spring11

Die Sonne scheint, die Fenster haben sich verdächtig in Richtung Milchglas entwickelt, man sieht jedes Stäubchen – Zeit für den Frühjahrsputz. Auch im Plattenschrank haben sich so einige Scheiben angesammelt, die in der allgemeinen Veröffentlichungsflut bisher nicht besprochen werden konnten, die aber in so einigen Fällen durchaus ein bisschen Aufmerksamkeit verdient haben. Wir wühlen uns mal durch…

Fangen wir gleich mit Ellen Allien an. „Dust“, das letzte Album der Bpitch-Controlerin, erfreute uns im vorigen Jahr und wurde nun der Remixprozedur unterzogen. Die 13 Mixe überzeugen fast durchweg, v.a. durch vielfältige Herangehensweise im Techno-House-etc.-Bereich. Herausragend dabei die Beiträge von Ripperton und Nicolas Jaar.

Bleiben wir im Hause Bpitch Control und hören bei Chaim ins Debütalbum „Alive“ rein. Und da hat das Berliner Label mal wieder einen guten Riecher bewiesen. Eleganter House, mit ganz leichtem Einschlag aus Chaims Heimat Tel Aviv, zwischen clubbig und entspannt und mit Mut zur Popmelodie.

Wo wir vorhin bei Neubearbeitungen waren: Jamie von The XX hat „I’m New Here“ von Gil Scott-Heron komplett reinterpretiert und die trip-hoppigen Originale in noch elektronischere Bereiche überführt, mit ganz viel Dub und Dubstep. Klappt nicht bei jedem Track, aber wenn, dann richtig gut.

Nun zu den mehr oder weniger originären Dingen. Mike Skinner beerdigt The Streets und wendet sich neuen Ufern zu. Zum Abschied gibt es „Computers And Blues“, das noch einmal alle Stärken zu bündeln versucht – starke Reime, cooler Beat, mal ravend, mal nachdenklich, mal rotzig, mal poppig. Erreicht nicht seine beiden ersten Großtaten, ist aber stärker als der Vorgänger – und wir würden schon auch zukünftig gerne noch von Mr. Skinner hören.

Siriusmo ist ja schon seit geraumer Zeit umtriebig in und um Berlin. U.a. zahlreiche Remixe zeugen davon. Nun endlich „Mosaik“, das Debütalbum auf dem Label der Modeselektoren. Die 17 Tracks (bzw. 18 in der Vinylausgabe, die Versionen unterscheiden sich durch unterschiedlichste Bonustracks!) sind fast zu viel des Guten, eine Idee jagt die nächste. Alles, was seit den 70ern für Groove sorgt, wird verwertet. Hektisch, aber beachtenswert.

Mehr von Berliner Labels? Na gut, auch Shitkatapult liefert ja regelmäßig tolle Ware. Da wäre das neue Album „Komet“ von Frank Bretschneider. Sieben lange Tracks fließen kühl und minimalistisch technoid dahin und empfehlen sich für Tiefenentspannung unterm Kopfhörer oder Einsatz in besonders coolen Bars.

Bleiben wir bei elektronischen Geräuscherzeugern und kommen zu Matthewdavid (ja, der schreibt sich so), der mit „Outmind“ ein sehr experimentelles Debüt vorlegt, dessen 12 Tracks kaum greifbar vor sich hin zerstäuben. Klanglich sehr interessant und vielleicht für Samplekünstler eine ergiebige Quelle, ansonsten aber schwer zu erfassen.

Bandnamen, die in die Irre führen, Teil 789: Banjo Or Freakout. Kein Banjo in Sicht (Gott sei Dank!), und ein Freakout ist dieser Musik auch eher fern. Stattdessen hat Alessio Natalizia (Italiener aus London), sonst mit dem Projekt Walls aktiv, ein schlurfig verhalltes Album aufgenommen, dessen Sounds eher für den Traum- als für den Wachzustand geeignet sind.

Noch weiter draußen sind womöglich Nôze, die auf „Dring“ eine ganz eigene Version von House erfinden. Klar zu erkennen ist, dass die beiden Herren eine Vorliebe für Improvisationen und auch für Jazz haben. Wilde Bläser fahren zwischen die elektronischen Sounds und man kann sich das vor allem live sehr witzig vorstellen. Wie Yello nach der Geiselnahme durch eine Zigeunerbande.

