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So, ein letzter Blick in unseren Gemischtwarenladen, bevor wir für 2012 Inventur machen müssen. Das, was noch kurz vor Jahresschluss eintrudelte und v.a. einiges, was sonst noch unbedingt an euer Gehör geraten sollte. Hochklassig geht es zu – mit Stars, Björk, Flying Lotus, Skye, Terranova, Daniel Maloso, Clinic, Favela Gold, Tiga, Watergate X und Umberto.

Die kanadischen Stars, jene Band, angeführt von zwei Stimmen, die für einige der schönsten Pop-Duette der letzten Jahre verantwortlich waren – Amy Millan und Torquil Campbell – sind auf der Popautobahn Richtung „The North“ unterwegs. Dabei zielen sie mittlerweile ohne Umwege direkt aufs Herz. Synthesizergestärkter Pop mit großer Geste und großen Gefühlen. Frühere Abschweifungen und Verspieltheiten gönnt man sich hier nicht, die Songs sind extrem geradlinig, was sie leider hier und da etwas austauschbar macht. Andererseits haben sie so schöne Melodien im Gepäck, so viel Euphorie im Blut – und eben diese beiden Stimmen, da verzeihen wir fast alles.

Remixalben, die Erste. Björk hat uns ja im letzten Jahr mit „Biophilia“ ein bisschen überfordert. Multimediales Albumkonzept, innovative Apps, neu erfundene Instrumente: großartig. Die Musik dazu: auch spannend, aber da war sie schon mal stärker. Nun folgen die zugehörigen Mixe, die „Bastards“. Und hier muss man feststellen, dass diese streckenweise die Originale übertreffen (manchmal natürlich auch nicht). In jedem Falle fügen Künstler wie Hudson Mohawke, These New Puritans, Omar Souleyman, Matthew Herbert, Death Grips oder Alva Noto den vielschichtigen Ursprüngen noch einige neue Elemente hinzu.

Meisterwerk! Schrei(b)en die Kritiker allerorten. In diversen Jahresbestenlisten ganz vorn dabei. Da sollten wohl auch wir noch auf das diesjährige Album von Steven Allison und seinem Flying Lotus hinweisen. „Until The Quiet Comes“ macht es dem Hörer nicht einfach. Da springt einem nirgends ein Hit entgegen. Stattdessen greifen auf dieser verrückten Dreiviertelstunde ständig unberechenbare Sounds ineinander. Klickedie hier, klackedie da. Spektakuläre Gäste wie Erykah Badu und Thom Yorke werden einfach in die Maschine integriert, ragen also nicht heraus, sondern fließen, schweben mit. Ein Raumschiff aus Bässen, Synthies und rätselhaften Soundeffekten bewegt sich durch Zeiten und Welten. Wie eine Neuvertonung von Kubricks „2001“.

Neben den Trip-Hop-Sounds war die markante Stimme von Skye wesentlich für den Erfolg von Morcheeba verantwortlich. Nun hat sie, hauptsächlich von ihrem Ehemann Steve Gordon und Produzent Stephen Fitzmaurice unterstützt, ihr drittes Soloalbum aufgenommen. Auf „Back To Now“ geht es erheblich elektronischer zu als bislang, was den Songs eindeutig gut tut. Es fließt – ähnlich wie bei der Hauptband – so gefällig dahin, dass man manches auch durchaus als seicht bezeichnen kann. Aber Songwriting, Produktion und Stimme reißen es dann doch immer wieder heraus und am Ende staunt man doch über gar nicht so wenige potentielle Singles.

Remixalben, die Zweite. Da haben wir im Frühjahr im „Hotel Amour“ von Terranova eingecheckt (und uns zwischen House und Pop sehr wohl gefühlt) – und dann vergessen wir fast, den „Nightporter“ zu erwähnen. Dabei ist diese nacht- und clubtaugliche Variation des Albums ebenfalls sehr zu empfehlen. Hier wurden nämlich die Originaltracks in den Remix gegeben – und von höchst begabten Kollegen wie Gui Boratto (der bislang noch so ziemlich jeder Neubearbeitung einen ganz eigenen Dreh abgewonnen hat), Tiefschwarz, Rampa, KiNK und vielen anderen mit neuen Einblicken verziert. Eine sinnvolle und lohnende Ergänzung!

