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Aus dem Nichts stiegen diese fünf Engländer im Jahr 2006 zu Lieblingen der Kritiker und auch vieler Musikhörer auf. „The Warning“ hieß der Grund, ihr zweites Album, das vor allem in England mächtig abräumte (und u.a. für den renommierten Mercury Prize nominiert war) und im Mutterland der Popmusik mit dafür sorgte, dass intelligente elektronische Musik dort mittlerweile wieder deutlich mehr Beachtung findet. Einen wesentlichen Anteil am Erfolg hatte sicher die Übersingle „Over And Over„, der sich kaum ein Tanzbein ernsthaft widersetzen konnte. In Deutschland reichte es zumindest zu Achtungserfolgen und bei denen, die das Glück hatten, Hot Chip live (z.B. auf den beiden letzten Melt!-Festivals) zu erleben, für einige durch die mitreißende Performance heruntergeklappte Kiefer. Darüber hinaus machten sie sich als fleißige Remixer einen sehr angesehenen Namen in der Clubszene. Die Gorillaz, die Scissor Sisters und zuletzt sogar Kraftwerk ließen sich von Hot Chip veredeln.

Nun ist Album Nr. 3 da – „Made In The Dark“ heißt es und es ist ein faszinierendes Sammelsurium an Stilen und Ideen geworden, das nun endlich auch hierzulande diverse verdiente „Album des Monats“-Titel einheimst – und, so weit darf vorgegriffen werden, das auch bei uns schafft.

Man hört an jeder Stelle heraus, dass die Bandmitglieder eine gewaltige Bandbreite an musikalischen Interessen aufweisen. Die Hauptsongwriter Alexis Taylor und Joe Goddard hören viel Musik von echten, äh, Songwritern, da fallen so erstaunliche und z.T. eher untrendige Namen wie Willie Nelson, Paul Simon, Scritti Politti, Terry Riley oder gar Phil Collins(!). Auch Soul und R’n’B (R Kelly!) wird goutiert. Dazu Disco, 2Step (Burial), Electro und wasweißichnoch. Die Tüftler im Hintergrund – Al Doyle, Felix Martin – stehen dagegen vorwiegend auf Minimal-Techno. Und Owen Clarke markiert den Bühnenkasper und ist sonst v.a. fürs Artwork zuständig. All das und viel mehr kommt in den Topf, wird gut verrührt und daraus entsteht eine Musik, die – und das ist nun wirklich selten in diesen Zeiten, in denen jeder Klang, jede Melodie erforscht und schon mal dagewesen scheint – absolut einzigartig ist und ihresgleichen sucht.

Weniger mutige Bands stellen ja gern die fette Single an den Anfang des Albums. Hot Chip haben das schon beim letzten Mal nicht getan und eröffnen auch hier überraschend frech und sperrig. „Out At The Pictures“ lässt erst einmal einen zappeligen zweiminütigen Instrumentalteil erklingen, bevor Alexis Taylors markante hohe Stimme ertönt. Dann geht es aber schon zu knalligen Beats ab. Und urplötzlich ist der Song zu Ende. An zweiter Stelle kommt ein Highlight der Platte. „Shake A Fist“ wurde schon mehrfach live erprobt – erfolgreich. Das Stück hat allerdings so viele Haken, dass man eventuell ein paar Anläufe braucht. Nach knapp zwei Minuten toller elektronischer Popmusik, die Tanzfläche ist am Beben, unterbricht Taylor das Stück mit den Worten: „Before we go any further I’d like to show you all a game I made up. This game is called ‚Sounds of the Studio‘.“ Schräge Sounds und Sirenen aus der Electro-Bastelkiste zerhacken den Song komplett, bevor er knapp zwei Minuten später mit umso mehr Druck zurückkommt. Und ein Sample des wirren Electro-Pioniers Todd Rundgren ist außerdem dabei.

