Technoir - Deliberately Fragile „I am trying to believe“.
Überraschungen. Reichlich. Zunächst einmal: Nur zwei Jahre zwischen zwei NIN-Alben? Erstaunen. Schnellschussbefürchtungen? Unnötig. Im Gegenteil: Konzeptalbum. In allen Dimensionen. Durchschaubar? Kaum. Faszinierend? Absolut. Und die Musik? Großartig.

Es begann weit vor Veröffentlichung mit geheimen Botschaften aus Trent Reznors eigenem Universum. Merchandising, auf dem bestimmte Buchstaben hervorgehoben waren, die zusammengesetzt eine Internetadresse ergaben. Weitere rätselhafte Websites wurden entdeckt, auf Konzerten wurden versteckte USB-Sticks gefunden. Das Album „Year Zero“ selbst ist nur ein Bestandteil eines medienübergreifenden Konzeptes.

Jahr 2022. Oder eben Jahr Null einer neuen Zeitrechnung. Christliche Fundamentalisten. Nation zwischen Bibel und Gewehr. Neue Weltordnung. Verschwörungstheorien. Und (immer noch) ein dummer und böser Präsident. Wer tiefer einsteigen möchte – und dies sei ausdrücklich empfohlen – fange auf www.ninwiki.com an und verliere sich im Wahnsinn.

Die Musik: Schon das eröffnende Instrumental „Hyperpower!“ gibt Richtung und Stimmung vor: Weniger Rock als zuletzt (aber immer noch genug Gitarren), dafür wieder erheblich mehr Elektronik. In all ihren düsteren Schattierungen. Dann gibt es das knackige „The Beginning Of The End„. Melodiös, geradlinig und unter drei Minuten. Ähnlich in Aufbau und Dynamik schließt die flott knarzende Single „Survivalism“ an: „I got my violence in ultra-realism“. Das dazugehörige Video legt weitere rätselhafte Fährten in Zahlencodes aus.

Dann „The Good Soldier„. Highlight. Düsterer, langsamer als die Songs davor. Grandioser Groove. Das folgende „Vessel“ darf sich dann auf knappen fünf Minuten durch alle möglichen Verzerrer pumpen. Gepumpt wird hier auch anderes. Nämlich Drogen. Das mysteriöse Parepin? „Me I’m Not“ setzt Story und Sound fort. Etwas weniger verzerrt, dafür weiter in mittlerer Geschwindigkeit und mit tollen Background-Vocals von Saul Williams. „Can we stop? Me, I’m not.“

Nun wieder mehr Tempo und weniger Verstörung. Single Nr. 2, „Capital G“ kann man fast schon radiotauglich nennen. Inhaltlich geht es um vergangene Politik, also aus Sicht der Zukunft. „Well I used to stand for something, now I’m on my hands and knees, traded in my God for this one, he signs his name with a capital G.” Klar, wer gemeint ist. So, Speed raus, „My Violent Heart“ kehrt in die dunkle Elektronik zurück, flüsternde Strophe täuscht an, scheppernder Lärmrefrain wirkt um so stärker. „The Warning“ geht ähnliche Wege, hier dominiert eine sägend-schräge Gitarre. Und was hat es mit der „Presence“ auf sich? Eine Erscheinung aus dem Himmel in Form einer riesigen Hand. Siehe auch: Albumcover.

God Given“ lässt dann neben einem trockenen Beat wieder mehr Melodie zu. Natürlich nicht, ohne diese immer wieder zu durchbrechen. Religion wird (erneut) zum Thema. „Meet Your Master“ packt den Zahnarztbohrer aus und überrascht dann mit einem geradlinigen, fast hymnischen Refrain. Mal wieder etwas für die Rockfraktion. „The Greater Good“ ist ein langes Interlude, ruhig, atmosphärisch, mit einer hübsch angeschrägten Pianomelodie und dann doch einigen gesprochenen Vocals. „The Great Destroyer“ stellt ein heimliches Highlight dar. Einigermaßen melodiöse Strophe, leichte Steigerung, Refrainverweigerung, wieder von vorn, plötzlicher choraler Refrain, Noise-Ausbruch. Alles in 3:17.

Another Version Of The Truth“ – nun doch ein rein instrumentales Zwischenstück. Schönes Klavier. Doch auch hier versteckte Botschaften. Wer ist „Grace, the teacher“? „In This Twilight“ beschert kurz vor Schluss einen melodiösen Höhepunkt des Albums. Wunderschöne Melodie, ein irgendwie fast schon optimistischer Klang. Der Text hingegen lässt sich in ganz andere Richtungen deuten. Hollywood in memoriam.

Nullsumme. „Zero Sum„. Das über sechsminütige Finale. Noch einmal Piano, verzerrte Percussion, Flüstern, Einsicht, Aussicht. „Shame on us, doomed from the start, may God have mercy on our dirty little hearts“. Und „Shame on us, for all we’ve done, and all we ever were, just zeros and ones”. CD aus dem Player. Anfangs war sie schwarz, nun ist sie weiß. Mit Nullen und Einsen. Meisterwerk!

(Addison)

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www.nin.com

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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