Depeche Mode-Konzert am 22.10.2020 in Bern, Stade De Suisse

Oldies unter sich …

IMG_0195Oldies unter sich

Da sind sie wieder. Daves unnachahmliche Hüftschwünge. Er ist seit etwa 5 Sekunden auf der Bühne, hat noch kein einziges Wort gesprochen oder gesungen und lässt schon – wie es einen Tag später in der lokalen Presse heissen wird – seine Hüften mit äusserst lasziven Blicken zum Publikum kreisen. Aber genau dies begeistert die etwa 39’000 Fans. Und dies braucht es. Denn es ist erst 20:20 Uhr und das Berner Stade de Suisse ist noch recht sonnendurchflutet, sodass die erneut genialen Multimedia- und Lichteffekte noch nicht wirklich für eine eindrückliche Stimmung sorgen können. Wie wichtig seine Performance und seine Dominanz auf der Bühne ist, zeigt sich auch, als Martin Gore eine recht – nun ja – spezielle Variante von ‚Higher Love‘ ins Mikro haucht. Die Stimmung war zwar nicht dahin, aber trotz der erstmals hohen Abendtemperaturen in diesem Jahr etwa abgekühlt. Aber der Bühnenauftritt war und ist auch nach all den Jahren nicht Martins Stärke. Martin mag es nun mal auch auf der Bühne ruhig. Unvergessen ist sein „Silence“ bei einem der mitgeschnittenen Konzerte. Daves Auffassung einer Bühnenperformance ist offensichtlich eine andere. Bereits zum ‚Soothe My Soul‘ kocht die Stimmung auch bei einem der neuen Songs wieder. Dave ist voll in seinem Element, jedoch deutlich älter geworden. Sein Gesicht ist recht faltig und leicht abgehalftert, dessen Kontrast zu den perfekt inszenierten Bewegungen seines gestähltem Körpers zumindest mir etwas Mühe macht. Dave ist definitiv ein Oldie, so wie viele der in Bern angereisten Fans. Viele Fans scheinen mit Depeche Mode auf- und mitgewachsen zu sein. Es war und ist eine Entwicklung, an der wir auch an diesem Abend teilhaben.

Als ich Depeche Mode 1986 erstmalig auf den Spulentonbändern meines Bruders hörte, begeisterten mich besonders die melodischen Elektrosounds von ‚Nothing to Fear‘ oder ‚But not Tonight‘. Da mir als ‚Bürger‘ der DDR ein Konzertbesuch nicht möglich war, schlüpfte ich während der Wendezeit mit der ‚101‘ Videodokumentation immer und immer wieder in die Rolle des Mitreisenden. ‚Violator‘ wurde mein Lieblingsalbum und die ‚Songs of Faith und Devotion‘ bereitete mir zwar vorerst einen musikalischen Schock, ebnete mir dann aber doch den Weg in Richtung Rock und Metal. Mit den fest eingebrannten Erlebnissen meines ersten Depeche Mode Konzerts 1993 auf der Festwiese in Leipzig löste dieses Album die ‚Violator‘ als Lieblingsalbum ab und blieb dies bis heute. Denn hier gelang es Depeche Mode aus meiner Sicht noch, die düsteren und melancholischen Songinhalte mit eingehenden Melodien oder zumindest stampfenden Rhythmen zu vereinen. Dies war von Depeche Mode bei den nachfolgenden Alben offensichtlich nicht mehr gewollt. Die Entwicklung ging weiter, wenngleich nicht mehr ganz deckungsgleich mit meinen musikalischen Vorstellungen.

Und so bin ich an diesem Abend in Bern dankbar, dass Depeche Mode erneut die Oldies spielt und bin begeistert, dass Depeche Mode genial arrangierte Versionen von diesen auswählte. Und es stört mich nicht, dass die Fans hier in Bern etwas zurückhaltender im Hopsen und Mitsingen sind, als ich es von den Konzerten in Leipzig her kenne. Und es stört mich auch nicht, dass ich von bunt gekleideten Mittvierzigern mit Sandalen und nicht neben schwarz gekleideten und mit hoch geschnürten Stiefelchen bekleideten Gothik-Teens stehe.

Und so wippe ich gemeinsam mit all den anderen Oldies zu jenen Oldies, welche von den Oldies oben auf der Bühne performt werden.

Passt.

Von Rene Woelfl
Wohnort: Sissach, BL, Schweiz

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Kommentare

  1. us66
    8.6.2013 - 22:45 Uhr
    2

    Scheiß Kommentar

  2. iris
    8.6.2013 - 19:28 Uhr
    1

    Ja genau…passt

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