editors_2015

Die Editors haben mit „In Dream“ ein hervorragendes fünftes Album veröffentlicht. Kurz vor Erscheinen gaben sie im kuscheligen Berliner SO36 ein Releasekonzert – und wir durften Keyboarder Elliott Williams mit ein paar Fragen löchern.

Ich habe da ja eine Theorie. Editors-Alben sind ein bisschen das Gegenteil von Star-Trek-Filmen. Dort gelten ja die geradzahligen Filme als die besonders guten, bei euren Alben sind, wie ich finde, die ungeraden Alben die wirklich tollen. Ein Zufall?

[lacht] Ich weiß nicht, ob ich die Star-Trek-Theorie bestätigen kann. Wir bzw. die Band [Williams selbst ist erst seit dem vorletzten Album dabei, Anm. d. Red.] waren eigentlich immer auf eine langfristige Karriere aus. Da gibt es Alben, wo man in Ruhe überlegt, was man damit erreichen will. Und es gibt Alben, die eher für die (Live-)Shows gemacht sind. Das bekommt man aber oft erst im Rückblick mit. Beim letzten Album hatten die Editors eine schwierige Zeit, weil Chris [Urbanowicz] die Band verlassen hatte, und es darum ging, wieder zu einer richtigen Band zu werden. Darum klang das Album dann nach fünf Jungs in einem Raum, die Musik spielen. Beim neuen Album jetzt wussten wir, ja, wir können zusammen spielen, wir sind eine Band, wir touren zusammen, wir mögen uns. Lasst uns vorwärts schauen, eine Platte aufnehmen, die all unsere Geschmäcker widerspiegelt. Es ist auch mehr ein Studioalbum, während das letzte eher ein Livealbum war. Und es ist ein bisschen wie eine Rückkehr zur Richtung des dritten Albums.

Ja, ihr ändert den Sound oft sehr stark von einem Album zum nächsten. Was, wie ich finde, ziemlich mutig ist. Ihr hättet ja auch den einfachen, den Coldplay-Weg (in Richtung Mainstream) nehmen können.

Stimmt [lacht]. Das sind so Dinge, über die man eigentlich erst nachdenkt, wenn man die Interviews gibt. Da überlegst du plötzlich: „Warum haben wir das getan?“ Als wir ins Studio gingen, hatten wir erst nur so eine vage Idee, wohin es gehen sollte. Wir wollten wieder zurück zu einem mehr elektronischen Sound. Wir fühlten, dass das, was mit „In This Light And On This Evening“ begonnen wurde, noch nicht abgeschlossen war.

„In Dream“ hat viele Ähnlichkeiten zu „In This Light…“ – das war also von Anfang an so beabsichtigt?

Ja, wir wollten gerne zu der Atmosphäre dieses Albums zurückkehren, da wir diese sehr mögen und weiter erforschen wollten.

Ihr habt das Album weit weg von den großen Städten in Crear in Schottland aufgenommen. Was waren die Gründe dafür?

Wir waren lange auf Tour und somit viel in Städten unterwegs. Dann kommt man nach Hause – zwei der Jungs haben mittlerweile Familie und Kind – und so wollten wir eher nicht in London von neun bis fünf Uhr aufnehmen gehen, sondern haben lieber die ersten Demos von Tom [Smith, Sänger] genommen und sind damit in dieses Studio, weit weg in Schottland, gefahren. Dort haben wir angefangen, an den Demos zu arbeiten und hatten bald „No Harm“ quasi in der Version fertig, die man jetzt auch hört. Und dann war es unser Manager, der, als wir über Produzenten, beispielsweise Flood [der „In This Light…“ produzierte], nachdachten, sagte: „Gefällt euch das, was ihr da aufgenommen habt? Wollt ihr da noch groß etwas ändern?“ Uns gefiel es sehr gut, und das war der Punkt, an dem wir entschieden, das Album selber zu machen. Sollte das nicht klappen, okay, wenn aber doch, dann hätten wir vielleicht etwas ganz Besonderes.

