flume

Vielleicht ist es ja so, dass der Februar der kürzeste Monat des Jahres ist. Der veröffentlichungsärmste ist er jedenfalls nie. Und so kommt es, dass unsere monatliche Rundumschau mit gleich zehn Alben so pickepackevoll wie selten ist – mit The Asphodells, Concrete Knives, Delphic, Dutch Uncles, Doldrums, Flume, Voigt & Voigt, Tosca, Courteeners und TM404.

Beginnen wir mit einem, der schon Musikgeschichte (mit)geschrieben hat. Andrew Weatherall hat New Order geremixt, mit Paul Oakenfold an den Happy Mondays gebastelt, Primal Scream produziert und generell so einiges in den großen Ravezeiten rund um 1990 bewegt. Jetzt ist er zusammen mit Timothy J. Fairplay als The Asphodells unterwegs und die beiden fühlen sich „Ruled By Passion, Destroyed By Lust“. Und dieses Platte groovt ganz gewaltig. Dicker Bass, trockene Drummachine, ein paar versprengte Gitarren und immer wieder ein satter Synthesizersound. Klingt schon hin und wieder etwas aus der Zeit gefallen, aber auch wie eine gekonnte elektronische Zeitreise zwischen Madchester, London, Berlin und Düsseldorf. Mit reichlich Ohrwurmpotential. Tipp!

Dieser dynamische Fünfer hier kommt aus dem französischen Caen und legt schon mal das erste richtig fröhlich machende (und eigentlich leicht verfrühte) Frühlingsalbum auf den Teller. Auf „Be Your Own King“ gelingt es den Concrete Knives, mitreißende Indie-Euphorie in abwechslungsreichen Songs zu transportieren. Mehrstimmige Gesänge jauchzen, Gitarren kreisen, Drums treiben an und Synthesizer setzen die passenden Klangtupfen obendrauf. Durch schmissige Songs wie „Brand New Start“, „Greyhound Racing“ oder „Blessed“ sollten diese lebhaften Mädels und Jungs länger im Gedächtnis bleiben.

Apropos dynamisch und Indie. Vor drei Jahren hatten uns Delphic aus Manchester mit einem umwerfenden Debüt weggeblasen und sich als Neffen New Orders positioniert. Der Nachfolger wurde also heiß erwartet, doch es wurde eines jener schwierigen zweiten Alben. Zu hohe Ansprüche an sich selbst? Fehlende ordnende Hand im Studio? Woran es lag, wissen wir nicht, aber bei „Collections“ stimmt einiges nicht. Es geht noch mit zwei klasse Stücken („Of The Young“, „Baiya“) los, man denkt, jau, könnte wieder super werden, doch dann reißt der Faden und Delphic verlieren sich irgendwo zwischen gewollter Vielseitigkeit und Es-allen-recht-machen-Wollen, zwischen der Suche nach eigenen Wegen im Pop und unpassenden Anbiederungen an Formatradiosounds. Sehr sehr schade.

Wo wir gerade in der Musikhochburg Manchester weilen: Da kommen auch die Dutch Uncles her (und nicht etwa aus Holland). Das war’s aber mit musikalischen Gemeinsamkeiten. Diese Herren hier haben auf ihrem dritten Album „Out Of Touch In The Wild“ ihren bisherigen Karrierehöhepunkt erreicht. Das ist durchdachte und doch leichtgängige Musik, die Wurzeln in Prog und Math haben mag, aber aufgrund ihrer Melodiosität viel stärker dem Pop zugewandt ist. Dazu kommt, dass man auch alte deutsche Elektroniker wie Neu! zu seinen Quellen zu zählen scheint und gegenüber einer guten Synthiemelodie nie abgeneigt ist. Wenn man jetzt noch ein bisschen mit Namen wie Talking Heads oder Talk Talk (oder, aktueller, Wild Beasts) spielt, hat man (fast) einen Eindruck. Eine eigenwillige und richtig schöne Platte!

Richtig schön, das ist auch „Anomaly“. Einer der herausragenden Songs der letzten Wochen, eine Perle modernen Electropops. Zu finden auf „Lesser Evil“, dem Debüt von Doldrums, wie sich der (ja, der, nicht die, wie der Gesang ahnen ließe) junge Kanadier Airick Woodhead nennt. Man denkt sofort an das großartige Grimes-Album im Vorjahr, und auch hier neigt der Künstler dazu, seine Songs bis zur Unkenntlichkeit zu behandeln. Da gibt es komplexe Rhythmen, es kratzt an allen Ecken und Enden (manchmal will der Künstler auch zu viel auf einmal), und dann schält sich doch wieder eine herzallerliebste Melodie aus dem Soundwirrwarr. Spannend und talentiert.