Richtig tanzbar geht es auch auf dem Debütalbum von Daniel Maloso zu. Der Mexikaner aus dem Umfeld von Rebolledo und Matias Aguayo gibt dem Affen auf „In And Out“ so richtig Zucker. Da heißt nicht nur ein Track mal eben „Body Music“, das könnte auch – gerne mit einem ‚Electronic‘ davor – als Überschrift über dem Album stehen. Aber nicht stumpf, sondern in vielen Variationen. Zackige Beats, jede Menge 80er Synthies (bei Kennern der Materie dürften sich einige Aha-Effekte einstellen), Einflüsse von Kraut und Disco, mit einem Eckchen Latin-Funk und eingängig wie nix. Eine späte Entdeckung und ein echter Geheimtipp!

Kaum zu glauben, dass es Clinic erst 15 Jahre gibt. Die Liverpooler klingen (nicht negativ gemeint!) teilweise so alt, dass man meint, die müssten doch schon mit den frühen Suicide zu Gründerzeiten des Postpunk unterwegs gewesen sein. Auf „Free Reign“, ihrem siebten Studioalbum, sind sie (dank Mitwirkung von Daniel Lopatin) elektronischer unterwegs als zuletzt. Zu den düsteren Gitarrenklängen, dem gewohnt nicht eben optimistischen und irgendwie immer leicht spukigen Gesang und den verloren herumstehenden Bläsern gesellen sich also verstärkt Synthies und auch einige Beats. Das steht ihnen gut.

Auch wenn Favela Gold seine Musik ‚KoolKitsch‘ nennt – ein neues Genre erfindet der aus Lodz stammende Grazer auf „Born Again“ nicht. Muss er ja nicht, vielleicht klang ihm ‚eingängiger Synthiepop‘ auch nur zu gewöhnlich. Doch das trifft es nun mal trotzdem. Eine Zeitreise mitten in die bunten 80er. Mit kräftiger Stimme und ordentlich Schmalz drauf stürzt er sich in seine direkt auf Ohrwurm getrimmten Popsongs. Und nun kommt es auf die Stimmung des Hörers an. Der könnte schreiend weglaufen und behaupten, das sei ja noch flacher als And One. Der könnte aber auch ein fröhliches Grinsen auf dem Gesicht bekommen und sofort seine alten Tanzlatschen herausholen.

Von Tiga haben wir zuletzt auch viel zu wenig gehört. Der Kanadier ist ja nicht nur ein gefragter Remixer (u.a. für LCD Soundsystem, The XX und natürlich Depeche Mode), sondern hat auch zwei feine Alben veröffentlicht. Doch jetzt gibt’s erstmal einen extensiven Mix von ihm. Und zwar „Non Stop“. Mit viel Liebe zum Detail zeigt Tiga auf diesen 28 Tracks, wie man so einen Mix am Fließen hält. Noch beschwingt mit Kindness startend, wird es zusehends beatlastiger (u.a. mit erfahrenen Hasen wie AFX, Audion oder Factory Floor, aber auch mit aktuell gefragten Namen wir Blawan) – und dazwischen verbaut er noch drei sehr gelungene eigene Neuzugänge.

Zehn Jahre Watergate – das ist ja wohl ein Grund zum Feiern! Der erfolgreiche Club am Berliner Spreeufer lässt sich daher auch gar nicht lumpen und spendiert mit „Watergate X“ eine prall gefüllte Doppel-CD mit 27 exklusiven Tracks. Kein DJ Set, keine Mix-CD, sondern einen klassischen Sampler. Der mit nahezu durchweg sehr gelungenen Beiträgen von dOP, Henrik Schwarz, Rüde Hagelstein, Tiefschwarz, Oliver Koletzki, M.A.N.D.Y., Mathias Kaden u.v.a. absolut erstklassig bestückt ist. Wer es noch exklusiver haben möchte, sollte über die limitierte Collector’s Box mit (zusätzlich zu den beiden CDs) DVD, Fotoalbum, 3-fach-Vinyl, Poster und Gästelistenkarte nachdenken.

Es gab ja in diesem Jahr den einen oder anderen hervorragenden Soundtrack. Allen voran sei mal jener zu „Drive“ genannt, mit seinen neonglänzenden 80er-Sounds. Musikalisch irgendwo zwischen diesen Klängen und alten John-Carpenter-Synthies ist dieser Score zu „Night Has A Thousand Screams“ einzuordnen. Eigentlich spanisch-italienischer Slasher-Trash von 1982 (hierzulande u.a. auch als „Der Kettensägenkiller“ unterwegs), hier aber von Matt Hill alias Umberto fürs Glasgow Film Festival neu vertont. Köstlich, diese schleichende Bedrohung durch historische Synthiesounds. Für audiophile Cineasten.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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