Im Vorfeld ihres ersten Auftritts als Support von Depeche Mode in Berlin, haben sich die Jungs von Nitzer Ebb die Zeit genommen, ein wenig mit uns über das neue Album, die Tour und die Zukunft zu plaudern. Was uns Bon, Douglas und Jason erzählt haben, lest selbst!

Ihr werdet in wenigen Stunden in Berlin als Vorband für Depeche Mode auf der Bühne stehen. Wie fühlt ihr euch? Seid ihr aufgeregt?

Bon: Ja, ich bin wie immer aufgeregt. Es gibt eine Menge Erwartungen an uns. Außerdem ist es immer eine Herausforderung vor Depeche Mode Fans zu spielen. Normalerweise freuen sich aber die DM Fans auf uns, und ich denke auch, dass sie uns als ein Teil der DM Geschichte ansehen.

Douglas: Natürlich bin ich aufgeregt! Es ist fast erschreckend, dass es schon 22 Jahre her ist, dass wir die Jungs in Europa erstmals supportet haben. Ich denke, als 21jähriger hätte ich niemals geglaubt, dass ich auch als 43jähriger nochmal in diese Situation kommen würde. Das ist großartig!

Jason: Für mich ist es das erste Mal, dass ich als Support von Depeche Mode mit Nitzer Ebb auf der Bühne stehe. Zu sagen ich sei aufgeregt, wäre eine deutliche Untertreibung!

Ihr wart erstmals vor 22 Jahren mit Depeche Mode auf Tournee. Wie habt ihr die damalige Zeit in Erinnerung? Hattet ihr damals auch mit dem sogenannten „Vorbandsyndrom“ zu kämpfen oder konntet ihr eure Shows ohne „Buh-Rufe“ durchziehen?

Bon: Es war schon etwas schwieriger damals. Unsere Musik war etwas Neues für die DM Fans. Elektronische Musik war damals generell noch nicht so weit verbreitet wie heutzutage. Über die Jahre wurden wir mehr und mehr akzeptiert und haben viel positive Resonanz erhalten. Während der Konzerte wurden wir übrigens nicht wirklich oft ausgebuht.

Douglas: Es war von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Insgesamt wurden wir damals aber extrem gut von den Fans aufgenommen. 1988 waren wir für viele DM Fans etwas völlig Neues. Mittlerweile wissen wir aber auch, dass jene Tournee der Startpunkt für viele unserer langjährigen Fans war. Wir schulden Depeche Mode eine Menge dafür, dass sie uns als Support auf ihre ‚Music For The Masses‘ und die ‚Violator‘ Tour mitgenommen haben. Dadurch wurde unser Leben buchstäblich umgekrempelt.

Wie habt ihr die Anfangszeit von Nitzer Ebb und EBM erlebt? Gab es besonders herausragende Ereignisse/ Erlebnisse?

Bon: In den Anfangstagen gab es einige Konfrontationen. Die Leute waren unsere Art von Musik nicht gewohnt. Dazu kam unsere doch recht direkte Art. Wir haben immer eine Menge Aufmerksamkeit erregt und auch eine Menge Ablehnung erfahren. Über die Jahre wurde unser Style aber mehr und mehr vom „Mainstream“ aufgenommen. Pumpende Dance-Beats waren plötzlich genauso cool wie ein gepflegter Kurzhaarschnitt.

Douglas: Früher war es immer ein Kampf für uns akzeptiert zu werden. Das lag vielleicht auch daran, dass es keine musikalische Schublade für uns gab, die man einfach aufmachen konnte um uns einzuordnen. Wir haben damals überwiegend vor einer Art Post-Punk Publikum gespielt. Vor Leuten also, die vorwiegend die gleichen Bands gehört haben wie wir. Dazu zählten insbesondere Killing Joke, Theatre of Hate, DAF, The Birthday Party oder The Banshees. Mit Ausnahme von DAF hatten wir musikalisch allerdings kaum was mit diesen Bands gemein. Das lag ganz einfach daran, dass wir keine Gitarren benutzten. Dies hat viele Leute durcheinander gebracht, insbesondere den jeweiligen Soundmann!
Dennoch hatten wir die Power und Aggression einer ‚regulären‘ Rockband. Ich denke unsere jugendliche Ausstrahlung war ziemlich antagonisitisch und zu einem gewissen Punkt auch unverschämt arrogant. Aber genau das half uns damals, die Zeit zu überstehen.

