querbeatsVorsicht, Elektroköpfe! Hier könnte wieder diese seltsame Musik auftauchen, die gar nicht mal so rein elektronisch ist. Einfach nach der ersten Rezension zur letzten vorspringen oder mal kurz woanders weiterlesen, okay? Für alle anderen gibt es poppiges Norwegen in Bandform, ruhigeres Norwegen in nach Schweden umgesiedelter Soloform, melancholisches London und zum Abschluss Lockeres aus Frankreich.

Harrys Gym – What Was Ours Can’t Be Yours: Zunächst bleiben wir aber zumindest teilweise in elektronischen Bereichen. Diese vierköpfige norwegische Band weiß genau, wie man eingängige Popsongs mit Keyboardeinschlag schreibt, wie gleich zu Beginn das mitreißende „Old Man“ zeigt. Die zarte Stimme von Anne Lise Frøkedal schmeichelt dem Ohr, die Elektronik lädt zum Tanzen ein.

Dieses Rezept funktioniert noch mehrfach sehr gut, etwa beim temporeichen „No Hero“. Es geht aber auch mal ätherisch-schwebender zu („The Visitor“), eine Prise Fever Ray hier, eine Spur Bat For Lashes da. Und auch dezent rockige Momente gibt es (z.B. im melodiösen „Sailing Home“), insgesamt hat man sich wohl fast an zu vielen Richtungen versucht.

Das zweite Album des Bergener Quartetts punktet also mit Abwechslungsreichtum. Dabei braucht es mitunter ein wenig Zeit, bis man einen eigenen Stil erkennt, aber dann schälen sich doch zumindest einige memorable Momente heraus, die eine zukünftige Beachtung dieser musikalischen Muckibude lohnend erscheinen lassen.





Rebekka Karijord – The Noble Art Of Letting Go: Noch mehr Norge. Popmusik mit weiblicher Stimme aus Skandinavien – da ist die Liste lang und die Erwartung immer wieder hoch. Hier gibt es mal wieder die etwas ruhigere Variante, kein Electropop-Wahnsinn wie bei Robyn, nein, wem Ane Brun etwas sagt, der liegt eher richtig.

Die in Stockholm lebende Rebekka Karijord hat mit diesem, ihrem dritten Album bereits seit Ende 2009 reichlich Lorbeeren im gesamten Norden Europas eingesammelt. Und endlich darf auch der Rest der Welt in den Genuss dieser zehn feinsinnigen Lieder zwischen Schwermut und Leichtigkeit kommen.

Stets getragen von einer herausragenden Stimme, die sowohl zerbrechlich als auch ungemein kraftvoll wirken kann, entfalten sich Piano-Pop-Hits wie „Wear It Like A Crown“, rhythmische Leuchtfeuer wie „Parking Lot“ oder dramatische Gänsehautmomente wie „This Anarchistic Heart“. Eine wunderbare Scheibe für den scheidenden Winter.





The Boxer Rebellion – The Cold Still: Und nun nach London und hinein ins weite Feld gefühlvollen Indierocks. Diese Band hat ja schon eine abenteuerliche Reise durch die Musikindustrie hinter sich. Das Debüt hochgelobt, aber ohne großen kommerziellen Erfolg. Folge: Rauswurf beim Major, (zunächst) rein digitale Veröffentlichung des Nachfolgers „Union“, der sich dann plötzlich zum Geheimtipp und kleinen Charterfolg mauserte.

Album Nr. 3 hat nun – neben dem eigenen Label – wieder einen regulären Vertrieb und durchaus das Zeug, den Erfolg auszuweiten. Es geht weniger kantig zu als anfangs und zugleich auch ein wenig ruhiger als zuletzt. Warmer Sound, warmer Gesang von Nathan Nicholson, überhaupt: Herzenswärme. Und ein paar wunderbare Songs wie „No Harm“, „Locked In The Basement“ oder „The Runner“ bereichern zukünftig sicher so manche Playlist.

Freunde melancholischer Rockmusik in der näheren Verwandtschaft von Großmeistern wie Elbow oder The National können hier gefahrlos zugreifen, auch wenn die großen Namen vielleicht mangels hervorstechender eigener Merkmale nicht ganz erreicht werden.





Tahiti 80 – The Past, The Present & The Possible: Zum Schluss nach Frankreich. Tahiti 80, wir erwähnten es kürzlich schon, werden ja immer als Mischung aus Air und Phoenix bezeichnet. Das wird sich auch nach 15 Jahren Bandgeschichte nicht mehr gänzlich ändern, auch wenn sie selten eigenständiger geklungen haben als hier.

Der etwas öde Gitarrenrock der letzten Veröffentlichungen wird auf diesem leicht philosophisch angehauchten Werk zum Glück erheblich zurückgefahren und durch verstärkte Elektronik ersetzt. Das tut der Leichtigkeit der Musik gut. Bei einigen Stücken gelingt ihnen der sommerlich fluffige Ohrwurm, „Gate 33“, das blur-ige „Want Some?“ oder der Danceknaller „Crack Up“ sind beispielsweise wärmstens zu empfehlen.

Aber in der Gesamtheit fehlt Tahiti 80 irgendwie immer noch der Zug zum Tor. Manches plätschert eben doch zu seicht dahin. Also: Highlights herauspicken, weitersurfen!






(Addison)

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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