Interview

Beborn Beton. Foto: Roman Kasperski

Am 9. September erscheint die „She Cried E.P.“ von Beborn Beton. Nach dem 2015er Studioalbum „A Worthy Compensation“ dauerte es also nur rund ein weiteres Jahr und nicht mehr eine halbe Ewigkeit wie zuvor, ehe das Trio nachlegte mit endlich neuem Material. Wir sprachen vorher mit Stefan „Till“ Tillmann.

Hallo Till, schön, dass Du Dir Zeit nimmst für uns. Erklär uns doch bitte mal, warum ausgerechnet „She Cried“ die zweite „Single“ aus der CD wurde und weshalb es es dazu sogar nun eine E.P. gibt und zu „Last Day on Earth“ damals „nur“ die Zusatzscheibe auf der Komplett-Veröffentlichung?
Stefan Tillmann: Du darfst nicht vergessen, dass die „Worthy Compensation“ unser erstes Album nach so vielen langen Jahren war. Da unsere Plattenfirma und wir zwar vom Potential überzeugt waren, aber nicht wussten, ob uns noch einer hören will, haben wir das damals halt so gemacht. Nachdem das Ganze aber ein Riesenerfolg geworden ist und auch speziell „She Cried“ immer wieder positiv besprochen wurde, haben uns überlegt, das Stück ebenfalls auszukoppeln.

Wieso habt Ihr Euch dennoch wieder ein Jahr Zeit gelassen mit der Veröffentlichung?
Eigentlich sind wir schon seid Anfang des Jahres fertig, aber der ganze Veröffentlichungsprozess dauert halt. Das soll ja auch nicht in den Ferien oder kurz davor rauskommen, das Cover muss erstellt werden, Vinyl gepresst usw…

Mit Daniel Myer, Zynic oder S.P.O.C.K. habt Ihr unterschiedliche Remixer gefunden. Erklär uns doch bitte mal, wieso gerade die ran dürfen und was ihr mit denen zu tun habt?
Das sind alles Freunde von uns, mit denen wir schon lustige Dinge zusammen angestellt haben. Mit S.P.O.C.K haben wir zum Beispiel 2012 als biertrinkende Radfahrer die Straßen von Montréal unsicher gemacht… Daniel Myer ist vor Ewigkeiten mal als Micha-Ersatz mit uns beim „Synthpop goes the Word“ in Toronto aufgetreten… Wir hatten viel Spaß und hatten ihn vorher mit reichlich Kajal verschönert und dabei vergessen, dass er ja noch eine Brille aufziehen muss. Bitte auch nicht Babymax vergessen zu erwähnen. Er hat schon öfter mal Songs für uns remixed und ist ein ganz feiner Kerl. Wir haben ihn auf unserem ersten Russland-Konzert in Moskau 2000 und irgendwas persönlich kennengelernt. Für HP, also Zynic hatte Stefan Netschio auch schon einen Remix gemacht – und bei der nächsten Platte von ihm singt er auch bei einem Stück die Backing Vocals.

Leben denn die alten Säcke von S.P.O.C.K. überhaupt noch? Machen die auch mal wieder was Neues?
Hmm…, etwas mehr Respekt bitte (lacht), wir haben letztens noch mit ihnen auf dem M’era Luna gespielt und ich darf dir sagen, die haben es immer noch drauf und die Halle auseinandergenommen. Alexander hat mir aber erzählt, dass sie an neuem Material arbeiten, aber so richtig konkret ist das wohl leider noch nicht. Da musst du sie wohl selbst fragen.