Ihr habt dann nur das Mixing an Alan Moulder abgegeben. Würdet ihr ein Album nochmal auf diese Weise aufnehmen wollen?

Liebend gern! Man kann an der Instrumentierung oder an den Geräten immer etwas ändern, aber vom Grundsatz des Prozesses würden wir das gerne wieder so machen.

Eine Frage speziell für dich, Elliott: Der elektronische Stil des Albums müsste dir als Keyboarder ja entgegenkommen. Wie groß war dein Einfluss dieses Mal?

Ach, wir sind eine sehr multiinstrumentale Band. Wir können alle Keyboard spielen und haben unseren Teil beigetragen. Tatsächlich stammen einige der markantesten Keyboardlinien auf dem Album von Ed [Lay, Drummer der Band]. Es ist ein sehr kollaboratives Album. Aber klar, mir kommt der Sound sehr entgegen. Ich liebe Synthesizer und elektronische Musik, es macht riesigen Spaß, sich in dieser Welt zu vergraben.

Da sind einige Songs auf dem Album, die stark nach 80er-Pop klingen. Wie „Life Is A Fear“ oder „Our Love“, was stark an Bronski Beat und Jimmy Somerville erinnert. Wer sind die großen 80s-Fans in der Band?

Das sind wir alle. Okay, Justin [Lockey, Gitarrist] vielleicht etwas weniger. Wir lieben diesen Sound und haben in der Garderobe auch oft diese Art von Musik laufen. Wir scheuen nicht davor zurück – während ja viele Leute „Eighties“ als Schimpfwort betrachten.

Dem können wir als Depeche-Mode-Fanseite nicht zustimmen! [lacht]

Genau. Es gab einfach sehr viele gute Musik in der Zeit. Großartige Songs und Melodien. Und es wurde sehr kreativ am Sound gearbeitet, da wurden Grenzen überschritten und erweitert. Die ganze moderne Tanzmusik stammt ja vom Synthiepop ab.

Wie kamt ihr dazu, dieses Mal drei Songs als – mehr oder weniger – Duette aufzunehmen? Und wie kamt ihr auf Rachel Goswell von Slowdive?

Wir haben gemeinsame Freunde. Als Slowdive wieder zu touren begannen, sahen wir sie ein paar Mal. Rachel ist ein toller und lustiger Mensch, wir haben uns über männlichen und weiblichen Gesang unterhalten und mögliche Background-Vocals. Wir haben sie dann gefragt, ob sie nicht eine Woche zu uns hoch nach Schottland kommen möchte – und das funktionierte. Tom hatte einiges schon eingesungen, aber wir dachten, es könnte gut mit ihrer Stimme klingen. Und zum Beispiel „The Law“ bot sich geradezu an, da der Song wie ein Dialog mit dem Gewissen gehalten ist, und ihre himmlische Stimme da perfekt passte.

Tom schreibt ja die Texte, aber vielleicht kannst du trotzdem etwas dazu sagen? Es gibt einige sehr interessante Zeilen auf dem Album, wie „Crush my bones into glue“ oder „The flag in your hand don’t make you American“. Die bringen einen zum Nachdenken und sind oft recht offen für Interpretationen. Wie reagiert ihr als Rest der Band, wenn Tom mit so etwas um die Ecke kommt?

Tom weiß manchmal selbst nicht, wo die Texte herkommen. Deswegen heißt das Album auch „In Dream“. Wir haben viel über die traumähnliche Realität gesprochen und über diese Momente, wo man nicht weiß, ist man schon wach oder träumt man noch? Was die Interpretation angeht: Ich stelle mir das immer als verschiedene Charaktere vor. Da ist eine Person, die sehr wütend auf die Welt ist – und dann kommt das Unterbewusstsein und sagt „Mach dich mal locker und entspann dich! Wenn du dich zu sehr aufregst, wird das die Probleme nicht lösen.“ Ich liebe Toms Texte, sie berühren viele Menschen auf unterschiedliche Art und Weise. Es ist auf Tour dann schön mitzuerleben, wie die Menschen darauf reagieren. Und wie sich auch Texte im Laufe der Zeit von der Bedeutung her entwickeln. Wie bei „Open Your Arms“ vom ersten Album. Wenn man die aktuelle Flüchtlingskrise sieht und den Text „Open your arms and welcome people to your town“ hört. Musik kann so viele Bedeutungen annehmen.

