Austra im Interview – Teil 2: „Wenn es unmöglich wird, der Lüge zu glauben, werden die Menschen weniger apathisch.“

In wenigen Tagen kommen Austra zu uns auf Tour (die genauen Daten findet ihr am Ende des Artikels). Zeit für Teil 2 unseres ausführlichen Interviews mit Katie Stelmanis. Über Mexiko, selbstgemachte Musik, Massive Attack und mehr:

Du bist nach Mexiko-Stadt gezogen. Vor den Aufnahmen oder währenddessen?

Den ersten Teil der Aufnahmen (Schreiben und Aufnehmen fanden parallel statt) habe ich in Montreal gemacht. Den zweiten Teil dann in Mexiko. Die depressiveren Stücke in Montreal, die fröhlicheren in Mexiko [lacht].

Wie kamst du auf Mexiko?

Mehr durch Zufall. Ich hatte eine Weile frei, im Winter, um Songs zu schreiben und aufzunehmen. Ich wollte nicht in Montreal sein, das ist wie ein frostiges Höllenloch im Winter. Ich war noch nie in Mexiko, hatte aber schon immer eine Affinität dafür. Also kaufte ich mir ein One-Way-Ticket – und am Ende habe ich es geliebt, dort für eine Weile zu bleiben.

Hat die mexikanische Musikszene in irgendeiner Art das Album beeinflusst? Man hört das ja jetzt nicht direkt heraus.

Ja. Ich habe eine Weile nicht viel neue Musik gehört. Dort habe ich etwas für mich Neues entdeckt, Electro-Cumbia. Die lateinamerikanischen Produzenten nehmen ihre Volksmusik und remixen sie mit modernen elektronischen Beats, so dass es auf dem Dancefloor funktioniert. Das ist faszinierend, alles ist relativ langsam und ich liebe das. Ein komplett anderes Tempo als z.B. im Berghain. Das hat mich vielleicht am stärksten beeinflusst. Ich habe so viele wirklich langsame Songs geschrieben, viel langsamer, als ich es gewohnt bin. Aber zu viele langsame Songs wollte ich dann auch nicht auf die Platte packen.

Da ist also noch Material übrig.

Definitiv. Ich weiß nicht, wie viel, aber ich hatte bestimmt 50, 60 Songs. Das ist dann wirklich schwierig, sich für die Richtigen zu entscheiden.

Nimmst du dich des übrigen Materials später noch mal an?

Wahrscheinlich nicht. Nicht alles wird am Ende lebendig.

Das Albumcover stammt auch aus Mexiko. Wie kam es dazu, mit dem Pferd etc.?

Wir haben das beim Haus von Luis Barragán fotografiert, das ist ein berühmter mexikanischer Architekt. Wir waren sehr glücklich, da fotografieren zu dürfen. Die Figur ganz in Rot habe ich „Revolution Rhonda“ genannt. Sie sollte eine Person sein, die aus der Zukunft kommt um uns zu retten, uns zu führen. Und sie reitet ein Pferd [lacht]. Ich wollte sie auch ins Video zu „Utopia“ einbauen. Da ist sie auch irgendwo, aber wir haben den Hut nicht fürs Video bekommen, was echt ein Verlust ist.

Ein anderer Song mit Mexiko-Bezug ist „43“, der letzte Song auf dem Album. Ich kannte die Geschichte vorher nicht so im Detail [Im September 2014 wurden 43 mexikanische Studenten unter nach wie vor nicht vollständig geklärten Umständen entführt und (mutmaßlich) ermordet, die Beteiligung von Drogenkartellen und auch der Polizei gilt als wahrscheinlich; Anm. d. Red.], wie kamst du auf diese Geschichte und auf die Idee, die Perspektive der Mutter eines Opfers einzunehmen?

