Liebling von Dave
    @ schuelbe

    Bei allem „nur FDJ“ nur „100%ige“…..wer das Konzert miterlebt hat der weiß, dass DM trotzdem gefeiert wurden und fast alle mitgesungen haben. Würde das bedeuten, dass alle DM Fans systemnah waren? (bitte ironisch sehen)
    Ich kenne auch Leute, die nicht in der FDJ waren und trotzdem Karten von der Schule bekommen haben.
    Die Chance, überhaupt eine zu bekommen, wäre eh fast null gewesen. Und selbst bei einem regulärem Verkauf hätten mit Sicherheit auch die „Falschen“ die Karten bekommen-nämlich die anderen;-) .

  9. Mcmodie
    2.11.2009 - 22:36 Uhr
    22

    Ich komme aus nem Grenzdorf in Thüringen und hab so gar nix mitbekommen,das DM in Berlin sind!Erst nen Tag später in der Jungen Welt!Ja und es war leider so,daß die Karten nicht an Fans sondern an gute FDJdler verteilt wurden!
    Im Nachhinein betrachtet ist da schon einiges mies gelaufen in der DDR!
    Aber zu meinen Noch DDR Zeiten waren DM kein Underground mehr,sondern liefen auf DT64 ständig!Waren also sozusagen vom System genehmigt!Werde nie die electronics Sendungen mit dem Depeche mode Titel der Woche vergessen!Dadurch wurde ich erst zum DM Fan(Danke Olaf Zimmermann und Kollegen)!

  10. stefie-im-netz
    2.11.2009 - 22:26 Uhr
    21

    Hallo,
    ich denke schon, dass es besser gewesen wäre, wenn sie das Konzert nicht gegeben hätten.
    Der Grund:
    Die SED und die FDJ haben Depeche Mode FAns als Staatsfeinde angesehen und der rechten Szene zugeordnet.
    Ich mußte zu der Zeit für den Betrieb, in dem ich meine Ausbildung machte, die Rolle des FDJ-Sekretärs übernehmen. Ob ich nun wollte oder nicht, es mußte einer den Job machen und das war halt ich.
    Und in diesem Zusammenhang mußte ich halt auch zur „Rotlichtbestrahlung“ durch die FBJ Kreisleitung und dort ging es unter anderem um die Fans von Depeche Mode, zu denen ich mich schon damals gezählt habe und auch heute noch zähle. Und wie ich es schon am Anfang meines Betrags geschrieben habe, diese wurden der rechten Szene zugeordnet und offiziell in dieser „Veranstaltung“ als nicht erwünscht eingestuft.
    Da mir die Sache aber zu dumm war, wollte ich mit der Begründung, dass ich „Staatsfein“ (Depeche Mode Fan) bin, die Veranstaltung verlassen und habe es denn Herren der Kreisleitung auch so mitgeteilt und nach langer bDiskussion auch getan.

    Grund war für die Herren der Partei und der FDJ, dass ein Song „Pimpf“ heist und dies ja der Name der Kinderorganisation der NSDAP war. Also, rechts!!

    Und dann kommen die Jungs und spielen vor Schüler und FDJ-lern, die zum Teil verpflichtet wurden, dahin zu gehen.
    Und die FDJ rühmte sich, dass sie es geschafft haben, Depeche Mode in der DDR spielen zu lassen.

    Ich sage Euch, es wäre besser gewesen, wenn sie es nicht gemacht hätten.
    Ein Normalsterblicher hatte da keine Chance gehabt, überhaupt eine Karte zu bekommen und es gab viel böses Blut unter den Fans in der Gegend aus der ich stamme.

    So, das ist meine Meinung, zu der ich stehe.

    Einen schönen Abend

    Stefan