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Okay, Sommer ist in diesem Jahr mal wieder relativ. Aber so ist das eben manchmal in unserer gemäßigten Klimazone. Da in den Sommermonaten mitunter etwas weniger Veröffentlichungswahnsinn herrscht (obwohl der Stapel hier uns da eigentlich umgehend Lügen straft), nutzen wir mal eben die Gelegenheit, ein schönes Häufchen an interessanten Platten en bloc vorzustellen.

Das Trio Data MC aus Berlin wurde für den originellen Stilmix auf seinem Debüt allseits gelobt und denkt auch auf dem Nachfolger „Daily Mirror“ nicht daran, sich irgendwo genauer einordnen zu lassen. Elektro, Indie, HipHop, Funk, Disco, Dub – das bekommen die alles lässig unter einen Hut. Darüber hinaus gibt es mit „We Could“, „Too Young To Die“ und insbesondere „If I Gave You My Digits“ (mit Lexy & K-Paul) mindestens drei Hits.

Bleiben wir gleich mal in der Hauptstadt: Mark Boombastik, der sich als Human Beatbox v.a. durch zahlreiche Liveauftritte einen Namen erwarb, legt zusammen mit Eduardo Delgado-Lopez (Bruder von DAF-Einheizer Gabi Delgado) das gemeinsame Debüt „Adios Berlin“ vor. Es gibt sture Stakkato-Beats, wilde Synthies und ein paar Gitarren, dazu sloganhafte Texte – mal schmerzhaft, immer direkt ins Gedächtnis. Und jetzt alle: „Putzen, putzen, putzen…“!

Alles sauber? Na dann können wir ja gleich mal mit den Battles an ihrer „Ice Cream“ lecken (man beachte das pornös-eklige Video dazu). Die Leadsingle zum neuen Album „Gloss Drop“ ist ein herrlich seltsames Stück Synthesizer-und-Rhythmus-Gewitter feat. Matias Aguayo. Aber hoppla, später kommt sogar Gary Numan noch vorbei und krönt das grandiose Geschepper von „My Machines“. Und das sind nur zwei Stationen auf einem ziemlich irren Trip.

Jetzt erst mal entspannen, oder? Dann sind „The Jam Files“ von Peppermint Jam Records genau das Richtige. Mousse T. und sein Label haben in den letzten 18 Jahren von Hannover aus die House Clubs, Charts und Kaffeehäuser der Welt erobert und blicken nun mit diesem opulenten 3-CD-Set zurück und nach vorn. Labelklassiker von Mousse T. (klar), Moloko (Yeah!) oder Boris Dlugosch, neue Künstler, Tanzbares, Chilliges, altbekannte und radikal neue Versionen („Horny“ ist z.B. nicht wiederzuerkennen) – da ist eine Menge geboten.

Wo wir gerade in der Musikgeschichte lustwandeln: Reisen wir doch gleich bis 1970 zurück und gleichzeitig wieder nach vorn. Popol Vuh, eine der legendären deutschen Avantgarde-Bands werden hier „Revisited & Remixed“ – auf CD 1 gibt es die krautig-experimentellen Originale (von 1970 bis 1999), auf CD 2 versuchen sich große Namen wie Peter Kruder, Thomas Fehlmann, Moritz von Oswald oder Mouse On Mars an Neuinterpretationen. Elektronischer Schulstoff für Fortgeschrittene!

Doch nun wollen wir auch endlich mal wieder gedankenlos tanzen. Ab ins „Watergate 08“, wo uns der Detroiter Lee Curtiss seinen persönlichen Mix für die Berliner Clubinstitution darreicht. Dabei hat er sich für ein gut diurchlaufendes Set entschieden, was allerdings auch bedeutet, dass es insgesamt mitunter recht eintönig durchs House groovt. Zu viel Geclappe, aber hintenheraus immerhin Feines mit WhoMadeWho, Ali Love und Kim Ann Foxman.

Mit The Toxic Avenger steigen Spannung und Klasse wieder ein ganzes Stück. Der Franzose liefert mit „Angst“ ein, ja, beängstigendes Werk ab. Saftig an den Nerven zerrende Synthies schüren positive Aggressivität, knarzende Sounds hauen auf die Zwölf und ins Gesicht (siehe dazu auch das Video zu „Angst:one“). Doch plötzlich setzen Engelsstimmen wie die von Gaststar Annie Kontrapunkte mitten im Elektropop. Überraschend und echt empfehlenswert!

Aus dem New Yorker Underground streben beharrlich neue Namen empor. No Surrender sind der nächste davon. Das Trio hat auf „Medicine Babies“ mit Unterstützung verschiedenster Musiker und Künstler (u.a. Tunde Adebimpe von TV On The Radio und Costanza Francavilla, die schon für Tricky sang) ein abwechslungsreiches Sammelsurium geschaffen, in dem von Synthie-Pop über Rock bis hin zu HipHop zwar der rote Faden fehlt, wo aber zwischen größtenteils guten Songs auch nie Langeweile aufkommt.

Mit Deadbeat und „Drawn & Quartered“ hätten wir noch etwas Dub für euch. Fünf ellenlange Tracks, keiner unter 10 Minuten. Scott Monteth, der Mann hinter den Nebelwänden, schichtet Soundwand auf Soundwand und ordnet alles einer stimmig verschlurften, dezent verregneten Atmosphäre unter. Das kann Sogwirkung entfalten und passt auch noch bestens zu diesem, äh, Sommer, stimmt’s?

Hier noch einer der diesjährigen Blog-Hypes: Foster The People. Die Band von Mark Foster aus Cleveland landete einen überall gefeierten Hit mit „Pumped Up Kicks“ (quasi „Dancing In The Moonlight“ in gut) und muss nun auf Albumlänge Substanz beweisen. Und „Torches“ enthält eine Menge sommerlicher Melodien zum Mitpfeifen, da sind noch einige Hits drin („Houdini“!). Irgendwo zwischen MGMT (aber weniger verschroben) und Metronomy (aber weniger toll).

So langsam und klammheimlich haben wir uns doch wieder mal in Indie-Bereiche geschlichen. The Antlers passen da auch bestens hin, aber auf „Burst Apart“, ihrem zweiten Album, hat sich zwischen die feingliedrigen Songs auch einige wohlklingende Elektronik geschlichen. Drumherum gibt es weiterhin sterbensschöne Melancholie mit Gänsehautsongs wie „French Exit“ oder „No Widows“. Geheimtipp!

Um das runde Dutzend voll zu machen, haben wir zum Schluss noch etwas Beatles-artiges im Angebot. Mini Mansions heißt das Nebenprojekt von Queens-Of-The-Stone-Age-Bassist Michael Shuman, und das gleichnamige Albumdebüt ist eine überraschend melodische Wundertüte voller 60s-Melodien mit psychedelischen Elementen und ein paar 80er-Einsprengseln. Retro, na klar, aber mit einigen wunderwunderbaren Popsongs. Feierabend!

(Addison)

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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