Hattet ihr damals persönliche Wertvorstellungen, die eure Musik inspiriert haben?

Bon: Unsere Musik war ein Kommentar zu der Welt, wie wir sie sahen und eine Möglichkeit, unserer Meinung eine Stimme zu geben. Ein Gefühl von Freiheit, Fairness und Gerechtigkeit waren immer wichtig für uns. Da wir in Europa aufwuchsen, hatte alles auch immer etwas mit den Gefühlen unserer Elterngeneration bezüglich der Weltkriege zu tun. In Zeiten des Kalten Krieges groß zu werden, hatte Einfluss auf unser alltägliches Leben und brachte uns sicher dazu, aufmerksamer mit Politik umzugehen.

Douglas: Ja, wir wuchsen in einem politisch sehr intensiven Umfeld auf. In den späten 70ern kam Großbritannien mit dem „Winter of Discontent“ zum Stillstand, so dass es ein ziemlich trostloser Ort für die Teenagerjahre war. Ich war 10 oder 11, als ich 1976 oder ’77 Punk entdeckte, in einem Observer-Artikel, und wie alle anderen war ich fasziniert. In den Folgejahren wurde Thatcher Premierministerin – sehr zur Enttäuschung meiner eher sozialistisch eingestellten Eltern – und es schien durch diesen Ruck des Landes nach Rechts ein unmittelbarer Riss durchs Land zu gehen. In der Zeit, als wir zu unseren ersten Konzerten gingen, gab es Aufstände in den Straßen, jeder Teil des täglichen Lebens wurde politisch aufgeladen. Somit waren Musik, Gewalt und soziale Kommentare für uns untrennbar verbunden. Global gesehen, herrschte der Kalte Krieg, Reagan und Breshnev sammelten Atomwaffen in alarmierenden Mengen, und man hatte das Gefühl, ein Atomkrieg wäre nicht weit entfernt. Das alles hing natürlich auch immer noch mit dem zweiten Weltkrieg zusammen, und die Kombination zweier totalitärer Systeme und ihre Symbolik und Slogans beeinflussten uns ebenfalls.

Ihr werdet am 22.01.2010 euer neues Album „Industrial Complex“ in Deutschland veröffentlichen. Einige Songs habt ihr bereits bei vergangenen Shows live präsentiert. Wie war die Resonanz?

Bon: Exzellent! Die neuen Songs wurden von den Fans sofort gut aufgenommen. Auch harmonieren die neuen Tracks gut mit unseren alten Sachen und klingen typisch nach Nitzer Ebb.

Douglas: Sie war sehr sehr gut! Wir sind im November und Dezember 2009 durch Nordamerika getourt, und jetzt sind wir in Europa als Support von Depeche Mode und auf eigenen Shows zu sehen. Bisher haben wir noch nichts Negatives gehört. Darüber sind wir natürlich sehr glücklich!

Als was seht ihr das neue Album – als Neuanfang oder als Fortsetzung von Nitzer Ebb?

Bon: Eher als eine Fortsetzung. Als wir das Album gemacht haben, waren wir uns bewusst, dass wir eine Art „Back Catalog“ von Nitzer Ebb machen würden. Wir wollten, dass „Industrial Complex“ sich zum größten Teil kontinuierlich in die früheren Werke einfügt. Bei einigen Songs haben wir ein bisschen mehr experimentiert und dadurch vielleicht auch zukünftiges Potential aufblitzen lassen.

Douglas: Eine Fortsetzung natürlich!

