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Neue Ultravox-Biografie von Richard Evans

„Sie waren zu rockig für die Elektronik-Puristen und zu elektronisch für das Rock-Publikum“

/ 2 Kommentare

Vier Jahre nach unserem ersten Gespräch über Listening To The Music The Machines Make spricht Richard Evans über sein neues Buch Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox - und über John Foxx, Midge Ure, die New Romantics, Depeche Mode und eine Band, die nie wirklich in eine Schublade passte.

Vor vier Jahren haben wir an dieser Stelle bereits mit Richard Evans über sein Buch Listening To The Music The Machines Make – Inventing Electronic Pop 1978-1983 gesprochen. Damals ging es um jene außergewöhnliche Generation britischer Musiker, die zwischen Post-Punk, Elektronik und Pop eine musikalische Revolution auslöste. Das Interview erschien im Oktober 2022, kurz vor der Veröffentlichung des Buches.

Seitdem hat sich ein kleiner Kreis geschlossen. 2023 begegneten Richard und ich uns erstmals persönlich in London, als er Vince Clarkes Soloabend organisierte. Und nun setzen wir unser Gespräch fort – diesmal über eine Band, die bereits in seinem ersten Buch eine wichtige Rolle spielte, deren eigene Geschichte aber noch auf eine umfassende Darstellung wartete.

Ultravox.

Ich selbst habe die Band – wie vermutlich viele andere – zunächst über die Midge-Ure-Ära kennengelernt: Vienna, Dancing With Tears In My Eyes, später Midge Ures Soloarbeiten, Visage und Band Aid. Doch Ultravox waren natürlich schon lange vorher da.

John Foxx, Systems Of Romance, die Verbindung von Kunstschule, Post-Punk und früher Elektronik, später die Zusammenarbeit mit Midge Ure, der Blitz Club, die New-Romantic-Szene und schließlich die Reunion: Die Geschichte der Band ist wesentlich größer als ihre bekanntesten Hits.

Richard Evans wollte genau diese gesamte Geschichte erzählen.

Sein neues Buch Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox erscheint am 8. Oktober 2026 bei Omnibus Press. Es ist die erste autorisierte Biografie der Band und entstand mit Wissen, Zustimmung und Unterstützung der verbliebenen Kernmitglieder.

Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox
Autor Richard Evans trägt auf über 400 Seiten die Geschichte von Ultravox zusammen. Es ist die erste autorisierte Biografie über die Band.

Letzte Aktualisierung am 12.09.2026 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

„Und plötzlich schrieb ich ein Buch über Ultravox“

depechemode.de: Richard, vor vier Jahren haben wir über Listening To The Music The Machines Make gesprochen. Wann kam der Moment, an dem du entschieden hast, dass Ultravox dein nächstes Buch werden sollte?

Richard Evans: Der genaue Moment war tatsächlich in einem Pub in London im Jahr 2024. Ich war nach London gefahren, um mich mit Omnibus Press zu treffen. Sie hatten mein vorheriges Buch veröffentlicht und wollten wissen, ob ich Interesse daran hätte, noch eines für sie zu schreiben.

Ich hatte vielleicht vier Ideen. Wir haben bei einem Bier darüber gesprochen, und ihnen gefiel die Ultravox-Idee am besten. Und das war im Grunde schon alles. Plötzlich schrieb ich ein Buch über Ultravox.

Was mich an der Band interessierte, war zunächst die Tatsache, dass sie zu den wenigen Künstlern gehörten, die bereits 1978 aktiv waren – also am Anfang des Zeitraums, den Listening To The Music The Machines Make behandelt – und 1983 immer noch aktiv waren.

Außerdem kannte ich ihre Musik zwar, aber eigentlich wusste ich gar nicht so viel über die Band. Ich hatte ein paar Singles, aber kaum Kenntnisse über ihre Geschichte. Während der Arbeit an meinem ersten Buch hatte ich dann sehr viel Ultravox gehört und mochte ihre Musik wirklich. Die Vorstellung, mehr über sie herauszufinden, fand ich deshalb sehr interessant.

Und natürlich gab es noch einen weiteren Grund: Es gab noch kein Buch über sie. Ich weiß nicht, warum das so war, aber es fühlte sich wie eine perfekte Gelegenheit an.

„Irgendwann würde ich gerne ein Buch über Erasure schreiben“

depechemode.de: Bei deiner engen Verbindung zu Erasure hätten viele vermutlich erwartet, dass dein nächstes Buch von Vince Clarke und Andy Bell handeln würde.

