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Querbeats – Roundup Mai/Juni/Juli 2020

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Heute, morgen und übermorgen gibt es die letzten Rückblicke aufs verdammte, musikalisch aber dann doch gar nicht schlechte Vorjahr. Auf geht’s! In den Monaten fünf bis sieben gab es unter anderem neue Alben von I Break Horses, Julia Marcell, Austra, Booka Shade, Sparks, Sarah P., Thomas Azier, Ellen Allien, Braids, Darkstar, Arya Zappa, Nadine Shah, Polly Scattergood, Sofia Portanet, JARV IS…, Howling, Fontaines D.C. und Rival Consoles.

Mit skandinavischem Electropop – hier: der träumerischen Sorte – bekommt man uns ja immer. Es hat eine Weile gedauert bis zum dritten Album von Maria Lindén und Fredrik Balck. Dafür nehmen sich I Break Horses für den ersten Song auf „Warnings“ gleich mal neun Minuten Zeit. Dann ist man aber auch drin in den Dreampopwelten der Schweden. Langsame, selten mal schnellere Synthieschlieren ziehen sich um das Bewusstsein (und die düsteren Texte schleichen sich dann eher unterbewusst hinzu).


Julia Marcell klingt gleich wie die nächste Nordeuropäerin – was sicher auch auf ihre Stimmlage, irgendwo zwischen Karin Dreijer und Karin Park, zurückzuführen ist. Aber auch auf die schicken und vielseitigen elektronischen Sounds, die ihr fünftes Album „Skull Echo“ prägen, wo man bei vielen Stücken nie weiß, ob sich gleich melancholisches Drama oder druckvolle Beats entfalten. PS: Frau Marcell kommt übrigens aus Polen.


Weiter mit den starken Damen. Unser Album des Monats Mai kam von Austra, die Besprechung zu „Hirudin“ findet ihr hier.


Gefühlt fast unbemerkt haben Booka Shade mit „Dear Future Self“ ihr neuntes Album veröffentlicht. Zu dem man, wie eigentlich immer bei den beiden, sagen kann: souverän abgeliefert. Fluffige Housemusik für den gediegenen Dancefloor. Mit dem einen oder anderen Gastfeature – und immer mit der Extraprise Melodie, die sie von vielen Artverwandten abhebt.


So lange die Sparks Platten veröffentlichen, dürfen auch Depeche Mode weitermachen. Schließlich sind die Gebrüder Mael mittlerweile bereits ein Stück über die 70 hinweg. Doch auch auf „A Steady Drip, Drip, Drip“ zeigt ihr gewitzter Artpop keine Abnutzungserscheinungen. Also freuen wir uns über 14 neue Miniaturepen über Verhältnisse mit Rasenmähern, historisch nervende iPhones oder einfach Toast.


Da ist uns in diesen verrückten Zeiten doch das zweite Album der hoch geschätzten Sarah P. durchgerutscht. War das etwa ihr geheimer Plan? „Plotting Revolutions“ macht man ja auch eher heimlich. Dass dieser Planet die eine oder andere (friedliche) Revolution braucht, ist klar. Mit der Musik von Sarah klingt sie in jedem Falle besser. Der weiterhin zauberhafte Electropop hat dabei als Bonus eine organischere Note bekommen. Wir werden die Künstlerin demnächst mal zum aktuellen Stand der revolutionären Pläne befragen und halten euch auf dem Laufenden.


Das Album des Monats Juni bescherte uns Thomas Azier. Hier könnt ihr die Besprechung zu „Love, Disorderly“ lesen.


Die Berliner Technoinstitution Ellen Allien veröffentlicht neben ihrer Tätigkeit als DJ und Labelbetreiberin ja regelmäßig – und zuletzt auch in fleißig kurzen Abständen – neue Alben. „AurAA“ ist mit seinem im Gegensatz zu manch introspektiverer Platte wieder BPM-lastigeren Aufbau wie geschaffen für die Clubs. Nur doof, dass man da derzeit nicht reinkommt.


Die Musik der Braids bleibt auch auf „Shadow Offering“, ihrem vierten Album, hochinteressant. Während Raphaelle Standell-Preston mit ihrer gelegentlich an Kate Bush erinnernden Stimme ihre Gedanken sowohl zu Zwischenmenschlichem als auch Weltpolitischem ausdrückt, bringen die Kanadier ihre Indiewurzeln mit einem verstärkt elektronischen Ansatz zusammen und lassen ihre Songs gerne mal überraschende Umwege nehmen.


