Dieser Spiegel da hinten in der Ecke. Ein schwarzes Tuch, das ihn vorher bedeckte, ist heruntergerutscht, nun steht er da und wartet auf diejenigen, die hineinschauen wollen. Sieh dich vor, lieber Hörer (und du auch, liebe Hörerin), bevor du den Blick riskierst. Er erkennt deine Seele, und er zeigt dir all das Dunkel darin. Darum wiegt er ja so viel.
Dass Interpol nie ein schlechtes Album abliefern würden, davon war auszugehen. Der mit dem Debüt-Meisterwerk „Turn on the Bright Lights“ gesetzte Sound variierte zwar immer mal wieder, ansonsten war aber der Abgang des vor allem die Konzerte prägenden Bassisten Carlos Dengler der größte Einschnitt. Und das ist 15 Jahre her. Paul Banks, Daniel Kessler und Sam Fogarino blieben von Anfang an das zusammenhaltende Kerntrio. Immerhin werden die schon lange live mitwirkenden Brandon Curtis und Brad Truax seit diesem Jahr als volle Bandmitglieder geführt.
Interpol haben sich geöffnet – um ihr geschlossenstes Album seit Langem abzuliefern. Mit Produzent Andrew Wyatt wurde im heimischen New York ein facettenreicher Klang erarbeitet. Für ein paar Songs kam dann noch der uns auf diesen Seiten ja bestens bekannte James Ford dazu. Zu Gitarre, Bass, Synthesizer und Schlagzeug gesellen sich Streicher, Bläser, Percussions und weitere Details, aber am Ende klingt alles nach einer Interpol-Platte, einer ziemlich perfekten sogar.
Der schwere Spiegel steht also da in der Ecke, die Sounds schleppen den Hörer an ihn heran – und wer den Blick hebt, muss sich mit dem Thema Selbstreflexion beschäftigen. Ohne Garantie, was dabei herauskommt. Aber mit Paul Banks‘ unverwechselbarer Stimme im Ohr ist die Melancholie eine der angenehmeren Art. Und wer nach jener faszinierenden ersten Single vermutet hätte, Interpol würden jetzt nur noch komplexe Dunkelheit vertonen, bekommt direkt mit dem zweiten Stück „See out Loud“ einen geradlinigen Knaller, der auch auf die ersten beiden Alben gepasst hätte (wie später noch „Wake Up“). Und huch, neben Banks singt hier Kessler, das ist selten.
Direkt danach zieht es die Band nach Eisenhüttenstadt. Nee, so deprimierend wird es nicht, er singt ja vom Central Park, dann ist es doch eher New York. Und eigentlich geht es hier um einen Dialog mit einer künftig die Welt regierenden Künstlichen Intelligenz. Oje, das ist ja viel düsterer als Eisenhüttenstadt. Wie kommen wir hier nur wieder raus?
Erstmal wird es heftiger: Der „Wounded Soldier“ erzählt in einem der dunkelsten und zugleich stärksten Momente des Albums zu raffiniert durch den Raum schwirrenden Sounds von Gewalt, Krieg (mit Drohnen geführt?) und Tod. „This is not a show. This is how it goes. That man, his body’s out there, buried in the snow .“ Uff. Und die widerwärtigen Killergerätschaften schwirren danach gleich noch weiter durch „Wings on Fire“.
Trotzdem muss betont werden: Das ist hier kein Runterzieher, dafür sind die Sounds zu schwelgerisch, die Melodien zu elegant. Wie in „Ever the Actor“ die Geigen den Himmel aufreißen. Wie in „So Rides the Reindeer“ nach knarziger Elektronik die Akustikgitarre einspringt, bevor Banks den Song genau zwischen Editors und The National platziert. Wie der Sänger in „Enemy“ mit seiner Frau Juliet Seger-Banks eine herzwärmende kosmische Liebe besingt. Und da haben wir noch gar nicht das umwerfende „The Bird and the Serpent“ erwähnt, das sich kurz vorm Piano-Finale zu epischer Größe aufschwingt.
Eine intensive Sitzung mit Interpol war das. Nach 53:30 Minuten decken wir erst einmal wieder das Tuch über den Spiegel. Als Schutzmaßnahme. Durchatmen und Durchlüften muss auch sein. Aber nachher, spätestens morgen, hören wir das Album gleich nochmal. Mit oder ohne Reflexion.
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PS: Interpol spielen im Herbst eine Doppel-Headliner-Tour mit Bloc Party:
11. November, Berlin, Uber Arena
12. November, Hamburg, Barclays Arena
14. November, Düsseldorf, PSD Bank Dome