Richard Evans: Irgendwann in der Zukunft würde ich sehr gerne ein Buch über Erasure schreiben. Aber im Moment haben weder Vince noch Andy Interesse daran, ihre Geschichte zu erzählen. Das ist also ein Traum für eine andere Zeit.

Bei Ultravox war es anders. Es gab nicht diese eine bestimmte Frage, die ich beantworten wollte. Mich interessierte vielmehr ihre gesamte Geschichte.

Sie waren eine der seltenen Bands, die musikalischen Trends immer wieder voraus waren. Sie waren echte Pioniere, aber vielleicht manchmal so weit voraus, dass sie für das, was sie erreicht hatten, nie wirklich die entsprechende Anerkennung bekamen.

Außerdem haben sie es sich nie leicht gemacht. Sie haben sich immer wieder dazu gezwungen, neue Bereiche zu erkunden – oft auf Kosten eines einfachen kommerziellen Erfolgs. Das habe ich an ihnen bewundert.

Mehr als nur Vienna

depechemode.de: Meine eigene Reise war deiner übrigens ziemlich ähnlich. Wie viele andere habe ich Ultravox zuerst über die Midge-Ure-Ära kennengelernt. Ich hatte sogar eine Freikarte für das Ultravox-Reunion-Konzert in Wien, habe es aber leider verpasst. Inzwischen haben wir Chris Cross verloren, während Midge Ure das Erbe der Band mit Solokonzerten und 80er-Revival-Shows weiterträgt.

War es dir wichtig, mit deinem Buch über diese bekannte Seite von Ultravox hinauszugehen?

Richard Evans: Meine Reise war tatsächlich ähnlich. Ich habe Ultravox erstmals ungefähr zur Zeit von Vienna kennengelernt und mich erst viel später mit ihrer frühen Karriere beschäftigt.

Ich mochte die Tatsache, dass sie diese beiden sehr unterschiedlichen Identitäten hatten. Und deshalb war es mir wichtig, die gesamte Geschichte der Band zu erzählen.

Das Buch beginnt mit ihrer Entstehung als Tiger Lily Anfang der siebziger Jahre und verfolgt sämtliche Besetzungen und Veröffentlichungen bis zum Album Brilliant und den Reunion-Konzerten.

Ich wollte einfach die ganze Geschichte erzählen – in der Hoffnung, dass die Menschen ihre Leistungen jenseits der großen Hits stärker zu schätzen wissen.

John Foxx und die Ursprünge von Ultravox

depechemode.de: Dein Buch geht sehr weit zurück, bis zu den Kunsthochschul- und Post-Punk-Anfängen und John Foxx. Wie wichtig war Foxxs ursprüngliche Vision?

Richard Evans: Unglaublich wichtig. Eigentlich unverzichtbar.

John Foxx kam auf die Idee, eine Band zu gründen, nachdem er an einer Vorlesung an der Kunsthochschule teilgenommen hatte. Die Gründung der Band war gewissermaßen ein College-Projekt.

Dort beginnt die Geschichte. Ohne diesen ursprünglichen Impuls hätte nichts von dem passieren können, was danach kam.

depechemode.de: Foxx erinnert mich ein wenig an Martyn Ware bei The Human League – ein Künstler, dessen Einfluss weit über die Zeit hinausreicht, in der er Frontmann der Gruppe war.

Richard Evans: John Foxx ist eine faszinierende Persönlichkeit. Eigentlich verdient er eine eigene Biografie.

Er ist unglaublich eloquent und von Natur aus neugierig. Seine Karriere umfasst Musik, Kunst, Design, Wissenschaft und vieles mehr. Er wirkt wie ein echter Außenseiter und echter Innovator.

Aber Ultravox! war der Ausgangspunkt für all das.

Wenn es diese Band nicht gegeben hätte, wäre er vielleicht in eine völlig andere Richtung gegangen. Vielleicht als Künstler oder Illustrator, als Autor oder Lehrer.

Ultravox! brachte ihn auf einen Weg, der zu allem führte, was er später erreicht und erforscht hat. Es dauerte eine Weile, bis die Welt aufgeholt hatte, aber ich glaube, sein Einfluss wird inzwischen erkannt und gewürdigt.