‚Industrial Complex‘ bietet eine interessante musikalische Mischung. Auf der einen Seite gibt es rohe, geradezu typische EBM Kracher wie ‚I Don’t Know You‘, ‚Promises‘ oder ‚Down On Your Knees‘. Auf der anderen Seite gibt es gänzlich andere, balladeske Songs wie‘ Going Away‘ oder das großartige ‘I’m Undone‘ zu hören. Wird das „wilde Tier“ Nitzer Ebb langsam zahm? ;-)

Bon: Das ist wohl ein Teil des Reifeprozesses. Wir haben uns alle als Musiker und Menschen weiter entwickelt. Es gibt auch Zeiten, da möchte man andere Emotionen ausdrücken. Eine Reflektion ist wahrscheinlich eine normale Sache, wenn man älter wird. Ich denke nicht, dass das die Emotionen weniger intensiv werden lässt, nur eben anders.

Douglas: Hahaha! Vielleicht… ich denke, da ist aber noch genug Raum für reine Aggression in unseren Songs. Wir haben es aber auch geschafft, Wut in einer anderen, weniger direkten Art musikalisch umzusetzen. Und wir haben auch keine Angst, unsere sensiblere oder verletzlichere Seite zu offenbaren.

Gibt es auf dem neuen Album einen Song, der euch besonders viel bedeutet?

Bon: Alle Songs bedeuten mir etwas, jeder auf seiene Art. Wir haben sie aus dem Nichts zu ausgereiften Ideen entwickelt. „Industrial Complex“ ist eine tolle Zusammenstellung von Titeln, die einige großartige emotionale Momente einfangen. Das ist auch der Grund, weshalb wir uns mit den Songs so verbunden fühlen.

Douglas: Das Album als Ganzes bedeutet etwas ganz Besonderes für mich. Nicht nur die Texte, die offen über mich als Person ’sprechen‘ und erzählen, in welchen Situationen ich damals gesteckt habe, sondern auch der Prozess dieses Album fertigzustellen, bedeutet mir persönlich viel. Für mich ist „Industrial Complex“ das definitiv erfüllendste Album, das wir bisher zusammen gemacht haben.

Inwiefern haben eure musikalischen Nebenaktivitäten euren aktuellen Sound beeinflusst? Douglas hat ja z.B. zusammen mit Terence Fixmer zwei hervorragende Alben veröffentlicht, und Bon war als Produzent von u.a. den Smashing Pumpkins aktiv.

Bon: Ich denke, das alles hatte auf bestimmte Weise einen großen Einfluss. Mit jemandem wie Billy (Billy Corgan/Smashing Pumpkins) zu arbeiten, hat mir viel über Songstrukturen und effektives Editieren etc. beigebracht. So was nimmst du natürlich mit. Ich bin außerdem zurück auf die Schulbank und habe Komposition und Orchestrierung studiert, habe viel gesungen und eine Menge Klavier gespielt. Das alles hat mir einen viel größeren musikalischen Einblick verschafft. Ich denke, wir alle hatten eine viel klarere Vorstellung davon, wie Nitzer Ebb nach unseren Erfahrungen in anderen musikalischen Ecken klingen sollte.

Douglas: Klar hat uns das beeinflusst. Bevor ich mich das erste Mal mit Terence traf, war ich sehr mit Filmen beschäftigt – ich hatte ein paar Regiejobs angenommen und arbeitete streckenweise Vollzeit als zweiter und manchmal erster Regieassistent in der Londoner Werbefilmindustrie. Zu der Zeit hatte ich kein Verlangen, zum Musikmachen zurückzukehren, jedenfalls, was Musik angeht, die auch veröffentlicht werden sollte. Terence hatte einige ältere NE-Tracks geremixt und hat mich über Mute aufgetrieben um auf ein paar Tracks zu singen. Als wir uns trafen, hatte ich also zunächst kaum die Absicht, mehr als eben dies zu machen. Als unsere Zusammenarbeit dann schnell wuchs und wir entschieden, doch ein neues und separates Projekt daraus zu machen, sah ich keinen Grund, diese Herangehensweise zu ändern. Man sagt ja auch: Was nicht kaputt ist, muss nicht repariert werden. Nachdem Bon und ich entschieden hatten zurück ins Studio zu gehen, erklärte ich, wie gut das so geklappt hätte und wir fuhren auf diese Weise fort: Bon schrieb und produzierte die Songs, während ich mich auf den Gesang konzentrierte, was ein Fortschritt zu früheren Alben war und ausgezeichnet funktionierte.

