Thomas Azier im Interview, Teil 1: „Eine Persönlichkeit kann aus vielen verschiedenen Farben bestehen.“

Unser mit „Rouge“ noch bis morgen amtierender „Album des Monats“-Mann Thomas Azier hat uns die Gelegenheit gegeben, in seine eloquente Gedankenwelt einzutauchen. Es ergab sich ein ausführliches Interview dabei, hier kommt Teil 1:

depechemode.de: Wie fühlt es sich an, nach Berlin zurückzukehren?

Thomas Azier: Gut. Wirklich gut. Ich war ja eine ganze Weile nicht hier. Berlin ist eine Stadt, bei der man merkt, wie toll sie ist, wenn man eine Weile nicht da war.

Und wenn man lange genug hier lebt, will man manchmal weg.

Ja, ich habe hier neun Jahre gelebt, dann hatte ich dieses Gefühl und ging weg, und realisiere erst jetzt so richtig, wie schön das hier ist. Obwohl ich das eigentlich vorher schon wusste.

Berlin verändert sich ja auch ständig.

Stimmt. Ich habe hier an ungefähr zehn verschiedenen Adressen gewohnt, kenne die Stadt also in- und auswendig. Sie ist auch eine Art Zuhause für mich. Der längste Teil meines Lebens, den ich an einem Ort verbracht habe, war hier.

Was führte dich nach Paris?

Ich brauchte Veränderung. Und ich habe in Paris viele Menschen getroffen, mit denen ich arbeiten konnte. Auch wegen meiner Liebe zu Melodie und Harmonie und zu französischer elektronischer Musik. Ich war schon immer besessen von Produzenten wie Sébastien oder Leuten wie Daft Punk. Ich komme ja aus dem Norden Hollands, ich liebe deutsche Musik sehr, auch die deutsche Kultur, Literatur – und dann liebe ich die französische Musik und Lebensweise. Ich stehle mir von jedem etwas.

Das Lustige ist: Als ich das erste Mal von dir und deiner Musik hörte, die ersten zwei EPs, habe ich dich für einen Franzosen gehalten. Vielleicht auch wegen des Namens.

Das ist lustig. Aber ja, das ist ein französischer Name. Im 17./18. Jahrhundert flohen viele Menschen nach Holland, die Protestanten, die Hugenotten.

Ja, es sind auch viele Hugenotten hier in der Gegend gelandet.

Stimmt, ich weiß.

Es ist wohl kein Zufall, dass das neue Album – zumindest in Teilen – so ein bisschen französisch klingt, oder?

Es könnte sei, dass es etwas nach Frankreich klingt, weil ich ein Album aufnehmen wollte, dass auf den Songs basiert. Für mich hängt all die gute Musik in der Geschichte am Songwriting. Von Nirvana bis Depeche Mode, es sind immer erst einmal gute Songs. Die Produktion ist dann für mich Salz und Pfeffer dazu oder wie eine nette kleine Sauce. Sie definiert oft eine bestimmte Ära, was ich an der Produktion mag. Aber es ist nicht der Kern. Fleisch und Knochen guter Musik kommen von gutem Songwriting. Und auch von guten Texten. Ich borge mir da gerne etwas aus verschiedenen Sprachen, Englisch, Französisch, Deutsch – ich kann sie ja auch alle sprechen. Ich wollte also eine Platte rund um die Songs machen, mit der Produktion nur als Salz und Pfeffer und dem Gesang im Zentrum – und das ist eine sehr französische Herangehensweise. Wie bei Gainsbourg. Ich habe auch einen Arrangeur benutzt, der um den Gesang herum arrangiert. Das war eine neue Spielwiese für mich, die ich erkunden wollte.

Das passt. Während das Debüt ein bisschen nach Berlin klang.

Exakt!

Mit der ganzen Elektronik und so.

Ja, da lebte ich noch in Lichtenberg, wo ich auch mein Studio hatte. Das habe ich geliebt. Ich würde aber trotzdem nicht sagen, das ist das Berlinalbum, und das ist das Frankreichalbum. Ich reise ständig herum und betrachte mich selbst eher als Europäer. Wir brauchen mehr Musik aus Europa. Ich liebe Bands wie DAF [er spricht es korrekt aus: „Deutsch Amerikanische Freundschaft“, Anm. d. Red.] oder Malaria. Als ich letztes Mal in Deutschland war, habe ich MIT entdeckt.

