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Sonne in der Nacht

Review: VNV Nation – Electric Sun

Innovation! Experimente! Neuerfindung! All das enthält das neue Album von VNV Nation. Nicht. Aber halt, lieber VNV-Fan, bevor du gleich erbost zum sozialmedialen Wutausbruch ansetzt: Das wird jetzt keineswegs ein Verriss, denn das Album gehört nämlich trotzdem zu den besten der Band.

Jetzt, wo nur noch die mitlesen, die über Teasertexte hinaus Interesse am Thema haben, wir also endlich unter uns sind: Die eingangs erwähnten Begriffe trafen noch nie auf die Musik und den Sound von VNV Nation zu – und damit steht Ronan Harris in der sogenannten Szene auch längst nicht allein da, ganz im Gegenteil. Das ist aber nicht unbedingt schlimm, so lange jemand weiß, was er kann, und das auch mit Leidenschaft und hoffentlich auch etwas Begabung umsetzt. Und Leidenschaft darf man dem irischen Wahlhamburger nun wirklich attestieren, musikalische Begabung ebenfalls. Die Fans sind ohnehin von jedem neuen Album begeistert, das durfte man auch dieses Mal wieder feststellen.

Und „Electric Sun“ bestätigt ja letztlich auch, was wir schon über den Vorgänger „Noire“ sagen konnten: Die Rückkehr zur Stärke hält an, durchaus vergleichbar mit der Hochphase zwischen 1999 und 2005. Ronan Harris gelingt hier ein atmosphärisches Album, das den typischen VNV-Sound in Perfektion zelebriert, einige echte Highlights bietet – und exzellent produziert ist. Das geht schon mit dem fantastischen Titelsong los, aber Albumanfänge kann Harris einfach – siehe „Kingdom“, „Epicentre“, „Chrome“ (damals jeweils noch mit vorgelagertem Intro) und „A Million“. „Electric Sun“ ist vom Tempo her eher auf der getragenen Seite, steigert sich aber von der inszenatorischen Wucht ins Epische. Die Anhänger der cinematischen Elemente von VNV Nation wurden damit ins Boot geholt. Und gleich im Anschluss wird mit „Before The Rain“ die Tanzfraktion eingefangen. Clever.

Klar, auch auf dieser Platte gibt es auch wieder ein paar Stücke, die eher ihre soundtypischen Wegpunkte abhaken als bleibenden Eindruck zu hinterlassen, Synthie- oder Futurepop hier, ordentlich Pathos dort, die typischen VNV-Soundelemente erkennt man ebenfalls blind. Aber dann reißt einen rechtzeitig ein wummerndes, geradezu wütendes „Artifice“ aus der Lethargie, nach dem das sanft dahinschwebende „In The Temple“ eine fast schon notwendige Erholung zum Ende der ersten Albumhälfte ist. Dem als Kontrast ein zwischen süßlichen Synthies und Highspeedgeboller hin- und herstampfender „Prophet“ folgt. Und dann kommt „Wait“, das im Single Edit nur die halbe Wirkung entfaltet, denn erst die siebeneinhalbminütige Albumversion zeigt die komplette Klasse dieses düsteren Höhepunktes.

VNV Nation - Wait (single edit)

Man sollte eben die ganze Platte hören, worauf Harris viel Wert legt, wie er auch selbst immer wieder betont. Nur wer konzentriert dran bleibt, wird mit einem wirklich runden Werk, das auch im Schlussdrittel noch Akzente („At Horizon’s End“, „Run“, „Sunflare“) zu setzen weiß, belohnt. Die Trackorder, die ineinandergreifenden und einmal mehr ziemlich düsteren Textinhalte – da steckt eben noch ein richtiges Albumkonzept dahinter. Das kann man heutzutage nicht oft genug würdigen.

Depechemode.de-Wertung:
★★★★★ (3.5/5)

VNV Nation – Electric Sun kaufen:

www.vnvnation.com
www.facebook.com/VNVNation

Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

3 Kommentare

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  1. Als ob Noire zu toppen ginge?

    Ich denke auch, Electric sun ist in sich „rund“ und live funzen die einzelnen Tracks ja auch ganz gut. Ich denke, der Adisson hat die Review ganz gut getroffen. Thomas, liebe Grüße auch daheim! Pierre

  2. Ich kann die Beschreibung „exzellent produziert“ nicht direkt unterschreiben – für meine Wahrnehmung gibt es hier sehr starke Unterschiede zwischen den einzelnen Tracks des Album.
    Bspw. wirken besonders „Invictus“ und „Run“ wirken für mich produktionstechnisch eher unbehauen, „Artifice“ und „Sunflare“ wirken auf mich dagegen seltsam uninspiriert.
    Der Opener ist anfangs sehr geil, lässt aber im Verlauf dann irgendwie nach, was die Spannung angeht.
    Dafür ist aber „Wait“ gerade in der Albumversion echt geil,

    Insgesammt sehe ich aber von Spannung und Stimmigkeit in den Details (auch von „Gesamtkonzept“ her) eher einen ziemlich deutlichen Rückschritt im Vergleich zu Noire –
    das schien viel mehr aus einem Guss und mit einer kohärenten Endzeit-Story, und sowohl die Balladen („Collide“), also auch Opener und Schlusstrack sind für mich gerade von der Produktion her wirklich auf einem ganz anderen Level als „Electric Sun“ – eigentlich kommt nur „Wait“ wirklich an das Vorgängeralbum ran.

    OK es sind Abstriche auf sehr viel Nivea, ich mag das Album trotzdem!

  3. Electric Sun

    Darum ist es auch ein schönes Konzept Album geworden, mit viel Liebe zum Detail. Von Electric Sun bis Under Sky???

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