Review: Arctic Monkeys – Tranquility Base Hotel + Casino

Es gibt noch Bands, die auch nach ein paar Jahren im „Geschäft“ noch etwas wagen, ja, mit einem neuen Album gar komplett überraschen. Eindrucksvoller Beweis: Dieses Album hier. Und ein Beweis, was für ein brillanter Produzent James Ford (siehe auch: „Spirit“) ist, wird ebenfalls mitgeliefert.

Die Arctic Monkeys, deren Debüt „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ Anfang 2006 frischen Wind in die Rockwelt pustete (wie seitdem wohl kaum ein anderes Album irgendeiner Band mehr), haben ihren Sound seitdem immer wieder erweitert, aufgebrochen, neu gedacht. Zuletzt 2013, wo ihnen mit dem groove-orientierteren „AM“ ein (auch verkaufstechnisch) riesiger Erfolg gelang. Seitdem ist es gar nicht mehr so leicht, an Tickets für ihre Konzerte zu kommen. Weltweit.

Wer nun Sänger Alex Turner beim einen oder anderen öffentlichen Auftritt (z.B. bei den Brit Awards) gesehen hat und nun dieses Album hört (oder sich gar an die Texte wagt), mag denken, dass er von irgendeinem Trip noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Und wer mit Turners Nebenprojekt, den Last Shadow Puppets, nichts anfangen kann und/oder an den Arctic Monkeys vor allem die zackigen Gitarrenläufe geliebt hat, der wird womöglich vor Wut schäumen (man muss dazu nur mal die sozialen Medien anwerfen).

Aber wer offen für etwas ganz Anderes ist, wer Turners vielseitige Stimme liebt und wer sich an der warmen, detailverliebten Produktion James Fords erfreut, wer vielleicht auch ein Faible für den Pop der späten 60er bis 70er hat – der liebt dieses Album nach einigen Durchläufen möglicherweise sehr.

Arctic Monkeys - Four Out Of Five (Official Video)

Denn im Tranqulity Base Hotel und dem zugehörigen Casino geht es entspannt, lässig und keineswegs rockig zu. Stattdessen meint man, einen zottelig-abgeranzten Turner zwischen Bar, Pool und Dachterrasse umher schlurfen zu sehen, Zigarre links, Drink rechts. Ab und zu lässt er sich am Klavier nieder und croont seine verwirrenden Texte ins Retro-Mikrofon.

Die Band spielt ein paar Instrumente dazu, Turner selbst auch noch einige, dazu der eine oder andere Gast und eben Mr. Ford. Neben dem üblichen Instrumentarium erklingen Vibraphon, Orchestron, Farfisa, Harpsichord, Timpani, Wurlitzer … und diverse natürlich analoge Synthesizer.

Und es war eine großartige Idee, keine Singles oder Vorabtracks vorher unters Volk zu werfen. Das wird ja heutzutage mitunter inflationär betrieben, bis man vorab schon das halbe Album kennt und gar nicht mehr richtig gespannt ist. Nein, da habt ihr den Brocken! Kaut dran herum, arbeitet euch ab, es wird sich lohnen. Wunderbar!

Daher braucht man eigentlich auch gar nicht spezielle Highlights besonders zu erwähnen, das Album wirkt als Ganzes. Aber na gut: „Star Treatment“ setzt perfekt die Atmosphäre, „American Sports“ klingt mehr nach französischem Kultfilm der Arthaus-Ära, der Titelsong orgelt elegant durchs Foyer, das eingängige „Four Out Of Five“ ist am ehesten Singlematerial, das „Batphone“ ist großes Fernsehen und „The Ultracheese“ die Schlussballade mit Handtuch um die Schultern. Wohin diese Band als nächstes abhebt? Wir sind gespannt!

Die depechemode.de-Wertung:
8 / 10

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www.arcticmonkeys.com
www.facebook.com/ArcticMonkeys

Letzte Aktualisierung: 13.6.2018 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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