Die anschließende Single „Ready For The Floor“ macht es dem Hörer dann etwas leichter. Hier gibt es einfach eine Electro-Pop-Perle allererster Güte. Ohrwurmige Melodie, warmer Gesang, tolle Sounds. Perfektion schlechthin. „Bendable Poseable“ hält das Tempo danach weiterhin hoch. Hier zeigt sich ein weiteres markantes Merkmal der heißen Chips, auch live gern genutzt: Raffinierte Percussions treiben das Stück an, später gesellt sich hier mal eine E-Gitarre dazu, noch später drehen erneut die Keyboards durch. Wo nehmen die nur immer diese Soundideen her?

Mit dem fünften Song zeigt sich erstmals (und nicht zum letzten Mal) die andere Seite der Band. Die ist nicht auf den Club aus, nimmt das Tempo fast komplett heraus und ist mit ihrer souligen Wärme eher etwas für die Momente zu zweit unter der Bettdecke. „We’re Looking For A Lot Of Love“ wird sicher nicht jedem gefallen, zumal auch vor einem ziemlich cheesy Gepfeife nicht zurückgeschreckt wird. „Touch Too Much“ kann man dann wohl als beschleunigte und elektrisch verstärkte Ballade bezeichnen. Doch die Geschwindigkeit wird sofort wieder gebremst. Der Titelsong „Made In The Dark“ erinnert daran, dass ein wichtiger Name oben wohl noch nicht genannt wurde: Der große Marvin Gaye.

Eine echte Rockgitarre eröffnet „One Pure Thought“ und nach einer Weile sind die Percussions und die elektronischen Beats wieder da. Tanzen ist zurück. Verhältnismäßig geradlinig und gegen Ende immer mitreißender. Womöglich eine weitere Single. Obwohl, da gibt es so viele Kandidaten. Z.B. „Hold On„. Sowohl Electro-Fans als auch Rock-Freunde ansprechend. Flott, dynamisch, und der Radio-Edit wäre sicher nach reichlich vier Minuten zu Ende. Auf dem Album dauert das Stück jedoch knapp sechseinhalb und so bleibt hintenraus wieder genug Zeit, die Geräte doch noch ordentlich austicken zu lassen. Mit „Wrestlers“ wird es dann vor allem auch textlich seltsam. Fachbegriffe dieser eigenartigen Showsportart werden um sich geworfen, Willie Nelson mit einem Half- und Full-Nelson in Zusammenhang gebracht, dazu groovt der Song entspannt vor sich hin, im Hintergrund wird eine zauberhafte Klavierlinie fast verschwendet.

Don’t Dance“ animiert letztmals, genau, zum Tanzen. Spätestens ab der Mitte aber so richtig. Inklusive Eurodance und Marschrhythmus. Danach ist man geschafft, so dass die abschließenden beiden Nummern in Ruhe in der Kuschelecke genossen werden können. Beide nur je zweieinhalb Minuten lang. „Whistle for Will“ sanft gesungen, Piano und ruhige Synthies unterstützen. „In The Privacy Of Our Love“ ähnlich, hier mit gospelartigem Backingchor. Und ganz am Schluss sagt dann eine kurze, schöne Synthesizermelodie Auf Wiedersehen.

Langer Rede, kurzer Sinn: Ein wundervolles Album, das viele (gute) Geschmäcker treffen kann. Wenn man sich darauf einlässt. Wenn man ohne musikalische Scheuklappen durchs Leben geht. Wenn man auch mal etwas anderes hören möchte. Schon jetzt ein heißer Kandidat für die Spitzenplätze einiger Jahreslisten!

(Addison)

P.S. Live sind Hot Chip eine Wucht! Zu überprüfen auf der Bonus-DVD der Special Edition des Albums oder eben live:

08.03. – Hamburg – Uebel & Gefährlich
09.03. – Berlin – Postbahnhof
10.03. – München – Elserhalle
11.03. – Köln – Gloria.

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www.hotchip.co.uk
www.myspace.com/hotchip

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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