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Unser vorletzter Rundumschlag 2012. Bevor wir in Kürze den Dezember und (weil im Dezember nicht sooo viel rauskommt) die sonstigen Reste des Jahres begutachten, hier noch eine gut gefüllte Sammelpackung aus dem November. Mit Lindstrøm, Fake Blood, Vitalic, Mouse On Mars, Chad Valley, Sigha, Yesterday Shop und Julia Holter.

Hans-Peter Lindstrøm hatten wir dieses Jahr schon einmal auf dem Plattenteller. Allerdings mundete uns seine kosmische Disco auf „Six Cups Of Rebel“ nicht so besonders. Zu ziellos und zusammenhanglos wirkten die Soundexperimente. Nun ist wieder „Smalhans“ Küchenmeister und das ist ausnahmsweise mal etwas Gutes. Denn die sechs Stücke, putzig nach norwegischen Spezialitäten (wie „Lamm-el-aar“) benannt, packen den guten alten 4/4-Rhythmus aus und gehen direkt in die Beine. Tanzbar, mit coolen Synthiesounds und auf den Punkt produziert, ohne platt die dicke Hose flattern zu lassen.

Wir bleiben gleich auf dem Dancefloor. Theo Keating alias Fake Blood hat (nachdem er in den letzten Jahren von Little Boot über Hot Chip, Gossip und Miike Snow bis hin zu Calvin Harris die halbe Welt remixen durfte) endlich mal ein eigenes Album draußen. Und auf „Cells“ geht es ordentlich ab. Vereinzelt sogar bis in die Großraumdisco. Meistens aber deutlich subtiler, mit verspielten Soundelementen und abwechslungsreichen Umwegen. Durchgehend tanzbar, aber eben stets mit besonderen Momenten (man höre nur das zwischen Kraftwerk und Klassik schwebende „London“). Und mit Hits wie „Yes/No“, „Let It Go“ obendrein eine Bank. Tipp!

Was, noch geradliniger soll’s abgehen? Na gut. Vitalic hat uns vor drei Jahren mit seinem großartigen Electro-Album „Flashmob“, ganz schön begeistert. Jetzt allerdings hat es ihn ins „Rave Age“ verschlagen – und das ist, man muss es so sagen, streckenweise echt enttäuschend. Wo sind die vielschichtigen elektronischen Ideen hin? Von der Basslawine verschüttet worden, Vitalic will die Feiermassen schwitzen sehen. Die Stücke wurden gezielt für Live-Auftritte konzipiert, und dort mögen sie auch funktionieren. Aber uns ist das – von ein paar schönen Songs abgesehen – einfach zu viel David Guetta. Schade drum.

Als Kontrast hören wir doch mal, was Mouse On Mars unter einem Album für den Club verstehen. Jan St. Werner und Andi Toma haben ja in diesem Jahr bereits das fordernde „Parastrophics“ veröffentlicht, an dem sie einige Jahre herumgeschraubt hatten. Nun gibt es mit „WOW“ den Gegenpol dazu. In wenigen Wochen aufgenommen und tatsächlich so etwas wie tanzbar und verhältnismäßig zugänglich. Allerdings von herkömmlicher Clubmucke weiterhin ein ganzes Ende weg. Die Marsmäuse können eben nicht gänzlich aus ihrem Fell, also schnurpsen auch hier die Sounds und knuspern die Beats, dass es Experimentalisten eine Freude ist.

Okay, damit haben wir uns wieder eingängige Popmusik verdient. Chad Valley liefert uns mehr als genug davon. Hugo Manuel (so heißt er eigentlich und auch als Frontmann von Jonquil) steht ganz offen auf die cheesy Momente der 80er. Und so gibt es auf „Young Hunger“ alles, vom quietschenden Synthie bis zum schmelzenden Duett. Aber die Nummern sind so herrlich poppig, dass es einfach Spaß macht. Unterstützt von Partnern wie Twin Shadow („I Owe You This“), Glasser („Fall 4 U“) oder Totally Enormous Extinct Dinosaur („My Life Is Complete“) lässt er Erinnerungen zwischen George Michael, Tears For Fears oder gar Alphaville aufleben. Kitschig ja, aber (gerade noch) auf der guten Seite.

Nach so viel Zucker muss man sich aber wieder bewegen. Also ist nochmal Techno angesagt. James Shaw hilft uns weiter. Als Sigha ist er mit dafür verantwortlich, dass sich auf Hotflush, dem Label von Scuba, nicht mehr nur Dubstep tummelt. Sein Debütalbum „Living With Ghosts“ verströmt tatsächlich ein leicht geisterhaftes Ambiente und bietet viel Industrial-Einfluss und jede Menge pumpende Bässe bei tendenziell düsterer Atmosphäre. Zwischen den satten Beatattacken sorgen ambiente Pausen für Atemluft. Und durch seine starken Sounds ist das Album sowohl für den dunklen Flackerclubkeller als auch für den nickenden Genuss unterm Kopfhörer geeignet.

Nun auch mal ein deutscher Beitrag hier! Allerdings verlassen wir damit den elektronischen Tanzboden und begeben uns in den Indie-Club. Yesterday Shop legen mit ihrem gleichnamigen Debüt ein überraschendes und überraschend gutes Album vor. Vergleiche mit den frühen Radiohead kann man ziehen, aber eine ewig unterschätzte (ebenfalls deutsche) Band kommt fast noch eher in den Sinn: Slut (Was machen die eigentlich? Wir sehnen uns nach ihnen!). Warme Songs mit interessanten Textelementen, abwechslungsreichen Arrangements und immer wieder erfrischender Elektronik. Eine kleine Entdeckung!

Jetzt aber nochmal was ganz Anderes. Julia Holter, us-amerikanische Komponistin und Multiinstrumentalistin, hat im Frühjahr ihr zweites Album „Ekstasis“ herausgebracht. Das gab’s bisher nur auf verschlungenen Importwegen, aber nun wird es (auch dank des vielen Kritikerlobes) bei Domino nochmal „richtig“ veröffentlicht. Was gut so ist, denn so kommen hoffentlich mehr Leute in den Genuss dieses vielseitigen und sehr empfehlenswerten Songzyklus. Wie Holter hier klassische Elemente mit elektronischen Soundscapes und echten Popmomenten vermischt, das verlangt Hochachtung und macht uns außerdem schon den Mund für das in Kürze folgende dritte Album wässrig.

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P.S. Unsere passende Playlist beim Streamingdienst WiMP gibt’s wie gewohnt hier (Nichtabonnenten hören für je 30 Sekunden rein, WiMP-Mitglieder natürlich vollständig). Viel Spaß!

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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