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Querbeats – Roundup Oktober 2023

Alte Bekannte oder neue Freunde – der Oktober bot musikalisch von vielem etwas. Wir haben uns die aktuellen Alben von Morphose, Metric, LSSNS, Wild Nothing, Hope, Martin Herzberg & Felix Räuber, OMD und Brockdorff Klang Labor genauer angehört.

Gute Musik aus Hannover? Doch, das geht (und Hannover wird sowieso sträflich unterschätzt). Christoph Schauer hat(te) schon verschiedene Bands (LEM, Cyto), hat sich bisher aber insbesondere als Komponist von Film- und Serienscores einen Namen gemacht. Mit Morphose ist ihm sein wohl größter Wurf gelungen, vor einigen Jahren schon mit einer ersten, im letzten Jahr mit einer zweiten EP und nun endlich mit einem Album. Auf „The Open Shutter“ bündelt er seine Stärken – dunkle, elektronische Sounds, die das Kopfkino ankurbeln, verbunden mit eingängigem Synthiepop – und seine musikalischen Freundschaften. Lennart A. Salomon, Sven Friedrich, Christian Schottstädt, das sind ganz feine Gastvokalisten (und längst nicht alle, Viktorija Kukule, Arc Morten und Sascha Klein dürften auch viele kennen), die einem der besten Alben aus der „Szene“ in den letzten Jahren die Kirsche auf die Torte singen.

Metric schieben ein reichliches Jahr nach dem formidablen „Formentera“ den zweiten Teil nach. Da hat man schnell Vorbehalte. Und ja, sensationelle Hits wie „Doomscroller“ oder „All Comes Crashing“ kann „Formentera II“ nicht auffahren. Aber die Kanadier um die nach wie vor mit ihrer Energie jede Bühne zum Strahlen bringende Sängerin Emily Haines haben genug Qualität im Gepäck, um ein solides (und stark produziertes) Album randvoll mit geradlinigem Indiepop, mal für die Tanzfläche, mal fürs Lagerfeuer, abzuliefern.

Synthwave ist ja so eine Musik, die man schnell im Kopf mit einem Soundtrack verbindet. Selbst wenn es den Film oder die Serie dazu gar nicht gibt. Schönen Dank auch, „Stranger Things“ und „Drive“! Andererseits macht das ja nichts, wenn die Fantasie gefördert wird. Was auch bei „Transit“ gelingt, dem Debütalbum von LSSNS. Das finnisch-deutsche Trio mischt poppige Synthesizer und sphärische Flächen – und vergisst bei all der futuristischen Stimmung, die sowohl melancholisch als auch positiv herüberkommt, vor allem die Melodien nicht.

Wir sprachen ja gerade vom Filmischen in der Musik. Das beherrscht Jack Tatum auch bestens, denn die Alben seiner Band Wild Nothing klingen immer, als würden sie sich für die Vertonung eines noch zu entdeckenden John-Hughes-Films (na warten wir mal, bis die KI anfängt, so etwas zu erzeugen), ca. späte 80er-Jahre, bewerben. Das gelingt auch auf „Hold“ wieder wunderbar, da reiht sich ein schwelgerischer Moment an den nächsten.

Sie waren gegen Ende der europäischen Sommertour Vorband von Depeche Mode, daher müssen wir euch Hope nicht mehr vorstellen. Alles darüber und über den Entstehungsprozess ihres zweiten Albums könnt ihr hier in unserem Interview nachlesen. Am besten legt ihr dazu „Navel“ auf, denn dieses Album ist jede Empfehlung wert. Nicht so wuchtig und wütend wie das Debüt, stattdessen intensiver in den Zwischenebenen unterwegs. In dieser Ruhe wohnt eine enorme Kraft, aber irgendwo brodelt es auch immer. Eine Platte zum Herunterkommen vielleicht, aber auch eine zum genauen In-sich-hinein-Hören.

Martin Herzberg & Felix Räuber … Moment mal: Wer erinnert sich noch an Polarkreis 18? Hände hoch! Ah, wir sind also nicht allein allein. Während der Rest der Band seit einigen Jahren mit Christian Friedel als Woods Of Birnam sehr erfreuliche Musik macht, war Sänger Felix Räuber zunächst solo aktiv. Nun hat er sich aber mit Pianist Martin Herzberg zusammengetan. Und einen besseren Albumtitel als „The Art of Dreaming“ hätten die beiden für ihre schwerelose Platte nicht finden können. Da wird hier zu sanften Vocals das Klavier gestreichelt, dort kommt kurz ein Cello vorbei, da vertiefen ein paar Ambientflächen die Atmosphäre und dort wagen sich ein paar Beats aus dem Dickicht. In der richtigen Stimmung ungemein beruhigend und angenehm zu hören.

Artwork des Albums "OMD - Bauhaus Staircase"

Wir können nicht immer nur alles abfeiern. Okay, schlechte Platten besprechen wir meistens eher gar nicht. Aber wenn (für uns) wichtige Künstler ein Album herausbringen, wollen wir das doch wenigstens erwähnt haben. Und zunächst sah es auch aus, als würde das neue Album von OMD vielleicht sogar richtig toll. Starker Titel, (gewohnt) großartiges Artwork, die Vorfreude auf „Bauhaus Staircase“ war vorhanden und wurde durch die Vorabsingles – den bandtypisch klingenden Titelsong und das Goldfrapp zuzwinkernde „Slow Train“ noch bestätigt. Dann traten sie im ZDF-Fernsehgarten auf – und große Teile des Albums klingen leider auch genau so (lobenswerte Ausnahmen neben den bereits erwähnten Songs: die kraftwerkesken „Anthropocene“ und „Evolution of Species“). Elektroschlager der harmlosesten Sorte. Sehr schade.

Aber wir wollen hier ja positiv herausgehen, darum sprechen wir noch über Brockdorff Klang Labor. Deren Alben „Mädchenmusik“ und vor allem „Die Fälschung der Welt“ gehören nach wie vor zum Besten (und Unterschätztesten), was Elektropop hierzulande hervorgebracht hat. Nun gibt es endlich, nach unfassbaren elf Jahren, das dritte Album, nunmehr als Duo (also eigentlich Brockdorff Klang). Da hat sich einiges angesammelt, und das merkt man „Signs & Sparks“ streckenweise auch an. Die Platte ist etwas inkonsistent, ein paar Stücke wären verzichtbar gewesen. Aber in den starken Momenten verbinden sich Poesie, Melodien und Elektrobeats zu einer immer noch sehr charmanten Portion Leipziger Allerlei.

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Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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