Ihr habt auch viel Aufmerksamkeit auf die optischen Aspekte gelegt. Die Videos und das Artwork von Rahi Rezvani sehen großartig aus. Wie kamt ihr auf ihn und wird er auch an den Tour Visuals arbeiten?

Er ist ein echt interessanter und sehr cooler Typ. Wir haben ihn über jemanden kennengelernt, der für uns Fotos gemacht hat. Der hat ihn uns empfohlen. Wir haben uns seine Arbeit und seine Website angesehen und ihn getroffen. Er war sofort sehr enthusiastisch, und wir beschlossen, dass wir etwas zusammen ausprobieren sollten. Und wenn es funktionieren würde, könnten wir ihm die komplette künstlerische Kontrolle darüber geben. Und so kam es. Sonst arbeiten wir ja mit vielen verschiedenen Leuten, Videoregisseuren und so, und jeder hat seine eigenen Ansichten – doch mit ihm läuft das richtig gut. Rahi kommt dann mit einem Treatment an (auch für die Tour), und du denkst manchmal zuerst, was soll das denn? Aber er hat dieses Auge dafür, und wir wissen, dass wir ihm komplett vertrauen können.

Ihr seid auch für eure zahlreichen und guten B-Seiten bekannt. Wie viele Songs wurden dieses Mal geschrieben, und wie viele sollen veröffentlicht werden?

Wir haben etwa vier weitere Tracks. Ein Teil ist auf der Deluxe Version des Albums, an einem arbeiten wir gerade noch und überlegen an einer coolen Art ihn herauszubringen. Und bei einem hat es bisher nicht funktioniert, den sehen wir uns vielleicht in ein paar Wochen nochmal an.

Okay, letzte Frage: Was läuft derzeit im Tourbus, und hast du vielleicht Geheimtipps für unsere Leser?

Wir fangen ja erst mit der Tour an, mal sehen, was dann so läuft. Aber wir sind Riesenfans von Jon Hopkins, seine Sachen werden immer besser und besser. Ich bin sehr gespannt, was als Nächstes von ihm kommt. Dann war da Nils Frahm…

… der zuletzt auch viel an Soundtracks gearbeitet hat.

Stimmt. [überlegt] So viele neue Sachen haben wir zuletzt gar nicht gehört. Interessant war das, was 2manydjs [die Jungs von Soulwax] und James Murphy mit dem Despacio Soundsystem gemacht haben. In deren (Vinyl-)Mixen lief dann viel cooler Synthiepop, oft auch tolle Platten, die es auch irgendeinem Grund nicht geschafft haben. Und da war „Magic“, dieser Song von Olivia Newton-John dabei. An sich möglicherweise ein ganz furchtbarer Song [lacht], aber an der passenden Stelle brilliant.

Vielen Dank für das Gespräch!

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P.S. Und hier nochmal die verbleibenden Tourdaten:
09.11.2015 – Berlin, Columbiahalle
10.11.2015 – Offenbach, Stadthalle
12.11.2015 – München, Tonhalle
13.11.2015 – Straßburg, La Laiterie
29.11.2015 – Wien, Planet.tt Bank Austria Halle Gasometer
13.12.2015 – Zürich, X-Tra

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Letzte Aktualisierung: 9.11.2015 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentar

  1. XXX
    1
    9.11.2015 - 12:14 Uhr

    Vielen Dank für dieses großartige Interview !
    Vielleicht sieht man sich heute Abend in der ersten Reihe ;-)