Versponnene Elektronik, da passt auch Flume mit seinem selbstbetitelten Debütalbum hinein. In seiner australischen Heimat stürmte der 20-jährige damit bereits auf Platz 1 der iTunes-Charts und nachdem die Platte digital längst draußen ist, ist sie nun auch physisch in Europa angekommen. Auf den 15 Tracks hüpft der Bursche durch so ziemlich alle modernen Strömungen elektronischer Sounds. Klar, Dubstep ist dabei, wild wobbelnde Bässe, bis ins Unkenntliche bearbeitete Stimmen, aber auch lupenreiner Pop. Zwischen SBTRKT, James Blake, Totally Enormous Extinct Dinosaurs und The Weeknd ist bestimmt noch ein Plätzchen frei für Kanal Flume.

Die Gebrüder Reinhard und Wolfgang haben im Umfeld des Kompakt-Labels schon viel erreicht, nun endlich haben sie ihr schon länger ersehntes gemeinsames Album als Voigt & Voigt fertig. Es ist eine sehr erfreuliche Geschichte geworden. Geschichte passt gut, denn auf „Die zauberhafte Welt der Anderen“ wird viel mit filmischen Motiven gespielt, zwischen Thriller, Science Fiction und deutschem Autorenkino ist einiges dabei, bis hin zum Thema Talkshow. Auch musikalisch geht viel, von ambienten und score-artigen bis hin zu jazzigen Ausflügen, aber meistens ist doch immer noch ein Technobeat greifbar, und dann gibt es sogar richtig Hitverdächtiges wie „Triptychon Nummer 7“ oder „Der Keil NRW“.

Wo wir gerade so schön chillaxen: Der Dorfmeister Richard (ja, der Kollege vom Kruder Peter) und der Huber Rupert haben auch mal wieder ein Album als Tosca aufgenommen. Auf „Odeon“ frönen sie dem guten alten Downtempo, als hätten wir noch die späten 90er Jahre, höchstens etwas düsterer als üblich. Das ist somit zwar kaum innovativ, neuere Einflüsse findet man nur in Spuren. Aber andererseits passt die Atmosphäre einfach und Sounds, Kompositionen sowie Vocals der Gäste haben gewohnt hohe Güte. Mit „Jayjay“, „Heatwave“ und „In My Brain Prinz Eugen“ gibt es außerdem einige für sich stehend starke elektronische Songs.

Wir sprachen ja vorhin schon von Manchester, New Order und so weiter. Und weil sich immer noch so viele Musiker darauf beziehen, kehren wir gleich nochmal dorthin zurück, es lässt einem ja doch keine Ruhe. Die Courteeners klingen auch auf ihrem dritten Album wie alles zwischen den bereits Erwähnten sowie The Smiths oder, wenn es was von heute sein soll, White Lies. Also wird auf „Anna“ mit ins Stadion drängenden Uhuhs, Ahahs, fröhlich dengelnden Gitarren und schmissigen Synthies um sich geworfen, dass es schon eine Frechheit ist (wie auch Songs namens „Welcome To The Rave“). Nichts wirklich Relevantes also, aber schicke Hits für Zwischendurch wie „Lose Control“ hat man eben doch immer mal wieder gern.

Das sind doch mal Tracknamen: „303/303/303/606“ oder „202/303/303/303/808“! Von einem Act namens TM404 auf einem gleichnamigen Album. Die Synthesizerprofis werden es erkannt haben, es geht um die guten alten Geräte von Roland. Andreas Tilliander hat sich für sein neues Alias ganz jenen historischen Geräten verschrieben und sich gleich einen Insiderscherz erlaubt, denn den 404 gab es nie (da der japanische Laut für ‚4‘ der gleiche wie für ‚Tod‘ ist). Ansonsten hat er – wie auf YouTube zu überprüfen ist – alle acht Tracks hier live eingespielt. Und trotz der instrumentalen Selbstbeschränkung ist ein angenehm pluckerndes und hörenswertes Stück Computermusik dabei herausgekommen. Aber wie wünscht man sich das jetzt beim DJ?

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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