Mit „The Black Hit Of Space“ habt ihr nach „Being Boiled“ vor rund 22 Jahren nun wieder einen Song von Human League gecovert. Warum diesen – und ist da in 22 Jahren wieder ein neuer Titel zu erwarten?
Wohl eher nicht. Wir hatten letztes Jahr eine Anfrage aus England, ob wir einen Track für ein Human League Tribute-Album aufnehmen wollen. Da hatten wir spontan total Bock drauf, wollten so richtig viel alten analogen Synthkram an den Start bringen. Wir haben einen guten Freund besucht, der noch feines Zeug hat und auch bei uns zuhause die alten Kisten aus dem Keller geholt. So haben wir einiges an Analogzeugs aufgenommen – und im Studio hat Olaf Wollschläger alles ganz fein durch seine neuesten Eurorack-Module gedreht. Wir finden, es klingt einfach nur prima. Für uns kam übrigens auch nur genau der Track in Betracht, in dem Song „Mantrap“ hatten wir ihn ja schon mal als eine textliche Reminiszenz.

Mal im Ernst: Wieder über zehn Jahre sollte es nicht dauern, bis ein neues Album von Euch erscheint, oder?
Nö, wir sind ja auch wieder an neuen Sachen dran. Ende des Jahres gehen wir auch wieder ins Studio.

„A Worthy Compensation“ schlug ja gut ein. Habt ihr wieder Blut geleckt?
Wir waren ja ein paar Wochen in den DAC Charts auf Platz eins, dazu haben wir in den letzten beiden Jahren über die großen Festivals auch viel Publikum erreicht. Glaub mir, wir sind motiviert bis in die Haarspitzen.

Im Raum steht, dass Ihr einige unveröffentlichte Songs der frühen Tapes aus den Ende 80er / Anfang 90er Jahren demnächst remastered herausbringen wollt. Worauf können sich die Fans da freuen?
Zunächst freuen wir uns, dass unsere alten Alben demnächst auf Vinyl veröffentlicht werden. Als wir Teenager waren hörte man nur so, aber unsere ersten Alben haben wir dann natürlich auf CD rausgebracht. Die Tape Sachen wird es wohl auf einer Bonusscheibe geben, nagel mich bitte aber nicht fest, wir sind noch in der Planung.

Wie war es bei den Liveauftritten? Welcher der jüngsten Zeit blieb Euch am Nachhaltigsten im Gedächtnis?
Die großen Festivals bleiben einem natürlich immer besonders im Gedächtnis, gerade weil man da eine Unmenge an Leuten wieder trifft, die man von früher her kennt. Von den kleinen war letztes Jahr in Erfurt bemerkenswert, weil nach Konzertende das Publikum einfach weitergesungen hat, bis wir schließlich ein Stück nochmal gespielt haben. das sind so die Momente, die behält man im Herzen.

Ich habe Euch im April in Augsburg live gesehen und mich mal wieder geärgert, dass Depeche Mode mit langweiligen Songs noch immer alle Stadion füllen, dass zu Euch aber in einen kleinen Club in Südbayern kaum mehr als 50 Leute kommen. Warum schaffte oder schafft es niemand, Euch oder andere Bands wie Mesh oder Camouflage zu Weltruhm zu verhelfen?
Ich weiß, was du meinst, aber wir haben doch schon auch so schon viel erreicht. Wir haben schon in soviel Ländern gespielt und ’ne Menge Musik veröffentlicht. Immer wieder schreiben uns Leute aus der ganzen Welt an: „Spielt doch bitte mal bei uns.“. Wenn Du den Text von „She Cried“ mal aufmerksam durchliest, wirst du merken, dass wir dass alles schon als großes Privileg empfinden. Warum da jetzt in Südbayern bei uns oder anderen nur 50 Leute oder so kommen weiß ich nicht. Aber das Konzert war doch prima, oder? Darauf kommt es doch an…