Jetzt brauchen wir mal was Einfaches. Architecture In Helsinki (aus Australien, logisch) liefern genau das mit ihrem vierten Album „Moment Bends“. Es geht mit butterweichem Electropop los, man freut sich und legt sich in die Sonne. Allerdings weichen sie die Grenzen des Erträglichen bei einigen Songs dermaßen in Zuckerlösung auf, dass man sich hier schnell die Geschmacksnerven verkleben kann. Bitte nur die Highlights herauspicken!

Auch die fünf Schwedinnen von Those Dancing Days haben Keyboards dabei und sind mit dem Ziel eingängiger Popmusik unterwegs. Hier klappt das aber deutlich unpeinlicher. Das zweite Album „Daydreams & Nightmares“ läuft luftig durch. Okay, eher Tag- als Albträume, denn düster ist hier kaum etwas. Und es dürfte auch gerne mehr im Ohr hängen bleiben, aber bei einigen der lockeren Melodien klappt es doch recht ordentlich.

Noch besser gelingt die Mischung aus Indie, Elektronik und Popmelodien beim dritten Album von Noah And The Whale. Auf „Last Night On Earth“ geht es (weit) weg vom Folk, hin zu offenerem Sound. Große Melodien von vorne bis hinten, Euphorie zu intelligenten Texten, erhebende Momente. Muss unbedingt öfter gehört werden. Eine Empfehlung gibt’s jedenfalls jetzt schon.

Eine Debüt-EP zwischendurch: Die Berlinerinnen von Laing sind unter „030/57707886“ erreichbar und man kann sich ihre Songs dort tatsächlich anhören. Frischer deutschsprachiger Electropop, laingst, äh, längst nicht durchgehend super, aber mit Potential.

Das war’s jetzt mit Elektronik, ein paar Sachen aus der Indie- und Rock-Ecke haben wir aber noch übrig. Zum Beispiel das Baltimore-Duo Wye Oak mit „Civilian“. Wobei hier schon auch noch Keyboards am Start sind. Aber es dominieren die Gitarren, mal laut, mal leise, in dieser gelungenen Mischung aus Shoegazer-Indie-Rock und Folk-Pop.

Frankie & The Heartstrings, das klingt nach 50er Jahren, oder? Gar nicht so verkehrt, wenn man die Optik der Sunderlander betrachtet. Musikalisch gibt es auf „Hunger“ schlanken und zum Teil unverschämt eingängigen Post-Punk-Pop aus der Spät-70er-Früh-80er Ecke. Groß gefeiert im UK, demnächst Festivalabräumer überall.

Kurz vorm Ende darf’s doch noch mal heftiger krachen, oder? Zunächst mit den alten Haudegen von Feeder. Die sind nun auch schon 20 Jahre unterwegs und wollten mit „Renegades“ zurück zu den Wurzeln, wie man so sagt. Rotzig, rau, hart rockt die Platte vor sich hin, doch bis auf ein paar eingängige Mattenschüttler ist das dann leider doch etwas zu altbacken geworden.

Dann lassen wir uns lieber aus dem schönen Wales volllärmen. The Joy Formidable und ihr Debüt „The Big Roar“ können das sehr gut. Zwischen hallend nebligen Soundwänden und geradlinigen Temponummern gibt es auch immer die nötigen Atempausen. Und live soll Frontfrau Ritzy Bryan dann erst so richtig die Rampensau rauslassen.

Zum Schluss und um die erwachsene 18 hier vollzumachen, lassen wir uns von etwas ganz Speziellem in die Nachtruhe geleiten. Von Bohren & Der Club Of Gore nämlich, jenen seltsamen Herren aus Mühlheim, die seit langem in ihrer völlig eigenen Zeitlupenmusik aufgehen. „Beileid“ fasst nur drei Stücke, die erstrecken sich aber auf 35 Minuten. Langsam, noch langsamer, faszinierend. Und mit Mike Patton am Mikro covert man Warlock gnädig in die Unkenntlichkeit. Gute Nacht allerseits!

(Addison)

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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