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Über Berliner Winter und assoziatives Schreiben

Sarah P. im Interview: „Ich möchte die Leute herausfordern.“

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Sarah P., deren feines Album „Who Am I“ wir nach wie vor wärmstens empfehlen, hat einen neuen Song veröffentlicht (genauer gesagt kommt er am Freitag heraus). Nein, eigentlich nicht neu. Es ist nämlich eine Coverversion. Von Nine Inch Nails! Toll! Und Anlass für uns, euch endlich unser Interview mit dieser interessanten und intelligenten Künstlerin ans Herz zu legen.

Vorab aber erst einmal ihre Version von „Right Where It Belongs“:

depechemode.de: Zwischen der Vorab-EP [„Free“, Anm. d. Red.] und dem Album [„Who Am I“] ist ja einige Zeit vergangen, in der sich auch dein musikalischer Stil ein wenig verändert hat.

Sarah P.: Ich denke, als ich die Band [Sarah war zuvor bei Keep Shelly In Athens] verließ, wollte ich wirklich mit verschiedenen Stilen experimentieren, mit anderen Leuten arbeiten. Es braucht Zeit, bis man seinen eigenen Stil und Weg gefunden hat.

Stimmt.

Das Album ist dichter an mir, meinem persönlichen Stil, meinem Selbst, meiner Person dran. Ich mag die EP, aber sie ist vielleicht doch etwas zu experimentell, zu kantig.

Okay. Wobei das Album ja in Teilen durchaus auch experimentell ist. Also jedenfalls nicht einfach geradeaus.

Ja, das ist es nicht. Aber es ist runder, es hat einen einheitlichen Sound.

Es passt alles besser zusammen.

Exakt.

Also hattest du auch nie vor, Songs der EP mit aufs Album zu nehmen?

Das wollte ich nicht. Es fühlte sich nicht richtig an. Für mich war das ein abgeschlossenes Kapitel. Und nun wollte ich zum nächsten Kapitel weitergehen, eine neue Story schreiben.

Berlin During Winter“ war der Song, der vorab veröffentlicht wurde. Ist dieser auch zuerst entstanden?

Es ist komisch. Das war einer der letzten Songs, die ich geschrieben habe, und es ist auch der letzte Song auf dem Album. Aber es fühlte sich so an, dass er der erste Song sein sollte, den ich mit den Leuten teilen wollte. Er verband auch die Punkte zwischen EP und Album. Er ist dunkler und nicht so leicht zugänglich. Eigentlich ein seltsamer Teaser und eine seltsame Idee [lacht].

Aber so bleibst du interessant.

Ja. Und er wurde im Winter veröffentlicht, und ich glaube, er reflektiert wirklich die Stimmung, die im Berliner Winter herrscht. Er passte zur Atmosphäre und zu diesem Grau.

Und es passt auch jetzt zum Wetter da draußen!

Das ist nicht Teil meiner Promotion! [lacht]

Du hast ein ziemlich düsteres Video zu dem Song veröffentlicht, mit Bildern vom Krieg.

Das war zu einer Zeit, in der Syrien (mal wieder) bombardiert wurde. Ich konnte das nicht ertragen, es brach mir das Herz, das zu sehen. Zu der Zeit begann das mit den Videos in den sozialen Medien, die diese Realität zeigten. Was ich mit dem Video erreichen wollte, war, zu zeigen, was früher passiert ist. Um jeden daran zu erinnern, dass so etwas immer noch irgendwo passiert. Auch wenn es weit weg von zu Hause ist – für andere Menschen ist es nicht so weit weg. Um hoffentlich zusammen mit meinen Texten klar zu machen, dass wir dahin kommen müssen, so etwas zu verhindern.

Da sind noch andere Songs mit dunklen Sounds und Inhalten auf dem Album. Beispielsweise „Instead Of You“. Fängt musikalisch sehr elektronisch an und wird dann im Verlauf etwas akustischer, dazu ist der Text sehr düster.