Neulich habe ich wieder geträumt, dass meine Lieblings-ABC-Bands Assemblage 23 oder And One, Beborn Beton (also ihr) und Camouflage auf der nächsten Welttour von Depeche Mode im Vorprogramm spielen. Seid ihr dabei?
Ich hab Depeche Mode das erste Mal 1983 live gesehen und danach ein paar Mal über die Jahre wieder. Aber so richtig neidisch war ich noch nie auf die Vorband. Abgesehen von Front 242, wo das Publikum Schiss hatte aufzumucken, wurde denen meistens nur mehrtausendfach die Eintrittskarte vor die Nase gehalten um zu zeigen, dass da Depeche Mode draufsteht und man die jetzt möglichst flott sehen möchte. Das einzig Nette wäre mal, die Leute von DM persönlich kennenzulernen, das wäre glaube ich noch so ein unerreichetr Meilenstein von mir (grinst). Mit Assemblage hab ich übrigens auch schon mal auf dem M’era Luna auf der Bühne gestanden. Tom Shear ist ein klasse Typ, sehr politisch dabei. Mit And One haben wir vor zig Jahren in London gespielt und Heiko Maile von Camouflage hat mal „Im Innern einer Frau“ sehr fein für uns geremixt. Alles prima Bands, aber das wär dann ja schon ein Festival… Aber du darfst ja mal träumen (lacht).

Hast du die neue Mesh-Scheibe schon gehört, die ja auch wieder von Olaf Wollschläger produziert wurde?
Ich hab sie und die neue Covenant gerade frisch als Vinyl reinbekommen. Aber bisher bin ich noch nicht dazugekommen, sie auch anzuhören.

Wie seid ihr damals eigentlich auf Wollschläger gekommen? Ich kann mich noch erinnern, dass in den 90ern José Alvarez diesen Produzentenjob bei Euch ziemlich genial übernommen hatte….
Wir haben irgendwann um 2003 mal die Fühler ausgestreckt und der Kontakt kam über eine enge Freundin, die auch schon bei ihm aufgenommen hatte. Wir haben dann einfach mal drei Stücke bei ihm aufgenommen: Daisy Cutter, She Cried und Terribly Wrong. Wir hatten echt ’ne Menge Fun im Studio und am Ende klang’s überwältigend. Wir liegen halt auf einer Wellenlänge und hatten nie das Gefühl unter Zeitdruck zu sein, das war bei José leider anders. Da hatte man zehn oder elf Tage, um ein Album einzuspielen. Das war schon sportlich, aber auch eine schöne Zeit.

Hat Euch schon mal jemand gesagt – vor mir jetzt -, dass „I Believe“ die wohl genialste Pop-Perle aller Zeiten ist
Klar, aber jetzt, wo du das auch noch erwähnst, glaub ich langsam selber daran (lacht).

Warum war das keine Single-Auskoppelung aufgrund der absoluten Radiotauglichkeit? Weil in Deutschland eh kaum ein Musikredakteur Euch spielen würde?
Wir haben uns mit unserer Plattenfirma zusammengesetzt und das so entschieden. Ob das jetzt der Weisheit letzter Schluss ist, wer weiß das schon. Frag mal zehn Leute, welches Lied von der „Worthy Compensation“ das Beste ist, da bekommst du elf Meinungen zurück…

Blöde Frage am Schluss: Bei YouTube suche ich vergeblich nach Eurem Cover zum Song „Zauberstab“. Hat das eventuell einen bestimmten Grund?
Hat vermutlich keiner Bock gehabt, das Ding da einzustellen. Die Veröffentlichung ist ja schon etwas her…

Noch ´ne Ergänzungsfrage: Wann kann man Euch das nächste Mal live sehen?
Wir hatten dieses Jahr viele Anfragen grade aus den USA. Im Augenblick ist noch nichts ganz Konkretes geplant, aber ich schätze, nächstes Jahr werden wir da ’ne Minitour machen. Und Mexiko und Südamerika stehen bei uns auch ganz oben auf der Liste…, mal sehen. Ein neues Album wollen wir ja auch noch aufnehmen.

Danke für das Gespräch und alles Gute für die neue Veröffentlichung!

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Kommentar

  1. Norman D.
    1
    13.9.2016 - 17:54 Uhr

    Ich bitte hiermit, demnächst ein Interview mit S.P.O.C.K. lesen zu dürfen 😎👏👏😳

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