Christopher von Deylen startet in die Zukunft

Schiller - Future

„Herzlich Willkommen in der neuen Welt von Schiller“. Wenn in den ersten Sekunden des neuen Schiller-Albums die den Fans so vertraute Stimme von Franziska Pigulla, besser bekannt als Synchronstimme von Gillian Anderson als FBI-Agentin Dana Scully, zu hören ist, dann ist das sozusagen eine Rückkehr zur alten Form für Christopher von Deylen. War der Output der vergangenen Jahre doch eher geprägt von Experimenten mit klassischer Musik („Opus“ 2013) und dessen Live-Verwertung („Symphonia“ 2014).
Nun gibt’s also wieder den Schiller-Sound in Reinkultur. Der Titeltrack kommt gleich als Trilogie daher. Richtig in Schwung kommt „Future I – III“ jedoch erst Mitte des zweiten Songs. Von dort an schweben die Sounds im gewohnten Ambientgewand durch den Raum. Danach folgt in ähnlicher, aber noch eingängigerer Manier „Rubinrot“. Danach hat sich Herr von Deylen wahrlich selbst überboten: der vielleicht beste Track der ingesamt 50 (!) auf der limitierten Ultra Deluxe Edition ist die Kollaboration mit dem Sänger Sheppard Solomon namens „Sweet Symphony“. Im 80er Sound, einer unwiderstehlich melancholischen Melodie und einem tollem Gesang schreit dieser Titel förmlich nach einer Singleauskopplung. Die erste „Future“-Single ist „Paradise“, eine Zusammenarbeit mit der Sängerin Arlissa, bei der Christopher von Deylen kein Risiko eingegangen ist: typisch Schiller, gut, aber wenig überraschend. Danach folgen zwei Instrumentalteile, eines davon sehr gut („Schwerelos“) und eines gänzlich überflüssig („Zwischen Gestern und Morgen“). Der Rest der ersten CD bewegt sich im oberen Mittelfeld der nach oben offenen Schiller-Skala. „Once upon a time I“ ist dabei der eindeutige Anspieltipp.

Die Reise geht weiter auf der CD2. Auch hier gehört der Song mit Sheppard Solomon, „Little Earthquakes“ samt Reprise, zu den Highlights. Das uninspirierte „Save me a day“ zusammen mit Samu Haber von Sunrise Avenue dagegen ist eine einzige Enttäuschung. Besser ist dagegen „Forget“ mit Kéta. Erwähnenswert wäre da noch „For you“, eingesungen von Tawgs Salter, der Text jedoch stammt von Hollywood-Ikone Sharon Stone. Sie schickte von Deylen einen Songtexte, den er dann vertonte. Auch wenn es nie zu einem persönlichen Treffen kam, wird Sharon Stone das Ergebnis gemocht haben. Den geheimen YouTube-Link, den Christopher dem Sexsymbol schickte, wurde immerhin 71 Mal abgerufen. Insgesamt bleibt festzustellen, dass Schiller auf der zweiten CD ein wenig die Puste ausgeht. Viele Songs bleiben im Ungefähren. Die Klangwelten sind zu selten zwingend.

Ein ausführliches Gespräch mit Christopher von Deylen über die Produktionshintergründe von „Future“ haben wir vor ein paar Wochen geführt und könnt Ihr hier nachlesen:

Im Interview: Schiller

Im Interview erzählt Christopher von Deylen auch, welche Finessen und musikalisch wie technische Spielereien sich auf „Future“ befinden, die sich dem Hörer erst nach mehrmaligem Durchlauf der CDs (am besten mit Kopfhörern) erschließen. In der Tat: Die Produktionsqualität ist – wie bei Schiller üblich – auf Top-Niveau.

Auf der dritten CD befindet sich ein Live-Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie aus dem Jahr 2013. Hier kann Christopher von Deylen mit seinen hervorragenden Live-Mitstreitern seine Stärken voll ausspielen. Soundwände und kristallklarer Sound lassen keine Wünsche offen. Es sei denn das dazugehörige Bewegtbild. Das wird auf dem vierten Silberling nachgeholt: hier gibt’s eine Live-Zusammenstellung aus der Berliner Philharmonie, dem Essener Colosseum und der damaligen O2 World Berlin auf DVD.

Mit „Tal des Himmels“ liefert Schillern allen Käufern der limitierten Ultra Deluxe Edition noch ein meditatives 7-Track-Instrumentalalbum obendrauf. Der erste vorsichtige Beat setzt hier nach 14 Minuten ein. Als hypnotischer Entspannungssoundtrack funktionieren die Klangteppiche ohne jegliche Songstruktur bestens.

Schiller-Fans, die Christopher von Deylen mit „Opus“ und „Symphonia“ verschreckt haben sollte, werden mit „Future“ wieder eingefangen. Mit „Sweet Symphony“ ist sogar ein veritabler Nachfolger für die Über-Singles „Dream of you“ (2001) und „Leben … I feel you“ (2004) dabei.

Future (Deluxe Edition)

Future (Limited Super Deluxe Edition 3CD+DVD)

Future (Limited Ultra Deluxe Edition 4CD + DVD, mit signierter Leinwand)

Future (Limited Vinyl, inklusive MP3 Codes) [Vinyl LP]

Future

 Henning Kleine
Henning (Jahrgang 1976) arbeitet als TV-Journalist in Hamburg. Er ist Synthie-Pop Liebhaber und großer Fan der Pet Shop Boys.

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