Fast hätten wir Darkstar ein bisschen aus den Augen verloren. Nach zwei feinen Alben Anfang des letzten Jahrzehnts ging das dritte hier etwas unter. Nun folgt „Civic Jams“, und Aiden Whalley und James Young finden immer wieder neue Ansätze, indem sie ihre vielschichtige Elektronik in verschiedenste Richtungen entwickeln und das Talent zeigen, hypnotische Sounds und Songs zu kreieren.


Arya Zappa hat eine der markantesten neuen Stimmen derzeit. Mysteriös (darum ist es auch geschickt, die Person hinter der Kunstfigur ähnlich im Schatten zu halten) und ausdrucksstark, mit einer Spur Grace Jones, so etwas hat man ja nicht oft. Das Debüt „Dark Windows“ bewegt sich gekonnt im Bereich von New Wave, Synthiepop und Goth. Von dieser Künstlerin hören wir hoffentlich noch mehr.


Nadine Shah kennen die DM-Fans sicher noch als Tour-Support. Ihr viertes Album „Kitchen Sink“ wurde wieder von Ben Hillier (auch bekannt auf diesen Seiten) produziert und ist ein starker Stilmix. Inhaltlich gewohnt politisch (dieses Mal weniger Krieg, mehr Persönliches), mit satten Sounds und Grooves, Elektronik, Bläser und vielen weiteren Instrumenten, Einflüssen aus verschiedenen Teilen der Welt – alles vorgetragen von dieser wirklich coolen Stimme.


Nach dem großartigen „Arrows“ (2013), einer Platte mit ihrem anderen Projekt On Dead Waves (mit Maps) und einem Projekt namens Nachwuchs hat Polly Scattergood nun endlich mit „In This Moment“ eine neue Sammlung zerbrechlicher (Electro-)Popsongs aufgenommen. Die Stimmung ist hier nun entspannter, heller. Vielleicht etwas stärker pianobasiert und manchmal nicht so zwingend wie früher, aber immer noch hörenswert.


Diese Entdeckung können sich ruhig die Kollegen beim besten Radiosender der Welt – radioeins – auf die Fahnen schreiben. Was die Berliner Deutsch-Spanierin Sofia Portanet auf ihrem Debüt „Freier Geist“ alles an Assoziationen auslöst – New Wave, NDW, DAF, Ideal, Nina Hagen und vieles mehr, multilingual (Achtung! Singles und Albumtracks werden gerne mal in unterschiedlichen Sprachfassungen veröffentlicht.) und mitreißend umgesetzt.


Alles zu unserem Album des Monats Juli, zu Jarvis Cockers neuem Alter Ego JARV IS… und „Beyond The Pale“ steht hier.


Ry „X“ Cuming und Frank „Âme“ Wiedemann haben sich ein zweites Mal als Howling zusammengetan. Der Sound ist auf „Colure“ weniger minimalistisch, nein, hier werden die Sounds häufiger mal satt angereichert und zu euphorischen Peaks getrieben. Aber wenn Moderat mittlerweile Arenen bespielen, orientieren sich eben auch Artverwandte ins Größere. Mit 68 Minuten als Album vielleicht etwas zu lang geraten, funktioniert das ansonsten meist sehr gut.


Diese Jungs aus Dublin haben schon einiges hinter sich. Ein sehr erfolgreiches Debüt, den folgenden Tourwahnsinn mit seinen Begleiterscheinungen. Das floss in den Nachfolger „A Hero’s Death“ ein, auf dem Fontaines D.C. eine enorme Weiterentwicklung zeigen. Der Post-Punk-Sound ist vielschichtiger geworden, die Songs haben mehr Tiefe. Nicht die Hits sind das Ziel (die haben sie trotzdem), sondern die Nachhaltigkeit der Songs.


Articulation“, das jüngste Werk von Ryan Lee West aka Rival Consoles, ist ein Genuss unter Kopfhörern. Man kann zwar nicht hören, wie der Künstler seine Musik (u. a. nach Vorbildern wie György Ligeti) zunächst tatsächlich auf dem Papier entwarf, aber man kann es an den detaillierten Verläufen der leider nur sechs Instrumentaltracks erahnen.


Sofia Portanet – Freier Geist“ oder andere dieser Alben bestellen: Amazon

Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.