Systems Of Romance und die DNA der elektronischen Musik

depechemode.de: Die ersten drei Ultravox-Alben haben einen ganz besonderen Platz in der Geschichte von Elektronik und Post-Punk. Besonders Systems Of Romance gilt vielen späteren elektronischen Musikern als wichtiger Bezugspunkt. Hat deine Recherche deine eigene Wahrnehmung dieser Platten verändert?

Richard Evans: Absolut. Du hast mit Systems Of Romance recht. Dieses Album entstand in einem ganz besonderen Moment, in dem Kreativität und Technologie auf eine neue Art erforscht wurden. Ultravox gehörten zu den allerersten, die sich damit auseinandersetzten.

Meine Recherche führte dazu, dass ich diese Platten anders hörte. Sie enthalten unzählige kleine Eigenheiten und Stücke von musikalischer DNA, die auf alles hindeuteten, was danach kam – nicht nur bei Ultravox, sondern in der Musik insgesamt.

Das ist doch eine ziemlich beeindruckende Leistung, oder?

John Foxx, Metamatic – und warum das Buch Grenzen braucht

depechemode.de: John Foxxs Solokarriere ist wiederum eine eigene große Geschichte. Metamatic ist bis heute ein wichtiger Bezugspunkt für elektronische Musiker. Hast du diese Arbeiten als Fortsetzung der Ultravox-Geschichte betrachtet?

Richard Evans: John Foxxs Arbeiten nach Ultravox behandle ich im Buch nicht ausführlich, aber ich stimme dir zu, dass Metamatic eine sehr wichtige Platte war.

Während Looking Backwards Towards The Future habe ich versucht, den verschiedenen Mitgliedern der unterschiedlichen Besetzungen möglichst gleich viel Gewicht zu geben.

Fast alle hatten außerhalb von Ultravox eigene Projekte. Wenn ich eines davon ausführlich behandelt hätte, hätte ich eigentlich alle behandeln müssen. Das hätte den Fokus von der eigentlichen Ultravox-Geschichte weggeführt und das Buch viel zu groß und unhandlich gemacht.

Für mich sind Metamatic und John Foxxs spätere Projekte deshalb eigenständige Dinge und keine Erweiterungen von Ultravox.

Blitz, New Romantics und Depeche Mode

depechemode.de: Eine besonders interessante Verbindung führt zum Blitz Club, zu Rusty Egan und Steve Strange. Wie wichtig war diese Szene für Ultravox?

Richard Evans: Für die einzelnen Bandmitglieder war sie meiner Meinung nach nicht besonders wichtig. Für den Erfolg von Vienna war sie aber entscheidend.

Diese neuen elektronischen Sounds waren unglaublich neu und überraschend. Aber es brauchte den Blitz und die New Romantics – wobei niemand bei Ultravox diesen Namen besonders mochte. Damals fühlten sie sich mit der Bezeichnung Futurists wohler.

Der Blitz schuf eine Welt rund um diese Musik. Es kamen die Tanzflächen hinzu, die Mode und eine überzeugende post-punkartige Ästhetik. Dadurch entstand eine Szene.

Und diese Szene ermöglichte es sehr unterschiedlichen Künstlern, darunter auch Ultravox, unter dem Schutz des New-Romantic-Begriffs den Weg in den Mainstream zu finden.

„Depeche Mode wollten sich davon nicht zurückhalten lassen“

depechemode.de: Depeche Mode waren ebenfalls Teil dieser größeren Bewegung, versuchten sich aber relativ schnell vom Label „New Romantic“ zu lösen.

Richard Evans: Es war eine sehr fruchtbare Zeit. Viele Bands, die zuvor überhaupt nicht zusammen eingeordnet worden wären, fanden sich plötzlich als Teil einer Bewegung wieder.

Aber die clevereren Künstler wussten schon damals, dass Trends schnell verschwinden. Nachdem sie diese Szene als erste Stufe ihrer Karriere genutzt hatten, versuchten sie schnell, sich wieder davon zu distanzieren.

Schon damals identifizierten sich nur sehr wenige Bands tatsächlich als New Romantics, obwohl sie unter diesem Begriff zusammengeworfen wurden.

Depeche Mode haben das, glaube ich, erkannt und wollten sich davon nicht zurückhalten lassen.

Ich glaube, bei Ultravox war es genauso – vielleicht haben sie das Spiel nur etwas besser gespielt!