In Kanada hatte ich davon gehört, aber das war zunächst nur etwas, das irgendwo passiert ist. Aber in Mexiko-Stadt ist das allgegenwärtig. Es gibt Proteste, eine Trauerwand, das ist da überall sehr präsent, jeder spricht darüber. Es gibt dort diese unfassbare Menge an Korruption und keiner hat Antworten oder eine Idee, was genau da passiert ist. Eine Freundin von mir lebt dort und sie würde sagen: ‚Wir leben im Bürgerkrieg.‘ Du kannst auch nicht nach Mexiko gehen und das außer Acht lassen. Mexiko vermarktet sich als magisches, heißes Sommerziel – und das wird durch diese furchtbare Korruption konterkariert. Das ist ein Thema dieses Songs – und auch die Polizeibrutalität. Es geht auch darum, dass man der Polizei nicht trauen kann.

Ja, wir sehen diese Vorfälle (z.B. auch in den USA) in den Nachrichten. Bei uns gibt es auch gelegentlich solche Tendenzen, aber längst nicht so heftig… Doch kommen wir nun mal zum Sound des Albums – wo lagen da in der Produktion die Unterschiede zu den Vorgängern?

Das erste Album war total DIY [do it yourself], zu Hause geschrieben. Das Zweite war eine Studioplatte. Dieses Album jetzt war wieder mehr DIY, grundsätzlich wollte ich das Album wirklich alleine schreiben. Was bedeutete, es zu Hause am Computer zu machen. Es ist also in der Hinsicht dichter dran am Debüt, aufnahmetechnisch aber deutlich weiterentwickelt, weil ich mittlerweile eine bessere Produzentin bin und bessere Samples und Sounds zur Verfügung habe. Ich wollte tiefer in die Songs eintauchen, deswegen wollte ich nicht in ein Studio. Da sind immer Leute drumherum, die dich beeinflussen, und es kostet eine Menge Geld. Ich wollte den Druck nicht haben, sondern es in meinem eigenen Tempo machen.

Austra - I Love You More Than You Love Yourself (Official Video)

Hast du mit den anderen Bandmitgliedern dann später an den Aufnahmen gearbeitet?

Nicht wirklich. Hauptsächlich arbeite ich mit ihnen erst auf Tour zusammen. Maya [Postepski] hat bei ein paar Tracks Percussions ergänzt, aber ansonsten ist das tatsächlich ganz meine Platte. Auf Tour will ich die Songs dann aber nicht wie auf Platte spielen, sondern… [überlegt]… etwas anders machen. Das wird dann auch mehr nach einer Band klingen. Für mich ist es schwierig, eine Bandleaderin zu sein. Es ist schwer, immer mit den gleichen Leuten an etwas zu schreiben. Meine nächste Platte wird vielleicht ein Solo-Piano-Album oder ein Album mit ganz vielen Kollaborationen, ich weiß es noch nicht.

Und man hofft immer, dass man sich nicht wiederholt.

Exakt.

Im ersten Song, „We Were Alive“, denkt man zunächst, dass es etwas handgemachter zugeht, es klingt nach einer Gitarre, nach Streichern (oder Samples), später wird das Album dann aber komplett elektronisch. Der Auftakt ist also fast irreführend, war das der Plan?

Nein. Nichts von alldem war wirklich von Vornherein beabsichtigt. „We Were Alive“ ist aber auch komplett elektronisch entstanden. Vielleicht liegt es an der Art des Songwritings, das ich gerade bei diesem Song so vorher noch nicht gemacht hatte. Wenn ich Songs schreibe, denke ich sehr stark in Patterns, in Mustern. Aber bei „We Were Alive“ hatte ich dieses simple Riff und habe um dieses herum improvisiert.

Die Beats sind sehr geradlinig, mehr als auf dem letzten Album. Die erste Hälfte ist sehr eingängig, später wird es karger und atmosphärischer. Hast du die Reihenfolge gezielt so gewählt?

Ich denke schon. Man packt ja meistens die eingängigeren Sachen nach vorne. Ich habe so viel atmosphärische Songs für dieses Album geschrieben, das hätte noch viel länger werden können. Aber die Leute können nur eine gewisse Menge davon vertragen. Also habe ich die Sachen ausgesucht, die mir am besten gefallen haben.

Wer ist eigentlich das Monster? Ein Song [„I’m A Monster“] ist direkt so benannt, später in „Freepower“ kehrt es noch einmal zurück.

