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Zwischen Literatur, Gedankenfreiheit und Kino

Mylène Farmer – Wenn Worte ihre Seele verlieren

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Mylène Farmer spricht selten direkt über Politik. Depeche Mode tun es ebenfalls nicht. Und doch lassen beide Künstler seit Jahrzehnten erkennen, dass sie Entwicklungen in der Welt und der Gesellschaft keineswegs gleichgültig gegenüberstehen. Mit „Des lols et des quoi“ beschäftigt sich Mylène Farmer nun mit der Sprache, der Freiheit des Denkens und einer Welt, in der Bücher offenbar zu gefährlichen Objekten geworden sind.

Schon als Kind habe ich gerne gelesen. Mich faszinierte die Welt der Bücher, die Magie der Worte und dieser besondere Moment, in dem ein paar geschriebene Zeilen im Kopf plötzlich zu Bildern werden. Zu Geschichten. Zu ganzen Welten.

Während andere Fußball spielten, saß ich nicht selten in der Bibliothek, hörte Platten und las. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass ich mit einem Vater aufgewachsen bin, der sich leidenschaftlich für Sprache interessierte und dessen private Bibliothek in unserer Stadt weithin bekannt war.

Als sich später mein Musikgeschmack herausbildete, wurden für mich Songtexte mindestens genauso wichtig wie die Musik selbst. Vielleicht erklärt das auch, warum mich Mylène Farmer seit fast dreißig Jahren fasziniert.

Bei ihr waren Worte schließlich nie bloß Zeilen, die zu einer Melodie passen mussten. Sprache, Literatur, Mehrdeutigkeit, Anspielungen und Klang gehören seit Beginn ihrer Karriere zu jenem besonderen Universum, das sie geschaffen hat.

Und jetzt, fast vier Jahrzehnte nach „Libertine“, schlägt Mylène Farmer ein weiteres Kapitel auf.

Ein neues Album. Neue musikalische Partner. Neue Regisseure. Und ein außergewöhnliches Filmprojekt.

Doch im Zentrum steht diesmal wieder etwas, das bei Mylène Farmer eigentlich immer wichtig war: das Wort.

Wo sind die Worte geblieben?

„Des lols et des quoi“ ist die neue Single aus Mylène Farmers kommendem Album „Égrégore“.

Schon der Titel ist ein Wortspiel und zugleich eine kleine Provokation. Er verweist auf eine Welt, in der Kommunikation immer kürzer wird, in der Reaktionen aus ein paar Buchstaben, Abkürzungen oder Emojis bestehen – und in der die Schönheit und Vielfalt der Sprache manchmal auf der Strecke bleiben.

Eine zentrale Frage des Songs lautet auf Deutsch:

„Sag mir,
wo sind die Worte geblieben?
Sie haben ihre Seele verloren
und ihre Waffen niedergelegt …
„

Der Refrain formuliert die Sorge noch deutlicher – auf Deutsch etwa:

„Lols und dies und das
Die Sprache auf ihrem Tiefpunkt
Lols ohne Literatur
Und Ronsard ist müde, übersättigt
Lols und dies und das
Lauter sinnloses Gerede
Die Sprache auf ihrem Tiefpunkt
Und Ronsard ist müde …
„

Sinngemäß geht es um eine Sprache auf einem Tiefpunkt, um „Lols“, Beliebigkeit und Kommunikation ohne Literatur. Und um Pierre de Ronsard, einen der bedeutendsten französischen Dichter, der offenbar müde beobachtet, was aus der Sprache geworden ist.

Natürlich lässt sich das Wortspiel kaum eins zu eins übersetzen. Gerade das Zusammenspiel von lol, quoi und n’importe quoi funktioniert im Französischen auf eine ganz eigene Weise.

Die grundsätzliche Frage ist jedoch verständlich.
Was passiert mit uns, wenn Worte irgendwann ihre Bedeutung verlieren?

Sprache ist schließlich nicht nur ein Mittel zur Kommunikation.
Sie ist Kultur. Erinnerung. Nuance. Literatur. Und natürlich auch Denken.

Mylène Farmers Liebe zur französischen Sprache und Literatur ist bekannt. Ihre Texte waren immer wieder voller Anspielungen, Wortspiele und doppelter Bedeutungen – Zeilen, die beim ersten Hören vielleicht einfach nur schön klingen und beim zweiten Mal plötzlich eine ganz andere Dimension bekommen.

Nicht umsonst hieß ihre erste große Best-of-Sammlung aus dem Jahr 2001 „Les Mots“.

