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Zum 10. Todestag von Frank Tovey

Heute vor zehn Jahren ging ein groรŸartiger Kรผnstler von uns. Aus Anlass des Todestages von Frank Tovey, der unter seinem Kรผnstlernamen Fad Gadget bekannt wurde, mรถchten wir seiner heute gedenken.

Fad Gadget / Frank Tovey from Iain & Jane on Vimeo.

Hier der Wortlaut des damaligen Nachrufes von Mute:

„Von 1980 bis 1984 war Fad Gadget das Alter Ego des britischen Sรคngers und Instrumentalisten Frank Tovey. In den spรคten 70er Jahren studierte Frank Tovey zunรคchst Schauspielerei auf dem Leeds Art College, bevor er nach London รผbersiedelte.

Mit einem Drumcomputer und elektrischen Piano begann Tovey, Songs zu produzieren, die 1979 auch zum Kontakt zu Daniel Miller fรผhrten.

Daniel Miller โ€“ heute Chef des renommierten englischen Labels Muteโ€“ verpflichtete Frank Tovey alias Fad Gadget als ersten Act auf dem seinerzeit neu gegrรผndeten Label.

Bereits die erste Fad Gadget Single โ€žBack To Natureโ€œ war ein Erfolg: Eingespielt fast ausschlieรŸlich mit synthetischem Equipment, war der Song dennoch weit entfernt von der damals bewuรŸt Entfremdung und Kรคlte signalisierenden Elektronik, wie sie von Kollegen wie Gary Numan oder Human League produziert wurde, zudem waren die elektronischen Instrumente fรผr Frank Tovey nie ein Fetisch, sondern lediglich ein nรผtzliches Werkzeug.

Dennoch schrieb Tovey auch mit der nachfolgenden, weitaus prรคgnanteren Single โ€žRickyโ€˜s Handโ€œ ein Stรผck elektronischer Musikgeschichte. Hier kam erstmals Tovey schwarzer, oftmals zynischer Humor zum Vorschein, der sich wie ein roter Faden durch sรคmtliche Fad Gadget-Werke zog.

Das 80er Debรผt-Album โ€žFireside Favouritesโ€œ liest sich retrospektiv wie ein All-Star-Meeting: Neben Tovey wirkten auf ihm noch der Produzent John Fryer, Eric Radcliffle und nicht zuletzt Mute-Boss Daniel Miller selbst als Keyboarder mit. Schon auf diesem Album machte Tovey deutlich, dass er ein Popmusiker war, der mit erzรคhlerischen Kรถnnen und lyrischer Distanz die eher dunklen Thematiken bevorzugte. Zugleich war Frank Tovey neben Human League und Gary Numan einer der ersten britischen Elektroniker, der die neue Technologie in einen zeitgemรครŸen Popkontext einfรผgte, auch wenn er sich in seiner Attitรผde deutlich auf Vorbilder wie Iggy Pop in der „Berlin“-Phase bezog (die Parallelen zu Pop’s „The Idiot“-Album sind unรผberhรถrbar…!)

Frank Tovey scherte sich wenig um modische Genre-Diktate: Das 81er Album โ€žIncontinentโ€œ รผberzeugte mit dem dunkel-bizarren, im Walzer-Takt gehaltenen โ€žSaturday Night Specialโ€œ, das Album war zudem weitaus persรถnlicher und dรผsterer als der Vorgรคnger.

Obwohl die Alben von der Kritik hoch gelobt wurden und Fad Gadget oft als Paradebeispiel fรผr innovativen britischen Elektropop herhalten musste, blieb der groรŸe kommerzielle Durchbruch aus. Berรผhmt und berรผchtigt waren allerdings die Liveauftritte Fad Gadget’s, bei denen sich der privat eher scheue, introvertierte Frank Tovey als ein mit Make-Up und mit Farbe und Federn gespickter animalischer Derwisch entpuppte.

Der kreative Klimax von Frank Toveyโ€™s Schaffen als Fad Gadget ist zweifellos auf dem 82er Album โ€žUnder The Flagโ€œ festgehalten, das mit โ€žLove Parasiteโ€œ, โ€žFor Whom The Bells Tollโ€œ und nicht zuletzt dem Titelstรผck drei hypnotische, repetive Tracks enthielt, die im Kontext von zeitgleich emporstrebenden, artverwandten Bands wie Soft Cell oder Depeche Mode standen, darรผber hinaus konnte das Album mit Balladen wie dem sehr intimen โ€žCypherโ€œ รผberzeugen. Zudem wirkte die damals von vรถllig unbekannte Alison Moyet als Gastsรคngerin und Saxophonistin mit. Fรผr Frank Tovey, der in den Songs die Geburt seines ersten Kindes und die Geschehnisse des Falkland-Krieges verarbeitete, war โ€žUnder The Flagโ€œ das bisher direkteste und persรถnlichste Werk.

