Mit Konzertbericht aus Berlin

Review: VNV Nation – Noire

Letztens in der vollen Berliner Columbiahalle: Ronan Harris hat das Publikum fest im Griff. Die Beats wummern, die Lichter flackern, er ist voller „Woooow!“s. Und „Noire“ steigt parallel auf Platz 4 in den deutschen Charts ein, ja, in den „richtigen“ Charts.

Der Rezensent muss ja zugeben, dass er VNV Nation ein bisschen aus den Augen und dem Interesse verloren hatte. Nach den drei starken, zwischen 1999 und 2005 erschienenen Alben „Empires“, „Futureperfect“ und „Matter + Form“ schien alles gesagt, die Werke danach waren doch oft zu sehr Malen nach Zahlen. Was man übrigens beim oben erwähnten Konzert auch merkt. Die Stimmung ist durchweg gut, ja, was natürlich auch an der Ausstrahlung des irischen Entertainers auf der Bühne liegt. Aber bei Stücken aus „Automatic“ & Co. (von denen es auch gerne ein paar weniger als insgesamt neun hätten sein dürfen) kühlt es sich doch immer mal wieder leicht ab, während die älteren Sachen (in Zahlen: sechs Songs) mächtig gefeiert werden.

Doch Achtung, jetzt kommt’s: „Noire“ ist eine Rückkehr zu alter Stärke. Vielleicht nicht durchgehend über die gesamten fast 74 Minuten der opulenten Spieldauer, aber doch zu einem guten Teil. Harris baut eine recht düstere Stimmung auf, vor allem inhaltlich, dazu kredenzt er natürlich den bekannten Sound zwischen stampfbaren Beats und melancholischen Ruhemomenten, aber: Die Songs sind besser, die Sounds zwingender als zuletzt.

Zudem gelingt mit „A Million“ ein Opener (für Album und Tour) der Extraklasse. Mit einem elektronischen Break in der Mitte, ab dem alles tanzt. Reiht sich in der Bandhistorie ganz vorne ein. Und es geht auf dem Album ordentlich weiter, „Armour“ ist typisch eingängiger, vielleicht etwas oberflächlicher Synthiepop, während „God Of All“ danach schon wieder richtig gut ist, mit sphärischen Sounds und eingängigem Refrain.

Die anschließende klassische Klavierballade ist sicher gut gemeint und gemacht, mit über sechs Minuten aber viel zu lang für den Albumfluss, na ja, episch mag der Künstler es eben (das Konzert dauert übrigens satte zwei Stunden und 15 Minuten!). Damit ist die mittelmäßige Phase des Albums eingeläutet, „Collide“ füllt nur die Spielzeit und „Wonders“ ist viel zu zuckerhaltig.

VNV Nation – When is the Future?

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Doch zum Glück hämmert das dunkel wummernde „Immersed“ das Album mit Oldschool-Minimalismus zurück in die Erfolgsspur. Es folgt das mit nur hauchzart über vier Minuten kürzeste Stück des Albums, „Lights Go Out“, eine echte Single. Und damit nicht zwei so eingängige Tracks wie dieser und das in seiner Ultra-Poppigkeit einfach starke „When Is The Future?“ zu dicht beisammen stehen, wird ein weiteres Interlude eingefügt.

Nach einem So-La-La-Track und noch einem Interlude erreichen wir dann das Ende von Album und Konzert (live werden übrigens exakt die sieben Stücke des Albums gespielt, die wirklich gut sind, Harris weiß genau, was er tut), erschöpft, aber zufrieden. Und zum Finale (live und auf dem Album) gibt es mit dem gewaltigen „All Our Sins“ noch ein Highlight. Well done!

Die depechemode.de-Wertung:
7 / 10

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www.vnvnation.com
www.facebook.com/VNVNation

Letzte Aktualisierung: 23.11.2018 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

5
Kommentare

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  1. lalamusik
    25.11.2018 - 10:43 Uhr
    3

    VNV schafft es in die vManorderste Reihe

    Viele Synthbands sind schon gekommen und gegangen oder dümpeln in der Mittelmäßigkeit irgendwelcher Festivals umher, aber hinter VNV Nation steckt wohl tatsächlich mehr.
    Man kann zur quasi-nietzschemäßigen politischen Botschaft stehen wie man will – Vorsicht ist bei sowas immer geboten finde ich- aber man spürt halt, dass dahinter eine Authentizität und ein echter kreativer Geist steckt.
    Super dass sie wieder zu besserer Form zurückgefunden haben!

    • Elysium
      25.11.2018 - 13:15 Uhr
      3.1

      VNV Nation ist mittlerweile ein Einmann-Projekt von Ronan Harris da Mark Jackson Ende 2017 ausgestiegen ist. Naja Mark Jackson war eh nur der Drummer bei Liveauftritten der Band und kompositorisch oder den typischen VNV Nation Sound kreierte schon immer Mr. Harris.

      • lalamusik
        25.11.2018 - 18:08 Uhr

        Echt – schade, ich fand grade Mark’s Präsenz im Hintergrund super
        :/ hm

  2. Barrel of a gun
    24.11.2018 - 3:21 Uhr
    2

    Das Beste seit Jahren

    Von den ca. 200 Bands die zu meinen Top Acts gehören, schafft es VNV als eine von nuir etwa 5 Bands, ein Album zu kreieren das im Falle von ‘Noire’, Track 1-13, Perfekt ist.
    Bei ‘When is the Future’ bekomme ich Gänsehaut, das will schon was heissen…
    Dieses Album gehört mit zum besten was in den letzten Jahren veröffentlicht wurde!
    Danke Ronan, und auch ein grosses Dankeschön an Mark, der leider nicht mehr dabei ist.

  3. Stefan Bee
    23.11.2018 - 14:02 Uhr
    1

    Noire ist Klasse

    Für mich ein wirklich tolles Album. Es hätten vielleicht 1-2 Instrumentals weniger (oder kürzer im Falle von Noctourne No7) sein dürfen aber Ronan hat sich da sicher etwas bei gedacht. Bei Collide möchten ich dem Rezensor widersprechen. Für mich eins der Highlights von Noire. Lights go Out, Armour, God of all oder All our Sins oder das großartige Immersed. Alles starke Nummern Nach zuletzt eher durchwachsenen Scheiben ist Noire eine wahre Freude.

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