TVOTR Albumcover ©VertigoBerlinDas ist schon erstaunlich. Da verliert eine Band eines ihrer Mitglieder an die gemeine Krankheit mit dem großen K. Und nimmt anschließend trotzdem ihr bisher mit Abstand poppigstes, ja am fröhlichsten wirkendes Album auf. Und was das für Songs sind!

Die New Yorker Band mit den zwei Sängern (Tunde Adebimpe und Kyp Malone) und drei Songwritern (außer den Genannten noch Dave Sitek, der auch für große Teile von Sound und Produktion zuständig ist), verstärkt durch multiinstrumentale Begleitung von Jaleel Bunton und eben – bis zu seinem Lungenkrebstod 2011 – Gerard Smith hatte sich auf ihren bisherigen vier Alben Stück für Stück vom Achtungserfolg zum absoluten Kritikerliebling hochgespielt und v.a. mit dem letzten Album auch zunehmend Erfolg in den Charts (USA: Platz 12) erzielt.

Nun haben sie nach einigen Anlaufschwierigkeiten – wobei die letztlichen Studioaufnahmen dann allerdings reibungslos und ziemlich schnell funktionierten – also Album Nummer Fünf fertiggestellt. Und „Seeds“ ist, wie bereits angedeutet, eine unglaublich eingängige, poppige Platte geworden, ohne dass die Band ihre Indiewurzeln verleugnen oder ihre Neigung zu vielschichtigen Sounds und Arrangements komplett eingestellt hätte.

Der große Unterschied zu bisher ist, neben einem stärker akzentuierten elektronischen Anteil, nur: Die Songs gehen meist ohne Umwege direkt ins Ohr. Die Vorabsingle „Happy Idiot“ zum Beispiel, die ist dermaßen melodiös und temporeich, dass man als Videoidee sofort im Kopf haben könnte, einen Typen in einen Rennwagen zu setzen und ihn von schönen Frauen am Streckenrand ablenken zu lassen… Hoppla:

Ja, mit dieser Single haben sie den einen oder anderen Fan vielleicht verschreckt. Und es gibt noch mehr ähnlich eingängiges Futter, im Prinzip ist die ganze Platte voll davon. Gleich die klingelnde Eröffnung mit „Quartz“ oder die anschließende blanke Euphorie im Refrain von „Careful You“ bezeugen das. Doch keine Sorge, man hat auch immer noch eine Extrakurve drauf. In „Could You“ sind das fetzige Bläser, in „Test Pilot“ die melancholische Zurückhaltung, in „Love Stained“ die Mischung aus sanftem Strophengesang, eleganten Synthies und druckvollem Refrain.

Überhaupt, die Refrains. Mit denen werfen TV On The Radio hier um sich, als gäbe es kein Morgen. Egal, ob „Ride“ sich reichlich zwei Minuten Zeit für ein durchpustendes Intro lässt, irgendwann kommt die mitreißende Songmitte und alle müssen mit. Da kann man es sich sogar leisten, eine Größe wie Kelis fast unscheinbar im Background des krachigen „Lazerray“ zu verstecken oder mit „Trouble“ und dem Titelsong zwei schillernde Höhepunkte ganz am Albumende zu platzieren. Diese Band hat sich und den Hörer vollkommen im Griff und liefert einen weiteren Höhepunkt dieses daran nicht armen Musikjahres ab.

Die depechemode.de-Wertung: 9/10

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P.S. Live spielen TVOTR am 12.02. in Hamburg.

www.tvontheradioband.com
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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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