Das finale Fad Gadget-Album โ€žGagโ€œ erschien 1984. Das Album bestach vor allem durch unkonventionelle Arrangements und Ideen die offensichtlich durch Toveys Aufenthalt in Berlin und dem Zusammentreffen mit den Einstรผrzenden Neubauten inspiriert war. Der Song โ€žCollpasing New Peopleโ€œ verblรผffte durch ungewรถhnliche Samples (Flaschen und Metalle) und schaffte es, die avantgardistischen Vorlagen der Neubauten in einen tanzbaren Popkontext zu pressen.

Nach โ€žGagโ€œ schloss Frank Tovey das Kapitel Fad Gadget und verรถffentlicht seine Werke seitdem unter seinem bรผrgerlichen Namen. Nachdem er 1985 mit Boyd Rice (NON) das Experimentalalbum โ€žEasy Listening For The Hard Of Hearingโ€œ aufgenommen hatte, folgte noch im selben Jahr โ€žSnakes & Laddersโ€œ. Obwohl dieses Album, wie auch die darauf enthaltene Single โ€žLuxuryโ€œ grรถรŸtenteils noch elektronisch instrumentiert waren, konnte man hier bereits eine Tendenz zu traditionellen Songs erkennen.

Noch deutlicher wurden diese Vorlieben auf โ€žCivilianโ€œ, ein Album, das mit โ€žBridge Street Shuffleโ€œ eine ironische, autobiographische Ode an Toveys Heimatstadt London enthielt โ€“ und die, wie auch der Rest des Albums, wie eine bizarre, elektrisierte Version der Pogues erinnert.

Der komplette Stilwechsel erfolgte aber erst mit dem 89er Album โ€žTyranny And The Hired Handโ€œ, auf der Tovey ganz auf elektronische Instrumentierung verzichtete und auf der sich ausschlieรŸlich akustisch instrumentierte Folk-Traditionals sowie Songs von Bob Dylan (โ€žNorth Country Bluesโ€œ), Lou Reed (โ€žMen Of Good Fortuneโ€œ) oder Woody Githrie (โ€žPastures Of Plentyโ€œ) befanden.

Dem nun eingeschlagenen Weg blieb Frank Tovey auch mit dem 91er Album โ€žGrand Unionโ€œ treu, das er mit seiner neuen Band โ€žThe Pyrosโ€œ einspielte, die aus den irischen Musikern Paul Rodden, Laurence Doherty und John Cutliffe bestand.

โ€žGrand Unionโ€œ geriet weitaus rockiger und abwechslungsreicher als das spartanisch eingespielte โ€žTyrany And The Hired Handโ€œ, doch auch hier standen Instrumente wie Banjos und die Wurzeln der irischen und britischen Folklore im Vordergrund.

Zudem war Frank Tovey zu einem episch erzรคhlenden, sozial engagierten Songwriter gereift, dessen Texte in Quantitรคt und Aussage mit denen seiner Vorbilder Woody Guthrie oder Bob Dylan zu vergleichen sind.

1992 erschien das bislang letzte Frank Tovey-Album โ€žWorried Men In Second Hand Suitsโ€œ, das wiederum mit den Pyros und โ€žLiveโ€œ-Bedingungen im Studio eingespielt wurde.

Danach – lange Zeit Stille. 2001 dann luden Frank Toveys Labelkollegen Depeche Mode ihr Vorbild ein, auf dem europรคischen Teil ihrer „Exciter“-Tour im Vorprogramm zu spielen. Die ausverkaufte Tour fรผhrte beide Bands durch ganz Europa und leitet Frank Tovey’s Comeback als Fad Gadget ein, was insofern eine Ironie der Musikgeschichte darstellt, als sich Depeche Mode ihre ersten Meriten in den 80er Jahren im Vorprogramm von Fad Gadget einheimsten.

Am 3.4.2002 starb Frank Tovey vรถllig รผberraschend in seinem Haus in London.

Mute-Chef Daniel Miller kommentierte die Nachricht an seine Kรผnstler und Mitarbeiter mit den Worten: „Frank was the first artist I ever worked with on Mute, he made some very special and influential records and was an exceptional live performer. Frank played a big part in helping to lay the foundations of what the label was to become in the ensuing years, I will miss him greatly. My deepest sympathy and condolences go out to his family.“

Wir werden Frank sehr vermissen.

