Über Playlists, Alben vs. Streaming und Kraftwerkreferenzen

Metronomy Forever – Review vs. Interview

Fotocredit: Gregoire Alexandre

Wer gestern in der Berliner Columbiahalle bei Metronomys bislang größtem deutschen Headliner-Konzert (so sprach Frontmann Joe Mount auf der Bühne) dabei war, konnte wieder einmal erleben, wie großartig und mitreißend man elegante elektronische Popmusik live darbieten kann. Es wurde gefeiert: das starke neue Album „Metronomy Forever“. Und ein Interview mit Joe haben wir auch noch für euch.

Metronomy sind live eine perfekt eingespielte und viel Spielfreude verbreitende Band. Im Studio dagegen hält Joe Mount alle Fäden in der Hand. Und Metronomy sind Kinder moderner Hörgewohnheiten. Man sieht das auch daran, dass die Veröffentlichungen vielleicht keine Chartspitzeneroberer sind, dafür haben einige der Videos bei YouTube prächtige Klickzahlen (bis kurz vor der 50-Millionen-Grenze), und bei Spotify steht der meistgespielte Song (das unsterbliche „The Look“ vom Überalbum „The English Riviera“) kurz vor der 100-Millionen-Marke. Vielleicht auch all jenem folgend, hat Mount „Metronomy Forever“ ein bisschen wie eine Playlist aufgebaut. Bei den 17 Stücken wechseln kurze Instrumentale mit hochinfektiösen Popsongs – und man kann das herrlich am Stück durchhören. Also fragen wir ihn doch gleich mal, aber vorher gibt’s erst noch ein Eis:

Metronomy - Salted Caramel Ice Cream (Official Music Video)

depechemode.de: Nimmst du eigentlich noch Mixtapes auf?

Joe Mount: [lacht] Äh, nein.

Oder Playlists, wie man heute sagt?

Die Leute bitten mich manchmal aus beruflichen Gründen, Playlists zu erstellen. Aber so zum Spaß habe ich eine ganze Weile mehr keine gemacht. Ich mochte es früher, wenn man das mit Turntables gebastelt hat. Da konnte man die Dinge schön ineinander übergehen lassen. Aber ja, es wäre schon ein Spaß, das mal wieder zu machen.

Zwei Gründe, warum ich das frage: Einmal heißt natürlich der letzte Track „Ur Mixtape“ – vor allem aber fühlt sich das Album ein bisschen wie ein Mixtape an.

Ja, das stimmt. Es gab einen Moment, wo „Ur Mixtape“ am Anfang des Albums stehen sollte. Das wäre aber zu offensichtlich gewesen. Es ist merkwürdig, dass es oft nur darum geht auf so vielen Playlists wie möglich zu sein. Wobei es früher halt ähnlich war, da versuchte man, bei möglichst vielen Radiosendern in die Rotation zu kommen. Der Unterschied ist nur, dass die Leute Alben nicht mehr auf die gleiche Weise schätzen. Was auf der anderen Seite aber vielleicht auch nicht ganz stimmt, denn die Menschen nehmen immer noch Alben auf. Ed Sheeran nimmt immer noch Alben auf. Es hat also immer noch einen gewissen Wert. Ich wollte ein Album aufnehmen, das reflektiert, wie ich Musik höre. Und das geschieht eben oft in Form von Playlists.

Hattest du das so schon im Hinterkopf, als du die Songs geschrieben hast?

Bei der ersten Version des Albums habe ich versucht, eine kohärentere, klassische Sammlung von Songs zu machen. Mehr auf eine direkte, poppige Art. Das Ergebnis war für meine Ohren aber nicht spannend oder interessant genug. Nun versucht also jemand, der gar nicht mehr so viele Alben hört, ein richtiges Album aufzunehmen [lacht]. Also habe ich probiert, mehr Sounds, die ich mag, unterzubringen. Der Punkt ist: Je mehr Musik du selber machst, umso mehr verlierst du den Bezug dazu, wie Menschen Musik hören. Weil du Musik nicht auf die gleiche Art hörst.

Die kürzeren Interludes und Tracks kamen also später dazu?

Ich hatte ein Album mit zehn Tracks, das nicht funktioniert hat. Also habe ich ungefähr 15 bis 18 weitere Songs (vielleicht auch mehr) angefangen, mich von etwa fünf der ursprünglichen Songs verabschiedet und hatte schließlich etwa 25 Songs, mit denen ich gearbeitet habe.

Da sind also noch Songs übrig.

Ja, aber ich denke, die sind nicht gut genug [lacht]. Ich bin nicht sicher, ob die jemals zu fertigen Songs werden. Ein paar davon waren schon gut, aber eben nicht auf die besondere Art.

Alben sind heutzutage oft recht kurz, mitunter gerade knapp über 30 Minuten …

Gerade genug, um gezählt zu werden.

Genau. Und nun kommst du mit einem ziemlich langen Album, fast eine Stunde lang.