Wie ist es möglich, dass eine 27-jährige Frau in Berlin an Lösungen überlegt, und die Menschen, die die Welt regieren, tun das nicht?

Den Song schrieb ich vor zwei Jahren, der sollte erst mit auf die EP. Zu der Zeit hieß er noch „I’d Go“. Ich nahm ihn auf, ich mochte ihn nicht. Aber ich hatte da schon verkündet, dass ein Song mit dem Titel „I’d Go“ herauskommen würde. Also schrieb ich stattdessen einen neuen Song mit dem Titel „I’d Go“ anstelle von diesem – und so wurde dieser zu „Instead Of You“ [lacht]. Hier geht es offensichtlich auch um Krieg, darum nahm ich diese männlichen Stimmen auf, die brüllen, dazu diese marschierenden Soldaten und die Sounds von per Kabel kommunizierenden Soldaten. Es kam auch aus dieser Motivation, in Fragmenten an den Krieg zu erinnern, wie er sich für mich aus der Ferne anfühlt. Wie ist es möglich, dass eine 27-jährige Frau in Berlin an Lösungen überlegt, und die Menschen, die die Welt regieren, tun das nicht?

Ein anderer inhaltlich recht düsterer Song – keine Sorge, wir kommen noch zu den fröhlicheren – ist „Millenial Girl“. Der zeichnet sehr akkurat ein Bild des modernen Lebens. Ist der autobiographisch oder mehr aus der Beobachterperspektive?

Es ist eine Mischung. Egal, wie sehr ich versuche, mich von den Eitelkeiten unserer modernen Welt fernzuhalten, ich kann es nicht. Das Internet, die sozialen Medien oder auch die Industrie, in der ich arbeite – das ist alles sehr selbstzentriert. Es beginnt bei einem selbst und strahlt dann erst nach außen ab. Meine Generation ist damit aufgewachsen, kommt da nicht raus, kann dem nicht entfliehen. Der Song ist also definitiv nicht verurteilend.

Das wäre zu einfach.

Genau. Er soll so etwas wie eine Brücke bilden zwischen den Millenials und den anderen Generationen, die nicht zu verstehen scheinen, wie diese Gruppe von Menschen mit ihrer Identität, ihrer Präsenz und ihrem Einfluss in der Welt zu kämpfen hat.

Denkst du, dass diese Welt des Konsumierens sich in naher Zukunft ihrem Ende nähert? Oder zu einem Ende kommen muss?

Muss sie bestimmt. Wir müssen uns immer weiterbewegen, egal, wo das Ende des Tunnels ist. Selbst wenn da eine Klippe ist, von der wir fallen können. Aber da ist kein Ende, wir drehen uns immer weiter, also bin ich nicht sicher, ob es da einen Ausweg gibt.

Ein weiterer Song ist „Summer Prince“, der zumindest teilweise sehr nach den 80ern klingt. Das ist auch derjenige, den man am ehesten als Dreampop bezeichnen könnte und der auch ein bisschen eine Verbindung zu deiner früheren Band herstellt, oder?

Das stimmt. Der ist dichter am Sound von Keep Shelly In Athens. Weil er auch von meinen Teenagerjahren und meiner Familie inspiriert ist. Da ist diese Nostalgie über den Sommer, Sonnenuntergänge, Herumreisen in Griechenland.

Kommst du heutzutage noch zum Urlaub in die griechische Heimat?

Ich wünschte, es wäre so. Ich war seit langer Zeit nicht im Urlaub. Aber dieses Jahr schaffe ich das!

Auf der anderen Seite sind auch ein paar hellere Songs auf dem Album. Einer davon ist „Lovestory“, der nach einem unironischen, etwas minimalistischen Liebeslied klingt. Setzt du dir selbst Grenzen, damit es nicht zu kitschig oder cheesy wird (was der Song ja auch nicht ist)?

Ich habe keine Angst davor, cheesy zu sein. Das ist es, was bei „To You“ passiert ist.