Mute Tontrรคger GmbH
Berlin“

Thomas Bรคstlein

Thomas Bรคstlein schreibt (frรผher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 fรผr depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im รถffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

14 Kommentare

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  1. ich war seinerzeit in Berlin im Konzi – รผbrigens mehrheitlich wegen der Koryphรคe Toyey – bei uns wurde er gefeiert, gleich nach der ersten Nummer!!

    Ich glaube, es war der zweite Berliner Auftritt zur Exciter -Tour.

    Kannte bisdahin Exciter gar nicht, fand es nach der Vostellung dann allerdings annehmbar.

    ร–sterliche GrรผรŸe aus Eberswalde

  2. ich war damals in hamburg,koeln und oberhausen. die stimmung war ueberwiegend gleichgueltig, hamburg war fast katastrophal, wetter scheisse, publikum scheisse. dort habe ich das erste mal fad gadget live gesehen und ich war total fasziniert von frank t. wahnsinn wie er abging, der mann nahm keine drogen oder sonst etwas, aber auf der buehne war er wie kein zweiter. in koeln, kann ich mich erinnern, warf er sein handtuch ins publikum und es hatte keine 5 sekunden gedauert da lag das wieder auf der buehne. respektlos. am besten fand i
    ch das konzert in oberhausen, es war ok. ich bin glueckliech damals bei den konzerten gewesen zu sein und traurig ueber seinem tod.

  3. @Christoph (Kommentar 4)

    War das echt so? Bei meinen DM-Konzerten, die ich damals besucht habe, kam er gut an. Man muss sich schon wundern, dass waren dann wohl genau die gleichen Jungfans, die bei Bravery und wie diese ganzen Vorgruppen der letzten Touren alle hieรŸen, gejubelt haben. Egal, er war genial!

    Und zu Medien und Manipulation. Ok, ist ja bekannt, auch in Richtung Politik und Wirtschaft, wer faktisch die BRDrr-Demokratie und ihre obskuren Vorstellungen vom GroรŸkapital und One World tรคglich in die Kรถpfe der Menschen per Medien reinhรคmmert, ist auf jeder Ebene nicht objektiv! Wie war das noch, die DDR war ja auch immer eine Demokratie inkl. antifaschistischem Schutzwall… huuuiiii!

  4. Ich habe ihn noch vor ca. 14 Tagen bei „Musik Convoy“ mit „Luxury“ live gesehen.

    Total cool, er hat die Instrumente auf der Bรผhne umhergeworfen und die Bรผhnenarbeiter haben ihn auf der Bรผhne (live!!!) ermahnt und von der Bรผhne gedrรคngt.

    Der Moderator Alan Banks (dรผrfte den alten 80er-Fans noch bekannt sein) hat sich tierisch รผber ihn aufgeregt und noch live vor den Zuschauern in Berlin รผber ihn abgelรคstert!

  5. 4 - CHRISTOPH

    leider,aber es sind opfer die dort nicht hingehรถren, konsumenten und neugierige die man nicht los wird. verglichen mit der devotional tour war das aber harmlos, trotzdem bei fad gadget hรคtte ich etwas anderes erwartet.

    ich finde dass medien wie radio und tv die bevรถlkerung manipulieren und freies denken verhindern, deswegen interessiert es mich ob sie die musik spielen oder darรผber berichten, scheiss drauf ist ja sowieso propaganda.

    FREIHEIT DEM INTERNET

  6. Naja alle Radiosender sind meines erachtens Dumpfbacken denn zb. von Depeche spielen sie ja auch nur immer die gleichen Songs obwohl es Hunderte gute Songs zur Auswahl gibt trotz alldeem finde oder fand ich Fad Gadget super…

  7. Ignoranten

    2001 wurde Fad Gadget in der Berliner Waldbรผhne von ca. 75% der Konzertbesucher (Depeche Mode-Fans kรถnnen es wohl nicht gewesen sein) leider ausgebuht. Es war sehr peinlich, insbesondere bei der Vorgeschichte. Ich hรถre Fad Gadget immer noch gerne und zum Glรผck gibt es Sender wie Radio Eins, die auch solche Perlen der Pop-Musik noch ab und zu spielen.

  8. Ich habe schon ab und zu etwas รผber Fad Gadget gehรถrt, auch auรŸerhalb vom Depeche-Mode-Kontext, aber komischerweise kenne ich kein einziges seiner Lieder, obwohl er รผberall dort, wo man รผber ihn spricht, in den hรถchsten Tรถnen gelobt wird. Warum spielt dann kein Radiosender seine Lieder?

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