magnetic_sea

Auch der März des Jahres 2012 war wieder vollgepackt mit Neuveröffentlichungen, die wir auf unserem kleinen Seite nicht alle in epischer Breite abhandeln können. Daher hier wieder eine kleine Plattensammlung in gewohnt geschätzter Kompaktklasse.

Fallen wir gleich mal mit der emotionalen Tür ins Haus. The Jezabels aus Sydney machen auf „Prisoner“ keine Gefangenen. Schon auf dem ersten Song wird erst getrommelt, als gäbe es kein Morgen, dann fahren Synthies und Gitarren dazwischen und schließlich erhebt Hayley Mary ihre mächtige Stimme. Klar, an diesem Organ werden sich die Geister scheiden. Irgendwo zwischen Kate Bush (gut) und Evenescence (hmpf), dazu die mächtige Breitwandproduktion, das ist nicht immer einfach. Aber meistens passt das dank der guten, sehr eingängigen Songs dann eben doch. Und live sollen sie ’ne Wucht sein.

Endlich! Stephin Merritt und The Magnetic Fields kehren zu Sounds aus dem Synthesizer zurück. Auf „Love At The Bottom Of The Sea“, ihrem zehnten Album, hört man nun also endlich wieder Songs, die an das Meisterwerk „69 Love Songs“ (1999) erinnern. 15 Songs, keiner erreicht die 3-Minuten-Marke. 15 Miniaturen, in denen Merritt und seine MitstreiterInnen gewohnt bissig-sarkastisch die Irrungen und Wirrungen der Liebe auseinandernehmen. Inhaltlich zum Teil bitterböse (aber stets mit Humor), musikalisch schräg, aber immer locker-leicht, mit herrlichst verschwenderischen Melodien. Tipp!

Stell dir vor, du wärst ein Mando Diao und deine Hauptband wäre nicht mehr allzu spannend für dich. Zögest du dann eine Kutte an und tätest dich mit einem schwedischen Künstlerkollektiv zu etwas ganz anderem zusammen? Die Herren Norén und Dixgard haben diesen Weg jedenfalls gewählt und kommen nun als Caligola Back To Earth“. Das ganze Getue drumherum ist aber herzlich egal, denn die Musik ist eine beschwingt fröhliche, die v.a. in der ersten Hälfte (hinten kommt dann etwas zu viel Füllstoff) mit Hits wie „Down By the Riverside“ oder „Forgive Forget“ ordentlich Groove und Beats in die Blockhütte zaubert.

Singer/Songwriter haben wir hier ja eher selten zu Gast. Aber wenn mit Olli Schulz der unterhaltsamste von ihnen ein neues Album herausbringt, dann eben doch. Auf „S.O.S. – Save Olli Schulz“ erzählt der brillante Quatschkopf (mit dem einen oder anderen Freund zu Gast) neue Geschichten über Spielerfrauen, Briefmarken und natürlich immer wieder die Liebe, schwört „Koks & Nutten“ ab und fordert „H.D.F.K.K.“ (Was das heißt? Selber rauskriegen!) . Produzent Moses Schneider fängt die Livequalitäten des Entertainers sehr gut ein – doch getoppt wird das alles dann doch wieder, wenn Schulz in diesen Wochen die Bühnen dieser Republik entert. Hingehen!

Wo wir gerade bei eher zurückhaltendem Sound und Leuten mit freundlichem Dachschaden sind: SoKo ist auch so eine Kandidatin. Stephanie Sokolinski posiert auf „I Thought I Was An Alien“ mit einem ebensolchem auf dem Cover, hat ihr eher LoFi klingendes Album größtenteils am Laptop zusammengezimmert (plus Klampfe und vereinzelt mal ’ne Geige) und erzählt mit diesem zauberhaften französischen Akzent eigenwillige Geschichten, die sich dann letztendlich doch wieder um das eine große Thema drehen – Love, L’amour und der ganze Schmutz drumherum. Charmant, wenn auch musikalisch manchmal etwas schlicht.

Jetzt aber wieder mehr Elektronik bitte! Die muss doch beim Warp-Label zu finden sein. Z.B. auf „Iradelphic“, dem neuen Album von Clark. So ist es auch, obwohl Chris Clark bei diesem, zwischen Berlin, Wales, Norwegen, Australien und sonstwo aufgenommenem Werk viel mit der Gitarre gearbeitet hat. Deren Töne werden allerdings dermaßen bearbeitet und zerhackt, dass man sie kaum wiedererkennt. Diverse Gerätschaften (schöne alte Synthies!) sorgen für einen verspielten, atmosphärischen Sound. Nur zweimal gibt es Gesang, von der tollen Martina Topley-Bird, und dann wäre da noch die herausragende Songtrilogie „The Pining“ zu erwähnen. Vieles anders als sonst bei Clark, aber gelungen.

Ein fluffiges kleines Album ist das, was Seventeen Evergreen aus San Francisco da mit „Steady On, Scientist!“ abgeliefert haben. Nur acht Songs, die stecken aber voller Melodien und einiger Hitanwärter. Wie gleich zu Beginn der poppige „Polarity Song“ mit seinen einprägsamen Refrains und flotten Synthesizersounds zeigt. Danach wird’s auch mal etwas funky („Bucky“) oder psychedelisch („President Clavioline“) und gelegentlich scheinen sich die Synthies auch mal fast selbständig gemacht zu haben. Doch in Ohrwürmern wie „El Paso Heights“ fängt man sie dann rechtzeitig wieder ein.

Aitor Etxebarria, unverkennbar ein baskischer Name. Das X hat er auch in sein seltsames Künstler-Alter-Ego El_Txef_A (also Der Chef) übernommen, und auf seinem Debüt „Slow Dancing In A Burning Room“ zeigt er seine ganz eigene Sicht auf modernen House. Klar, da ist das typische House-Piano, aber da sind auch ganz andere, zumeist gesampelte Sounds, Elemente aus R’n’B und dem allgegenwärtigen Dubstep und richtige Songs mit warm klingendem Gesang (der mitunter ordentlich verfremdet wird). Schwer greifbar, schwer einzuordnen, aber sehr interessant.

Zum Abschluss für heute noch einmal etwas ganz Ruhiges: Rue Royale kennt man vielleicht von ihrer schönen Coverversion von „Fighter“ von den Hundreds. Das anglo-amerikanische Ehepaar Brookln und Ruth Dekker schreibt aber auch berührende eigene Songs. Auf „Guide To An Escape“ kann man sich von ihrer zarten Folkmusik einhüllen lassen. Gitarre, Klavier, zweistimmiger Gesang – und dazu immer mal wieder kleine elektronische Elemente, die den stillen Stücken ab und zu etwas mehr Drive verleihen. Schön harmonisch.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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