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Review: The Twilight Sad – It’s the Long Goodbye

Intensiv. Das ist das Wort, welches vielleicht am besten auf die Musik von The Twilight Sad zutrifft. Und dann noch: schottisch. Außerdem auch: eng befreundet mit Robert Smith. Okay, das war mehr als ein Wort. Müssen wir uns wohl, ha, intensiver mit dieser Band beschäftigen. Daher zur Einleitung nur noch drei weitere Worte: Album des Monats.

Wenn man von Glasgow in Richtung Stirling fährt – vielleicht um das berühmte Castle zu besuchen – und auf halber Strecke ein Stück von der Route abweicht, landet man in Kilsyth. Dort, wo sich in den frühen Nullerjahren ein paar Schulfreunde zu einer Band zusammentaten, die bereits mit dem wuchtigen Debüt „Fourteen Autumns & Fifteen Winters“ ein Ausrufezeichen setzte. Dem frühen Lärm wurden auf den Nachfolgern „Forget the Night Ahead“ und „No One Can Ever Know“ weitere Bestandteile hinzugefügt, insbesondere Synthesizer und Post-Punk-Elemente. Mit „Nobody Wants to Be Here and Nobody Wants to Leave“ wurde es dann 2014 zwischen all der Düsternis auch noch richtig melodiös, während das bisher letzte Lebenszeichen „It Won/t Be Like this all the Time“ (2019) die elektronischen Einflüsse verstärkte.

Und nun heißt es „It’s the Long Goodbye“. Ein Titel, der Fans einer Band schon in Panik versetzen kann. Zumal die beiden Bandleader James Graham und Andy MacFarlane bei der Vorankündigung mitteilen, dass The Twilight Sad über die Jahre seit der letzten Veröffentlichung gleich drei langjährige Bandmitglieder aufgrund anderer Verpflichtungen verabschieden mussten und nun nur noch ein Duo sind. Aber die Angst vor dem Aus kann erst einmal genommen werden – es gibt neue Mitmusiker, u. a. von befreundeten Bands wie Arab Strap und Mogwai, und der lange Abschied bezieht sich auf etwas anderes.

Es geht um Verlust. Ein Mensch verliert sein Gedächtnis und zunehmend sich selbst. Angehörige verlieren diesen Menschen, oft schleichend über einen quälenden und vor allem auch psychisch sehr schmerzhaften Zeitraum. Demenz. Diese wurde bei Grahams Mutter im Jahr 2016 diagnostiziert. Der lange Abschied von ihr bis zum Tod Anfang 2024 ist nun das Leitthema dieses grandiosen Albums. Zudem thematisiert Graham auch – nicht zum ersten Mal – seine eigenen Kämpfe um die mentale Gesundheit. Erwähnten wir schon das Wort intensiv?

Bereits der erste Vorbote „Waiting for the Phone Call“ mit Zeilen wie „I’m sitting in the front seat, head in my hands, waiting for the phone call, telling me, are you gone?“ ist ein bitterer Schlag in die Magengrube. Wer das Warten auf derartige Anrufe schon einmal erleben musste, wird die Schmerzen nachfühlen können. Doch überraschenderweise kommt der Song ganz eingängig daher. Wummernde Beats, verträumte Synthies, Grahams ohnehin einnehmende Stimme im breitesten Schottisch, später dann kraftvolle Gitarren, mitreißend.

Doch wer spielt denn da eine dieser markanten Gitarren? Kein Geringerer als Robert Smith. Der Chef von The Cure ist ja schon lange Fan dieser Band. The Twilight Sad waren wiederholt Support von The Cure – und werden diese Rolle im kommenden Sommer wieder einnehmen, auch bei den drei Konzerten in der Berliner Wuhlheide. Smith steuert seine Begabung noch auf zwei weiteren Songs bei, der siebenminütigen Soundwalze „Dead Flowers“ – sicherlich ein Albumhöhepunkt – und dem vergleichsweise fast entspannten „Back to Fourteen“.

Generell geht es hier wieder deutlich lauter und gitarrenorientierter zur Sache als auf dem Vorgänger, man höre nur die Soundwände im Opener „Get Away from It All“. Aber die Synthesizer bleiben trotzdem ein nicht unwesentlicher Soundbaustein. Leichtere Stücke wie das schon The-Cure-eske „Designed to Lose“ oder das an die frühen Killing Joke erinnernde „Inhospitable/Hospital“ lockern die Stimmung immer wieder auf. Und dann gibt es diese Gesangsmelodien zum Niederknien wie im umwerfenden „Attempt a Crash Landing – Theme“.

Und jeweils am Ende einer Seite (für die Vinylfreunde hier) setzen sie besondere Ausrufezeichen. Erst mit dem interpolig-melodiösen „The Ceiling Underground“ – und zum Finale mit „TV People Still Throwing TVs at People“, das den Kloß im Hals („I keep hiding in my nightmares“ mit einem sich allmählich fast in so etwas wie Euphorie hineinsteigernden Song herunterspült. „It’s okay to feel this way.“ Slàinte mhath!

The Twilight Sad – It’s the Long Goodbye kaufen:

PS: The Twilight Sad spielen u. a. vom 10.-12.07. als Support von The Cure in der Berliner Wuhlheide. Sie kommen aber vorher auch noch selbst auf Tour:

  • 14.04. Zürich – Bogen F
  • 15.04. München – Ampere
  • 16.04. Berlin – Gretchen
  • 22.04. Hamburg – Grünspan
  • 25.04. Köln – Gebäude 9

https://thetwilightsad.com/

Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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