Aus Köln.

Ja, die mochte ich auch sehr. In Frankreich gibt es eine Menge Bands, die auf Französisch singen und sehr cool sind. Stromae [genau genommen ein Belgier] natürlich, für den ich gearbeitet habe. Christine And The Queens.

Die ist großartig!

Ja, riesig! Ich würde jetzt nicht auf Niederländisch singen wollen, betrachte mich aber als Teil einer Welle europäischer Musiker. Ich würde da gerne noch mehr deutscher Musiker entdecken.

Hast du Roosevelt gehört?

Ja. Auch aus Köln, richtig? Den mag ich auch sehr.

Hast du darüber nachgedacht, ob es gewagt ist, den Sound vom ersten zum zweiten Album so stark zu verändern? Zumindest auf den ersten Anschein.

Das sagen viele Leute zu mir. Für mich ist ein Song ein Song. Ich könnte jetzt Dolly Parton für dich spielen, „Jolene“, ich liebe diesen Song. Oder Nirvana, „Heart-Shaped Box“. Oder irgendeinen Song von Depeche Mode, die sind alle so gut geschrieben. Heutzutage kann man produktionstechnisch alles Mögliche auf eine Platte packen, es funktioniert. Ich mag die Künstler am meisten, die das machen, was sie wollen. Klar kann es Leute geben, die sagen, ich mag deine Musik nicht mehr. Das ist okay. Ich bin ein Mensch, ich verändere mich, ich bin immer auf der Suche. Ich mag Bowie, Gainsbourg und so weiter. Ich will nur nicht so sein wie Bruno fucking Mars, der klingt wie eine Jukebox.

Da fehlt die Persönlichkeit in der Musik.

Genau. Das hier bin ich, das ist meine Stimme. Dieses Album dreht sich auch viel um die Texte. Die erste Platte war noch stärker auf die Produktion konzentriert. Es hängt auch damit zusammen, dass ich sehr viel von der Musik, die heute herauskommt, langweilig finde. Die Musik bekommt keine Luft, hat nicht viel zu sagen. Daher sollte meine Produktion relativ simpel und nüchtern bleiben. Bei einigen Songs habe ich ganz viel ausprobiert, und es blieben am Ende doch nur Klavier und Stimme übrig.

Der Albumtitel kommt vom sogenannten ‚fil rouge‘, dem roten Faden.

Exakt. Ich habe mit meinem Bruder im Laufe eines halben Jahres eine Menge Songs geschrieben. Dann haben wir geschaut, was zusammenpasst. Der rote Faden kam davon, dass ich davon besessen bin, so etwas zu finden, sei es im Sound oder anderswo. Das war auch eine Orientierung für mich, immer das zu tun, was ich wollte und nicht, was andere von mir hören wollen könnten. Und natürlich ist die Farbe Rot eine sehr faszinierende Farbe mit vielen Kontrasten. Wie meine Musik. Da kann Wut, Leidenschaft, Sex, Gewalt drin sein.

Aber so weit, den roten Faden in Richtung Konzeptalbum zu treiben, gehst du nicht?

Nein. Der rote Faden ist da höchstens mein Leben im übertragenen Sinne. Das was ich sehe, denke, fühle, wie ich versuche, in dem Chaos dieser Welt Sinn zu finden.

Es klingt, als wären mehr sogenannte „echte“ Instrumente auf dem Album. Viel basiert auf dem Klavier. Mehr analog als digital. Wenn man aber genauer hinhört, findet man doch viel Elektronik.