Das wäre die nächste Frage gewesen.

[lacht] In „Lovestory“ geht es mehr um das Heilende einer Beziehung. Um ehrlich zu sein, ich setze mir keinerlei Limits, wenn es ans Schreiben meiner Texte geht. Das ist sehr intuitiv. Ich schreibe einfach, und hoffentlich ergibt es hinterher Sinn. Ich liebe freie Assoziation, versuche, mich beim Schreiben treiben zu lassen. Es wird ehrlicher, wenn man sich nicht zurückhält.

Musikalisch sind einige sehr schöne Gitarrensounds auf dem Album. Z.B. in „Away From Me“. War dieser Gitarreneinsatz von Anfang an geplant oder entwickelte sich das während der Aufnahmen?

Das hat sich bei den Aufnahmen ergeben. Ich habe mit einem sehr begabten Gitarristen gearbeitet, George Priniotakis, mit dem ich in Athen die Platte produziert habe. George hat alle Gitarren auf dem Album gespielt, dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Einer meiner Favoriten ist „Forget Regret“, das ist poppig, hat einen starken Refrain und tolle Synthiesounds. Hast du vor, diesen oder andere Songs remixen zu lassen?

Ja. Wir arbeiten an ein paar Remixen. Es ist die größte Ehre, wenn andere Künstler dich remixen. Es ist auch erfrischend, einen anderen Blick auf die eigene Musik zu bekommen.

[Einschub: Hier hört ihr den New Division Remix von „Lovestory“:]

Wie arrangiert man die Trackreihenfolge für so ein Album? War das schwierig für dich?

Und ob! Sie sagen einem immer, pack die Singles an den Anfang! Die drei besten Songs, die eingängigeren, zugänglicheren. Ich bin kein großer Fan von so etwas [lacht]. Ich möchte die Leute herausfordern. Also habe ich die meiner Meinung nach poppigeren, leichteren Stücke nach hinten gepackt. Ein Album hat für mich viel mit Storytelling zu tun. Das wollte ich mit der Trackorder erreichen. Und um alles dann noch zu verkomplizieren, kommt ganz am Schluss „Berlin During Winter“. [lacht]

Damit der Hörer nicht zu fröhlich aus dem Album gelassen wird.

Genau [lacht]! Nein! Ich möchte natürlich, dass jeder glücklich wird. Aber, wie ich sagte, mir ist es wichtig, die Leute herauszufordern.

Sie zum Nachdenken zu bringen.

Ja, es ist in diesen Zeiten wichtig wach und aufmerksam zu sein.

Das stimmt. Deine Stimme wird mitunter mit großen Namen verglichen. Kate Bush oder Björk. Mir sind da noch ein paar andere eingefallen, die Skandinavierinnen wie Karin Park oder Karin Dreijer [Fever Ray, The Knife]. Hast du das schon selbst bemerkt und beeinflusst dich so etwas?

Um ehrlich zu sein, ich fühle mich da sehr geschmeichelt. Wenn ich doch nur so eine talentierte Sängerin wäre! Ich halte mich nicht für so eine starke Vokalistin. Ich mache mein Ding und versuche nicht, wie irgendjemand anders zu klingen. Es ist lustig, denn natürlich ähneln sich manche Stimmen.

Zum Schluss frage ich immer gern, was derzeit im Tourbus rotiert. Also, was für Musik du derzeit hörst oder während der Aufnahmen gehört hast.

Hm. Das ist sehr lustig, derzeit hören wir zu Hause sehr viel David Brent [ein von Ricky Gervais gespielter, fiktiver Charakter aus der Serie „The Office“, der mittlerweile mit seiner fiktiven Band im Film „Life On The Road“ auf Tour war].

Oh, das muss ich mir noch zulegen! Die Videos sind so lustig.

Die sind großartig! Ricky Gervais ist ein komödiantisches Genie! Das wäre meine Antwort: David Brent. Und Nine Inch Nails!

Vielen Dank für das Gespräch!

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Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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