[lacht] Das ist sehr scharfsinnig von dir! Ich weiß nicht genau, wer das Monster ist. Ich denke, das können eine Menge verschiedener Dinge sein. Im Kontext von „I’m A Monster“ geht es darum, dass Menschen sich selbst hassen. Was sie ja gerne tun. Im Kontext von „Freepower“ ist es eher so, dass man so gegenüber jemand anderem fühlt. Es sind also unterschiedliche Zusammenhänge, die aber doch miteinander verflochten sind.

Hattest du bestimmte musikalische Einflüsse für dieses Album?

Ja, sicher. Als ich anfing, war ich gerade total von Massive Attack besessen. Ich habe sie vorher schon gehört, habe sie dann aber in Gent, Belgien, live gesehen und es geliebt.

Die sind so gut live.

Sooo gut, oh mein Gott! Auch die Liveshow. Ich liebe es, wie sie Politik in ihre Liveshow einbinden. Diese Art, nicht auf dich einzubrüllen und dich etwas glauben machen zu wollen. Sie verbinden es mit ihrer wundervollen Musik und stellen eine emotionale Verbindung her. Ich denke, das ist eine bessere Art, politische Ideen zu kommunizieren. So sind die Menschen eher offen und mitfühlend zu dem, was du ihnen sagen möchtest. Ich denke, das hat mich auch dazu gebracht, etwas mehr Relevantes schaffen zu wollen.

Nimmst du davon etwas mit in zukünftige eigene Liveshows?

Ja, vielleicht. Wir arbeiten noch dran. Für eine Band wie uns ist das nicht so einfach. Wir spielen ein paar recht große Shows und ein paar sehr winzige Shows. Da muss man etwas Einfaches, aber Effektives finden.

Zum Abschluss frage ich immer gerne: Was rotiert gerade bei euch im Tourbus? Oder was hörst du gerade für Musik?

Ich stehe gerade auf diese amerikanische Künstlerin auf dem Label Mexican Summer, die nennt sich Weyes Blood.

Interessant, höre ich mir an… Ach ja, noch eins: Du fragst im Text, was die Heilung für Apathie ist. Leidest du an Momenten der Apathie?

Ich denke, unsere ganze Generation leidet daran. Und ich denke, es ist nicht unser Fehler. Wir werden dermaßen mit kapitalistischem Branding bombardiert, dass man kaum daran vorbeisehen kann. Aber ich denke auch, dass die Menschen aufwachen [werden]. Teil dieses Brandings ist ja auch, diese Lügen vom „American Dream“ zu verbreiten, zu behaupten, dass McDonalds & Co. einen glücklich machen können oder dass ein Besuch bei McDonalds eine wundervolle nostalgische Erfahrung ist. Die meisten Leute gehen dahin und fühlen dort eher dunkle Dinge [lacht]. Wenn es unmöglich wird, der Lüge zu glauben, werden die Menschen weniger apathisch. Nochmal zu meiner Generation: In Amerika haben die meisten so hohe Schulden vom Studium, keiner kann sich mehr leisten in den Städten zu leben, keiner kann sich Eigentum kaufen, keiner hat einen festen Job, alle arbeiten in Teilzeit. Unsere Generation ist also angeschissen, aber: Das bringt die Leute dazu, aktiver zu werden.

Hoffen wir das. Vielen Dank für das Gespräch!

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Hier nochmal die aktuellen Austra-Tourdaten für euch:

06.03. Hamburg, Uebel & Gefährlich

08.03. Berlin, Astra

09.03. München, Ampere

10.03. Leipzig, Conne Island

11.03. Linz, Posthof

12.03. Wien, Wuk

16.03. Lausanne, Les Docks

17.03. Bern, Dampfzentrale

18.03. Köln, Gloria

11.04. Zürich, Mascotte

www.austramusic.com
www.facebook.com/austraofficial

Austra - Utopia (Ikonika Remix) (Official Audio)

Fotocredit: Renata Raksha

Letzte Aktualisierung: 2.3.2017 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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