Jason: Dadurch, dass ich in verschiedenen anderen Projekten gespielt habe, habe ich gelernt, mein Ego als Drummer beiseite zu schieben und zu spielen, wonach die Musik verlangte.

Gibt es eigentliche Bands oder Musiker die euch in den letzten Jahren beeindruckt haben?

Bon:

Douglas: Ich stelle fest, dass ich so ziemlich die gleichen Sachen höre wie zu der Zeit, als ich mich entschied ein Musiker zu werden. Oder eben ältere Bands, die ich über die Jahre entdeckt habe, also eher wenige neue Bands. Allerdings habe ich in den letzten Jahren auch Alben von diesen Bands gekauft, die mir sehr gut gefallen haben: Arcade Fire, Fever Ray, The Knife…

Ihr habt in den vergangenen Jahren viel mit Alan Wilder zusammengearbeitet. Auf der deutschen Edition von „Industrial Complex“ wird es auch einen Remix von Alan Wilder zu hören geben. Wird es auch zukünftig weitere „Kooperationen“ geben, zum Beispiel auf dem anstehenden Recoil-Release?

Bon: Ja. Wir haben einige Dinge mehr zusammen mit Alan geplant. Wir werden im März einige Shows zusammen spielen. Das ist wirklich aufregend, denn wir haben Alan bereits unzählige Male dazu gedrängt, was zu machen, und bald ist es soweit!

Douglas: Wir hatten IMMER Pläne, den Mann in verschiedene Projekte einzubinden. Wie es scheint, beginnt er gerade damit, sich von seiner Landflucht zurück zu ziehen. EXZELLENT!

Ist durch die jahrelange Arbeit mit Alan auch eine persönliche Beziehung entstanden? Trefft ihr euch regelmäßig?

Douglas: Auf jeden Fall! Alan war schon seit Beginn unserer Beziehung mit ihm ein enger Freund und Unterstützer von uns.

Kommen wir nochmal kurz zurück auf Fixmer/McCarthy. Wird es hier in absehbarer Zeit neues Material geben oder sind Shows geplant?

Douglas: Terence und ich haben bereits begonnen, an neuen Songs zu arbeiten, an denen wir im Sommer weiterarbeiten wollen. Wegen der Nitzer Ebb Tour haben wir vorher kaum Zeit, ich werde mit Terence aber am 27.03. eine Show in London spielen. Im Mai werden wir einige Konzerte in Nordamerika und Mexiko geben. Im Sommer werde ich dann wieder mit Nitzer Ebb auf einigen Festivals in Europa unterwegs sein.

Und wie siehts mit Nitzer Ebb aus? Was ist für die Zukunft geplant?

Bon: Nitzer Ebb werden noch mehr touren. Es ist auch noch einiges an Songs aus den „Industrial Complex“ Sessions übrig geblieben, die wir vielleicht als EP oder ähnliches veröffentlichen werden. Danach schauen wir mal, wie es läuft. Da sind noch andere Projekte, die wir in petto haben. Wenn wir mit „Industrial Complex“ komplett fertig sind, geht’s wahrscheinlich wieder ins Studio.

Die letzten Worte gehören euch:

Douglas: Wir sind wirklich glücklich damit, unser bisher bestes Album draußen zu haben, und wie es bislang aussieht, stimmen Fans und Kritiker mit uns überein – was es noch besser macht. Also: Vielen Dank!

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