Der Ultravox-Supportslot, der nie stattfand

depechemode.de: Es gibt außerdem die berühmte Geschichte, dass Depeche Mode im Umfeld des Some Bizzare Album und Stevos Szene die Möglichkeit angeboten wurde, Ultravox als Supportband zu begleiten – und sich schließlich für Mute Records entschieden. Was hast du darüber herausgefunden?

Richard Evans: Ich erwähne das im Buch.

Du wirst nicht überrascht sein, dass ich mit Vince Clarke über Ultravox sprechen konnte, und wir haben genau darüber gesprochen.

Die Geschichte stimmt. Aber obwohl Stevo Depeche Mode einen Supportslot bei Ultravox als Anreiz angeboten hatte, bei ihm zu unterschreiben, glaube ich nicht, dass er tatsächlich in der Lage war, diesen Auftritt zu garantieren.

Ich glaube, Depeche Mode haben die richtige Entscheidung getroffen!

Midge Ure und die Gleichheit innerhalb der Band

depechemode.de: Als Midge Ure zu Ultravox kam, wurde die Band nicht einfach zu einer kommerziell erfolgreicheren Version ihrer selbst. Die gesamte musikalische und visuelle Identität veränderte sich.

Was war deiner Meinung nach der entscheidende Faktor, der diese Besetzung so gut funktionieren ließ?

Richard Evans: Ich glaube, es war die Gleichheit.

Die vorherige Version von Ultravox war John Foxxs Projekt und er gab die Richtung vor. In der neuen Besetzung waren alle gleichberechtigt. Das führte zu einer echten kreativen Verbindung.

Aus den Gesprächen mit der Band habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie sowohl kreativ als auch persönlich viel Spaß miteinander hatten. Außerdem waren sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere sehr motiviert. Auch das war wichtig.

Warum Rage In Eden nach Vienna?

depechemode.de: Nach dem riesigen Erfolg von Vienna hätten sie den sicheren Weg gehen können. Stattdessen machten sie ein Album wie Rage In Eden – eigenartig, sperrig und keineswegs eine einfache Wiederholung des Erfolgsrezepts.

Richard Evans: Zunächst glaube ich, dass sie den Erfolg genossen haben.

Es ist sehr typisch für die Band, dass sie nach dem riesigen Erfolg von Vienna ein so seltsames und exzentrisches Album wie Rage In Eden machten. Die sichere Variante wäre gewesen, den Erfolg einfach auszunutzen und mehr vom Gleichen zu machen.

Aber mit der Zeit und mit zunehmendem Erfolg veränderten sich auch die internen Dynamiken. Sie gerieten in einen Kreislauf aus Aufnehmen, Veröffentlichen und Touren, der für sie letztlich unbefriedigend und kreativ schwierig wurde.

Was hinter dem Mythos Vienna steckt

depechemode.de: Hat deine Recherche zu Vienna selbst noch etwas Neues ergeben?

Richard Evans: Die Band wurde so oft nach Vienna gefragt, dass ich glaube, eigentlich alles, was darüber gesagt werden konnte, bereits gesagt wurde.

Ich habe allerdings mit dem damaligen TV-Promotionsmann von Chrysalis gesprochen. Seine Erinnerungen daran, wie die Band zum ersten Mal bei Top Of The Pops auftrat, waren zumindest für mich neu.

Vielleicht habe ich der Geschichte dieses Songs also doch noch ein kleines Detail hinzugefügt!

Das Ende der klassischen Ultravox-Ära

depechemode.de: U-Vox wird oft als Ende der klassischen Ultravox-Geschichte betrachtet. Siehst du das auch so?

Richard Evans: Warren Cann war bereits aus der Band ausgestiegen, als U-Vox veröffentlicht wurde. Deshalb würde ich sagen, dass die klassische Ultravox-Geschichte eigentlich mit dem Ende des Lament-Projekts endet.

U-Vox war allerdings ein schwieriger Moment in der Karriere der Band.

Aber ich mochte das Artwork des Albums immer!

depechemode.de: Und wie bewertest du die späteren Besetzungen mit Tony Fenelle und Sam Blue?

Richard Evans: Ich schreibe über beide Besetzungen. Aber für mich und viele andere Fans sind das keine echten Ultravox-Alben.

Es sind interessante Billy-Currie-Projekte, und auf beiden gibt es gute Musik. Aber rückblickend fühlt es sich für mich einfach nicht richtig an, ihnen den Namen Ultravox zu geben.