Wenn man sich nicht mehr um Formate wie Vinyl, CD etc. kümmern würde, gäbe es keinen Grund, nicht auch Alben von einer Länge von zwei oder zweieinhalb Stunden zu machen. Das ist vielleicht das Spannende am Streaming bei Spotify & Co. Ohne, dass das viel Beachtung bekommen hätte, sind ja beispielsweise Filme immer länger geworden. Oder die Leute sehen sich tagelang „Game of Thrones“ an.

Definitiv.

Die Menschen haben also eine Toleranz für so etwas. Spotify (ich nenne jetzt mal nur Spotify, weil das der Dienst ist, den ich nutze) ermutigt die Leute dazu, drei Stunden lange Playlists zu kompilieren. Das ist für Musiker durchaus auch befreiend. Wenn Musik wie ein Abo läuft, wo Jahre an Musik verfügbar sind, spielt es doch keine Rolle, wie viel Musik ich in dieses System einspeise. Man kann das auch als Gelegenheit nutzen, um die Grenzen auszutesten. Warum nicht einen 30-minütigen Ambient-Track aufnehmen, ihn direkt auf Spotify packen und sehen, wie viele Leute sich das anhören? Das kann man mit einem physischen Release schlecht machen. Ich denke, da wird es bald einige sehr faszinierende Dinge von Künstlern zu hören geben.

Metronomy - Wedding Bells (Official Music Video)

Faszinierend ist auch immer wieder das Händchen Mounts für eingängige Melodien. Ob es auf dem neuen Album das rockende „Insecurity“ ist, das bonbonbunte „Salted Caramel Ice Cream“, das verträumt kraftwerkeske „Lately“, das entspannte „Walking In The Dark“ oder das groovende „Wedding Bells“. Wo hat er das Ganze denn eigentlich aufgenommen, wie früher an der englischen Riviera, also in Südwestengland? Oder wie in den letzten Jahren, in Paris?

Ich habe gelesen, dass du für die Aufnahmen zurück nach England gezogen bist?

Ja.

Zurück in die Heimat, nach Devon?

Nein, auf die andere Seite, in den Osten. Ich habe mich entschieden, nicht in den Westen zurückzukehren.

Bleibst du jetzt da, oder war das nur für die Aufnahmen?

Nein, nein, wir leben jetzt auch da. Wir haben Kinder und unser Appartement in Paris war viel zu eng geworden. Wir hätten in Paris ein größeres Haus finden müssen, was sehr schwierig ist. Außerdem wollte ich ein Studio zu Hause – und selbst wenn man der reichste Mann der Welt wäre, würde man da [in Paris] den ökonomischen Sinn bezweifeln. Also haben wir uns gedacht, wir können überall leben. Mein Job ist nicht an einen Ort gebunden. Und meine Freundin, die gearbeitet hat, seit sie 16 war, nimmt derzeit eine Art Sabbatical. Nun leben wir auf dem Land, was toll für die Kids ist.

Eine Frage noch: Ich habe leichte Kraftwerk-Einflüsse auf dem neuen Album ausgemacht. Ist das Zufall?

Oh. In welchen Songs?

Einmal im Instrumental „Driving“ – und anschließend in „Lately“, das in der zweiten Hälfte leichte Verwandtschaften zu „Taschenrechner“ – oder „Pocket Calculator“ – aufweist.

Metronomy - Lately (Official Music Video)

„Driving“ hat so ein paar vorgetäuschte Fahrgeräusche, geht vielleicht ein bisschen in Richtung „Transeurope Express“ … [überlegt] … Ich habe das eine Weile nicht gehört, aber ja, Kraftwerk … [nickt]

Sicher keine schlechte Referenz.

Ja, großartig! Die sind eine der besten Popgruppen ever. Und auch noch super-experimentell. „The Model“ ist vielleicht der erste Kraftwerksong, den ich auf einem Mixtape gehört habe.

So schließt sich der Kreis. Vielen Dank für das Gespräch!

Wir empfehlen: Hört euch das Album „Forever Metronomy“ an, auf welchem Medium auch immer (es gibt auch ein schickes Vinyl), es lohnt sich! Ergänzend dazu erschien in dieser Woche noch eine EP mit neun Remixen, u. a. von Gerd Janson, IDLES, Georgia und Sascha Funke. Und wer mal die Gelegenheit hat, Metronomy live zu sehen – immer hin da (z. B. am 26.10. in Offenbach und im Frühjahr nach ausgedehnter Tour um die Welt u. a. am 23.03. in Lausanne, am 24.03. in Zürich, am 28.03. in Wien, am 03.04. in Dresden und am 04.04. in Mannheim)!

Metronomy Forever“ bestellen: Amazon

Die depechemode.de-Wertung:
8 / 10

www.metronomy.co.uk

www.facebook.com/metronomy

Letzte Aktualisierung: 25.10.2019 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

Der Kommentarbereich ist zurzeit geschlossen.