Martin Gore - The Third Chimpanzee E.P.
Martin Gore
The Third Chimpanzee E.P.

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Welcome to our World – Depeche Mode in München

„Welcome to my world“ – der erste Track des neuen Albums „Delta Machine“ war gleichzeitig auch der erste Song, mit dem Depeche Mode pünktlich um 20:45 gestern auf die Bühne des Münchner Olympiastadions traten. Willkommen in der Welt von Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher – eine Welt, die es nun seit über 30 Jahren gibt; mit all ihren Gebräuchen, Höhepunkten, Traditionen und Stimmungen.

Wie immer betritt die Band aus Basildon/Essex so auffällig unspektakulär die Bühne und schlägt die ersten Töne an. Von Light- oder sonstiger Show noch keine Spur. Es ist, als ob sich die Band erst einmal warm spielen müsste, sich Fans und Musiker nach drei Jahren wieder an einander gewöhnen wollen.

Spätestens beim dritten Song, „Walking in my shoes“, ist sämtlich Distanz, sollte es sie überhaupt gegeben haben, überwunden. Willkommen in der Welt von Depeche Mode. Es folgen Hits wie „Policy of truth“ und „Barrel of a gun“ und plötzlich ist es wie immer auf Depeche Mode-Konzerten: Die Fans feiern die Band und vor allem sich selbst.

„Welcome to my world“ – es ist diese Welt von Depeche Mode, diese besondere Verbindung, die die 63.000 Menschen im ausverkauften Olympiastadion suchen – und auch finden. Im Block M wünschen sich wildfremde Menschen gegenseitig ein schönes Konzert, tauschen Taschentücher zum Trocknen der Sitzplätze aus. Hinter mir, in Reihe 42, wird über das Outfit von Sänger Dave diskutiert, neben mir spekulieren zwei Schwaben, welchen Solo-Song Martin heute wohl singen wird: „Home“ oder „Somebody“. Auf den Sitzen hält es inzwischen keinen mehr. Vor mir feiern textsicher fünf Franken, rechts von mir drei Münchner, die zwischendurch in alle Richtungen fragen, ob sie jemandem noch ein Bier mitbringen sollen. Das ist die Welt von Depeche Mode, die so eint und das Live-Erlebnis so stark, so besonders macht.

Das erste von acht Open-air-Deutschland-Konzerten – es ist, als ob die Band nie weggewesen wäre. Peter Gordeno am Keyboard und Christian Eigner am Schlagzeug unterstützen seit Langem bei Livekonzerten, Fletch steht fest verankert am Keyboard, Martin wechselt zwischen Keyboard und Gitarre hin und her, Dave wirbelt wie kein Zweiter den Mikrofonständer über dem Kopf und tänzelt über die Bühne. Eine tolle Stimmung – wie immer.

Zugegeben, alle diese Traditionen, sie haben auch ihre Redundanz; der Aufbau der Konzerte ist in den vergangenen Jahren eigentlich immer ziemlich gleich: Ruhiger Anfang, ein paar Klassiker, Martins Solo, ein paar neue Stücke, dann die großen Hits und die Zugabe. Aber, vielleicht ist es gerade das, was Konzerte und Feeling ausmachen: Für zwei Stunden in diese Welt abzutauchen, Sound und Stimme auf sich wirken zu lassen, sich zu erinnern, ein bisschen zu leiden, mit einander zu feiern – vor allem aber, um sich einfach im Katharsis-Sinne großartig zu fühlen.

Bis wenige Minuten vor Konzertbeginn hatte es so stark gegossen, dass einige Besucher sogar ihre Karten noch verkauft hatten. Umsonst, denn bis zur Zugabe blieb es, wie ein kleines Wunder, trocken. Und sie verpassten so starke Augenblicke: „A question of time“, Enjoy the silence“ – neben mehreren Songs vom aktuellen Album, wie „Heaven“ oder „Soothe my soul“ sorgten, wie so oft, vor allem die Klassiker für die großen Momente. Zum Beispiel als Dave Gahan mitten in „Personal Jesus“ das Konzert unterbrach, weil er irgendwie nicht den richtigen Einstieg gefunden hatte und mit Band und Publikum kurz besprach, dass sie jetzt einfach bei diesem „sch sch sch“ wieder in das Stück einsteigen würden.

Kein Licht ohne Schatten. Gerne hätte man auf den Leinwänden mehr von der Band gesehen. Gut, etwas künstlerisch ist die Inszenierung der Bühnenshow von Anton Corbijn ja immer. Warum aber bei „Precious“ zum Beispiel mehrere Hunde auf die Leinwände geworfen wurden, das wird wahrscheinlich nicht mal Martin Gore zu erklären wissen.
Und die Band hatte für den dramaturgischen Ablauf ihrer Konzerte schon einmal ein etwas besseres Händchen. Hier und da hatte der Auftritt ein paar Längen und einige große Hits wie „Behind the Wheel“ oder „It´s no good“ hätten dem Konzert gut getan.

Dafür aber entschädigten der über 2 ¼ Stunden lange Auftritt (!) mit neuen Interpretationen von „A pain that I´m used to“ und Liebhaberstücke wie „Black Celebration“. Und die Zugaben wie „Just can´t get enough“ oder „Halo“ – und natürlich das obligatorische Arme-Schwenken zu „Never let me down again“… OK, vergessen wir das mit der Redundanz und künstlerischen Eigenwilligkeit – genau deswegen ist man ja auf einem Depeche Mode Konzert. Man verlässt nach den letzten Tönen glückselig im Sprühregen das Stadion und singt mit so vielen anderen Fans auf dem Weg zur Bahn „I feel you“.
Und man möchte möglichst schnell wieder auf das nächste Konzert – zurück in die Welt von Depeche Mode.

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