Sorry, Billy …

„Definitiv eine Kombination aus allen drei Faktoren“

depechemode.de: War das Ende von Ultravox in den 80ern also eher ein kreatives Problem, ein persönliches oder die sich verändernde musikalische Landschaft?

Richard Evans: Definitiv eine Kombination aus allen drei Faktoren!

Eine Band, die bis heute auf Anerkennung wartet

depechemode.de: Wann wurde Ultravox deiner Meinung nach von einer Band der Vergangenheit zu einem echten historischen Einfluss für spätere Generationen?

Richard Evans: Das ist eine wirklich interessante Frage.

Ich spreche im Buch mit Künstlern, die Ultravox als wichtigen Einfluss auf ihre eigene Karriere nennen. Nick Rhodes von Duran Duran ist ein großer Fan der frühen Besetzung, während Moby eher die späteren Platten liebt.

Aber trotz ihrer jeweiligen Begeisterung glaube ich nicht, dass Ultravox jemals wirklich den Respekt bekommen haben, den sie verdienen.

Hoffentlich hilft das Buch dabei, die Menschen daran zu erinnern, was sie erreicht haben – als weiterer Schritt auf dem Weg zu dieser Anerkennung.

Reunion: „Die Sterne standen einfach richtig.“

depechemode.de: Die Reunion 2008 war ziemlich überraschend. Wie kam es dazu, dass die vier klassischen Mitglieder nach so vielen Jahren wieder zusammenkamen?

Richard Evans: Es war so unwahrscheinlich, dass es schon wieder typisch Ultravox war. Ich vermute, genau das war auch ein Teil des Reizes für sie.

Im Grunde war es einfach gutes Timing.

Einer der früheren Manager von Ultravox, Chris O’Donnell, schickte jedem von ihnen eine E-Mail und fragte, ob sie sich vorstellen könnten, einige Konzerte zu spielen.

Und genau an diesem Tag, in genau diesen Momenten, dachten alle vier, dass vielleicht etwas an der Idee dran sein könnte.

Die Sterne standen einfach richtig.

Brilliant – ein zwiespältiges Finale

depechemode.de: 2012 folgte mit Brilliant sogar noch ein neues Studioalbum.

Richard Evans: Die Band hat gemischte Gefühle gegenüber diesem Titel, aber meiner Meinung nach ist es ein ordentliches Album.

Ich glaube allerdings, dass gegen Ende der Entstehung viele der alten Spannungen innerhalb der Band wieder zurückkehrten. Das hat dem Projekt viel von seiner Freude genommen.

Ein autorisiertes Buch – aber Richards Buch

depechemode.de: Du hattest für das Buch Zugang zu den verbliebenen Mitgliedern, zu ehemaligen Mitarbeitern, Archivmaterial und Personen aus dem Umfeld der Band. Wie hast du diese Recherche aufgebaut?

Richard Evans: Ich hatte beim Recherchieren Glück, weil ich bereits für Listening To The Music The Machines Make sehr viel Material gesammelt hatte. Das erwies sich als unerwartet wertvoll.

Nachdem Omnibus Press dem Ultravox-Buch zugestimmt hatte, kontaktierte ich die verbliebenen Bandmitglieder. Ich wollte wissen, ob sie damit einverstanden waren, dass ich über sie schreibe, und ob sie sich vorstellen konnten, daran mitzuwirken.

John Foxx, Billy Currie und Midge Ure hatte ich bereits für andere Projekte interviewt. Sie waren alle einverstanden und bereit, Fragen zu beantworten.

Billy stellte den Kontakt zu Warren her, der ebenfalls mitmachen wollte. Der Manager von John Foxx brachte mich mit Robin Simon zusammen, der ebenfalls zustimmte.

Steve Shears zu finden war schwieriger. Als ich ihn schließlich gefunden hatte, wollte er nicht direkt beteiligt sein.

Ich sagte der Band, dass ich sie möglichst nicht Dinge wiederholen lassen wollte, über die sie bereits hundertmal gesprochen hatten. Ich wollte vor allem Fragen stellen, die bisher noch nicht beantwortet worden waren.

Ich arbeite schon lange in der Musikindustrie und kannte viele Leute, die mit der Band gearbeitet hatten oder mich mit weiteren Personen verbinden konnten.

Andere habe ich einfach aus dem Nichts kontaktiert – wie Steve Lillywhite und Moby. Vince Clarke und Nick Rhodes kannte ich bereits.