Sehr gut! Das trifft es genau. Sehr feinsinnig erkannt! Ich wollte ein subtiles Album erschaffen. Wir leben in einer Zeit, in der alles schwarz oder weiß ist. „Ich hasse es!“, „Ich liebe es!“ – diese YouTube-Kommentarscheiße. Das soll von mir aus so sein, aber für mich geht es viel um Zwischentöne. Eine Persönlichkeit kann aus vielen verschiedenen Farben bestehen. Das Lustige ist nun: All die akustisch klingenden Sachen, die man hört, sind gar nicht „echt“, sondern allesamt elektronisch. Ich habe viel mit Samples gearbeitet und Ewigkeiten am Computer gearbeitet, damit sie so echt klingen. Deswegen fand ich es auch witzig, in einem Song [„Talk To Me“] zu singen: „Tell me what is fake and what is real“. Denn das weiß man heutzutage oft nicht mehr. Habe ich wirklich mit dem 80-Mann-Orchester aufgenommen oder nicht? [grinst] Und ich wollte nicht, dass es so klingt wie die meisten Sachen, die man im Radio hört. Das Ohr wird von all diesen Sounds vergewaltigt, die keine Luft bekommen. Wenn ich in ein Taxi steige und das Radio läuft, bitte ich tatsächlich manchmal darum, das auszustellen. Man muss die Musik nicht immer so mächtig machen, um gehört zu werden. Ich finde auch, dass ich mit diesem Album meine Stimme gefunden habe. Manchmal singe ich laut, manchmal aber auch ganz leise. Man muss nicht immer auf Stufe 11 unterwegs sein. Aber vielleicht mache ich das beim nächsten Mal auch wieder ganz anders, ich liebe es mitunter auch, wie Freddie Mercury zu singen, so richtig hoch.

Du hast natürlich auch die stimmlichen Möglichkeiten für all das.

Ja, es hängt auch von meiner Stimmung ab. Aber ich fürchte mich definitiv nicht vor singenden Männern. Das vermisse ich heutzutage auch ein wenig. Es gibt viele tolle Rockbands und Frauenstimmen, wie Adele. Aber die Jungs sind irgendwie alle so am Flüstern, wollen süß und seelenvoll sein. Ich vermisse manchmal so ein… [schlägt mit der Faust in seine Handfläche] „Let’s go!“

Ein bisschen mehr Power.

Ja.

Wie bringst du die Songs auf die Bühne? Du spielst ja mit Band, ich habe dich letztens in der Berghain Kantine gesehen. Ich war erstaunt, dass du das komplette neue Album weit vor seinem Erscheinen live gespielt hast. Das würde nicht jeder so machen.

Ich lebe mit den Songs ja schon eine ganze Weile. Also wollte ich sie auch zeigen. Nun habe ich ein größeres Set und werde zukünftig auch wieder mehr aus „Hylas“ einbauen. Und überraschenderweise passen die Songs live auch gut zusammen.

Stimmt, das ist mir auch aufgefallen. Ich musste zum Teil auf die Setlist sehen, um zu überprüfen, von welchem Album welcher Song war.

Ich mag es, Sachen neu zu arrangieren.

Du hast für das Album mit deinem Bruder und Dan Levy gearbeitet.

Ja, Dan Levy von The Dø. Tolle Band!

Wie kam es zu diesen Zusammenarbeiten?

Na ja, mein Bruder ist offensichtlich, weil er mein Bruder ist. Und dann doch wieder nicht, denn wir hatten uns lange Zeit nicht gesehen. Als wir uns dann trafen, hatte er sich – genau wie ich – zeiemlich weiterentwickelt. Er ist sehr geradeheraus, er hat keine Filter. Das kann zwar beängstigend sein – als Bruder kann man sehr direkt zueinander sein. Doch das ist wunderbar, auch mal jemanden zu haben, der einfach sagt: „Hör auf damit, das ist Bullshit!“ Und zu Dan Levy kam ich, weil ich noch jemanden bei der Produktion dabei haben wollte, damit ich es nicht zu weit treibe. Ich wollte es nicht überproduzieren und brauchte jemanden, der sagt: „Thomas, das genügt so.“ Denn bei „Hylas“ habe ich ewig in meinem Zimmer gearbeitet und bin fast verrückt geworden. Ich wollte Spaß haben und die Songs relativ pur lassen. Außerdem kann Dan eine Menge Instrumente spielen, es war ein Vergnügen, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Das war ein halbes Jahr kreatives Valhalla, wir drei zusammen in einem Haus in der Normandie. Es klingt vielleicht nicht so, aber wir haben viel experimentiert, um diesen trockenen Sound hinzubekommen.

Mehr von Thomas Azier, dazu, was er zu einzelnen seiner neuen Songs zu sagen hat und was er sonst so für Musik empfiehlt, gibt es demnächst in Teil 2 unseres Gesprächs.

18:00

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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Fotocredit: Patricia Khan

Letzte Aktualisierung: 20.6.2017 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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