Extreme Voice und Warren Canns unveröffentlichte Perspektive

depechemode.de: Gab es ein bestimmtes Archivmaterial, das dein Verständnis der Bandgeschichte besonders verändert hat?

Richard Evans: Die interessantesten Materialien waren meiner Meinung nach die Interviews, die die Band für das Ultravox-Fanzine Extreme Voice gegeben hat, das später zum offiziellen Fan-Newsletter wurde.

Diese Gespräche waren nicht nur sehr entspannt, sondern gingen auch in unerwartete Bereiche – so, wie es eben nur echte Fans tun würden.

Wenn ich eines auswählen müsste, wäre es das sehr ehrliche Interview, das Warren Cann nach seinem Rauswurf aus der Band dem Fanzine In The City gab. Es wurde damals nicht veröffentlicht und erschien erst später in Extreme Voice.

Und John Foxx hat über viele Dinge, nach denen ich ihn gefragt habe, bisher kaum gesprochen. Er sagte mir sogar, dass er es nicht mag, über diesen Teil seiner Vergangenheit zu sprechen.

Deshalb hatte ich offenbar Glück, dass ich einige dieser Antworten bekommen habe.

„Manchmal war es schwierig“

depechemode.de: Wie gehst du mit widersprüchlichen Erinnerungen der einzelnen Bandmitglieder um?

Richard Evans: Manchmal war es schwierig.

Im Laufe des Projekts lernte ich die verschiedenen Bandmitglieder ein wenig kennen und begann, sie alle zu mögen. Deshalb war es mir sehr wichtig, jeden von ihnen möglichst gleichberechtigt darzustellen.

Manchmal stimmten ihre Erinnerungen nicht überein oder unterschieden sich sogar dramatisch.

In solchen Situationen habe ich versucht, alle Sichtweisen nebeneinanderzustellen.

Habe ich Dinge weggelassen?

Ja. Aber nur, wenn ich sie für unfair, zu persönlich oder nicht ausreichend belegt hielt.

„Letztlich ist es mein Buch und nicht ihres

depechemode.de: Hat der autorisierte Charakter des Buches deine Unabhängigkeit manchmal eingeschränkt?

Richard Evans: Eigentlich nicht.

Keines der Bandmitglieder hat während der Arbeit darum gebeten, das Buch zu sehen. Und genau jetzt haben sie es immer noch nicht gesehen.

Sobald gedruckte Exemplare verfügbar sind, werde ich jedem von ihnen eines schicken. Ich hoffe natürlich sehr, dass sie damit zufrieden sind.

Letztlich ist es mein Buch und nicht ihres.

Aber die Band war so freundlich, mir zu vertrauen, dass ich ihre Geschichten erzähle. Deshalb fühlte ich mich dafür verantwortlich, jeden von ihnen korrekt und respektvoll darzustellen.

Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, eine Frage nicht gestellt zu haben, auf die ich eine Antwort haben wollte.

Warum Moby?

depechemode.de: Eine schöne Parallele zu unserem ersten Gespräch: Damals stammte das Vorwort von Vince Clarke. Diesmal ist es Moby. Wie kam es dazu?

Richard Evans: Ich kannte Moby nicht, obwohl sich unsere Wege Anfang der 90er kurz gekreuzt hatten.

Ich kannte allerdings jemanden, der mich mit seinem Manager bekannt machen konnte. Genau das ist dann passiert.

Ich wusste, dass Moby ein großer Ultravox-Fan ist. Als ich ihm erklärte, worüber ich schrieb, stimmte er einem Gespräch zu.

Wir verabredeten einen Zoom-Call und verstanden uns sofort sehr gut.

Seine Begeisterung für Ultravox war so ansteckend und so ehrlich, dass er für mich die perfekte Person für das Vorwort war.

Er ist ebenfalls ein sehr interessanter Charakter und hat interessante Dinge zu sagen.

„Die Band verdient endlich den Respekt, den sie verdient“

depechemode.de: Nach so vielen Monaten Recherche und Arbeit: Was sollen Leser aus Looking Backwards Towards the Future mitnehmen, wenn sie Ultravox bisher hauptsächlich mit Vienna und Dancing With Tears In My Eyes verbunden haben?

Richard Evans: Ich glaube, Ultravox sind für ihre Leistungen und dafür, dass sie diese Leistungen immer zu ihren eigenen Bedingungen erreicht haben, längst überfällig für den entsprechenden Respekt.

Wenn das Buch dabei helfen kann, diese Seite der Band stärker ins Bewusstsein zu rücken, wäre ich sehr glücklich.

Und wenn Leser durch das Buch Aspekte von Ultravox entdecken, die ihnen bisher nicht bekannt waren, wäre das großartig.

Wenn nichts anderes, dann wäre es bereits ein Erfolg, die Breite und Qualität ihres Katalogs wieder ins Gedächtnis zu rufen und die Menschen diese Songs neu entdecken zu lassen.

Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox

Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox erscheint am 8. Oktober 2026 bei Omnibus Press. Es handelt sich um die erste autorisierte Biografie von Ultravox, die mit dem Wissen, der Zustimmung und der Mitarbeit der verbliebenen Kernmitglieder entstanden ist. Das Buch kann bereits vorbestellt werden.

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Amazon Deutschland:
Looking Backwards Towards the Future: The Story of Ultravox bei Amazon.de

Offizielle Website des Buches:
ultravoxbook.com

2 Kommentare

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  1. Erste Sahne,Herr Janurik. !!

    Endlich,endlich mal wieder ein Text hier der richtig Bock macht
    diesen zu lesen -danke
    Meine erster Berührungspunkt mit Ultravox war natürlich „Vienna“
    (bin Baujahr ’68 und war ’81 gerade mal 12 Lenze jung).
    Depeche Mode war zu dem Zeitpunkt für mein „grünes Alter“ noch gar nicht bekannt.
    Vienna war einfach ’ne Bombe – so Geheimnisvoll,neu,spannend.
    zählt natürlich heute noch immer zu den absoluten “ Elektronischen Highlights “
    (nach meinem Empfinden).
    Die Ära John Foxx hört sich ganz interessant an – nachdem ich das Video oben gesehen habe !
    Auf jeden Fall “ Vienna “ „Dancing……“ „Hymn“….. „The thin wall“ „TheVoice“ sind
    in meinen 80er „Playlist’s“ immer dabei ………

    Antworten
  2. NewRomantics

    Super starkes Interview und mit Sicherheit ein lesenswertes Buch
    über Ultravox,
    über die Anfänge des Postpunk-Synth Rock und den Durchbruch vieler Britischen Synthesizer Bands in den Mainstream unter dem Sammelsurium „New Wave“ , dessen Roots irgendwo zwischen Punk , Art und Glam Rock Bowie‘s und RoxyMusic bis zum Beginn der Proto Punk und der NewYorker Underground Szene der spät 60iger
    liegt ( vertretend Velvet Underground, Nico und insbesondere der PopArt Visionär Andy Warhol). Und U-VOX
    waren mit Vorreiter eines neuen Sounds, der der POP Music einen experimentellen Touch gab, etwas mysteriös, etwas bizarr, etwas
    Punk ( als Definition musikalischer
    Kreativität über die Norm hinaus).
    John Foxx war und ist zweifelsohne eine musikalisches Genie, der mMn nie so richtig gewürdigt wurde.
    Diese frühe Szene strotzte vor Kreativität, insbesondere was den Einsatz von Synthesizer und Drum Computern betraf. Es war eine Alternative Szene, geboren in den
    Hinterhof Clubs von London und Birmingham, Liverpool und Manchester. Auch Bands wie OMD, the Human League oder Japan, noch bevor das Ganze als „NewWave“ ( Style) und neuem Genre ( Synthie Pop) den Mainstream in England, Festland Europas, Australien Japan und Teile von Ost Europas erobern sollte.
    Die NewRomantics standen stellvertretend hierfür, sie sterilisierten das „Rauhe“ des Punks und ersetzen diesen durch Look, Style und Technik ( Videos) im Stil eines Bowies oder RoxyMusic.
    Ja… NewRomantics Vers. Futuristen“,
    die alte „Streitfrage“… aber alle Futuristen hatten irgendwie ihre Basics in der New Romantik Szene.
    Und heute ? Man braucht sich nur ein wenig umzuschauen in der Pop Szene irgendwo erkennt man immer etwas „New Romantic“ bei vielen Künstlern und der Electronic Sound hat sich längst etabliert bis hin zu
    ( richtigen) Rockbands bereits in den 80er.
    UltraVox und John Foxx
    Thank you !

    Buch kommt auf die Wunschliste
    und danke für das Forum Thema

    Antworten

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