Mit „Des lols et des quoi“ stellt Mylène Farmer nun vielleicht eine andere, aber nicht weniger wichtige Frage:
Was bleibt, wenn wir irgendwann nicht mehr wirklich auf Worte achten?

Der Clip wurde Anfang Juli in der BNF Richelieu in Paris gedreht und von Thierry und Didier Poiraud inszeniert. Seine Ausgangslage ist ebenso deutlich wie beunruhigend: In einer totalitären Welt wurden Worte ihrer Bedeutung beraubt – und Bibliotheken zu ihren Gefängnissen.

Gedankenfreiheit: Eine Verbindung zu Depeche Mode

Gerade für die Leser von depechemode.de drängt sich hier ein interessanter Vergleich auf.

Weder Depeche Mode noch Mylène Farmer haben ihre Kunst jemals als direkte politische Plattform verstanden.
Beide haben sich nie als politische Kommentatoren in den Vordergrund gestellt. Und beide überlassen ihrem Publikum bewusst Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Trotzdem haben Depeche Mode und Mylène Farmer nie verborgen, dass sie Entwicklungen in der Welt und der Gesellschaft keineswegs gleichgültig gegenüberstehen. Sie formulieren ihre Haltung allerdings nicht als politische Parolen. Sie schreiben keine Gebrauchsanweisungen dafür, was man denken soll.

Stattdessen erzählen sie von Zweifeln. Von Ängsten. Von Kontrollverlust. Von gesellschaftlichen Entwicklungen. Und von der Frage, was mit dem Menschen passiert, wenn seine Freiheit eingeschränkt wird.

Gerade darin liegt für mich eine der interessantesten Gemeinsamkeiten zwischen Depeche Mode und Mylène Farmer.

Wenn es um menschliche Freiheit, freie Meinungsäußerung oder die Freiheit des Denkens geht, finden diese Themen in ihrer Kunst immer wieder ihren Platz. Auch auf Depeche Modes bislang letztem Album „Memento Mori“ schimmert die Sorge über den Zustand unserer Welt immer wieder durch.

„My Cosmos Is Mine“.
„People Are Good“.

Songs, die gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen, ohne einfache Antworten zu liefern. Ohne mit erhobenem Zeigefinger zu erklären, wie man die Welt zu sehen hat.

Auch Mylène Farmer lassen bestimmte Fragen offensichtlich nicht los. Natürlich kennt man sie vor allem für persönliche, emotionale, geheimnisvolle oder erotische Texte. Doch immer wieder hat sie auch gesellschaftliche Entwicklungen thematisiert.
Man denke an „Désenchantée“, „Dégénération“, „Désobéissance“, „Réveiller le monde“ oder „Tu ne le dis pas“.

Auf ihrem 2022 erschienenen Studioalbum „L’Emprise“ beschäftigte sie sich mit Manipulation und Einflussnahme. Dabei machte sie deutlich, dass dieses Thema weit über persönliche Beziehungen hinausgeht: Es gehe um alle Bereiche, in denen freier Wille und freies Denken untergraben würden. Diese Gedanken lassen sich auch mit den neuen Songs in Verbindung bringen.

Vor diesem Hintergrund entsteht auch eine Verbindung zwischen „C’est à qui le tour“ und „Des lols et des quoi“. Der erste Song beschäftigte sich mit Freiheit und Zensur. Der zweite mit Sprache und ihrer möglichen Verarmung.
Beides könnte enger zusammenhängen, als es zunächst scheint. Denn wenn Worte ihren Inhalt verlieren, können auch Gedanken ärmer werden.
Und wenn Bücher plötzlich gefährlich werden, könnten irgendwann auch diejenigen gefährlich werden, die lesen und denken wollen.

Genau hier beginnt die Geschichte des neuen Videos.

Mylène Farmer greift wieder zur Waffe

In Mylène Farmers Karriere waren Musikvideos fast nie bloßes Promo-Material.
Seit „Libertine“ – der inzwischen 40 Jahre alten Karriere-Single, mit der vieles begann – werden ihre Videos regelmäßig zu Ereignissen.

Wie ich erst vor wenigen Monaten hier auf depechemode.de in meinem Artikel „Mylène Farmer blickt in den Spiegel ihrer Vergangenheit“ geschrieben habe, führte „C’est à qui le tour“ Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise zusammen. Mylène blickte zurück. Sie begegnete ihrer eigenen Geschichte. Und der jungen Frau aus „Libertine“.

„Des lols et des quoi“ dagegen richtet den Blick stärker auf die Gegenwart. Vielleicht auch auf die Zukunft.
Und auf eine Welt, in der Bücher, Sprache und freies Denken gefährdet sein könnten.

Mylène Farmer wird wieder aktiv.

Nur diesmal nicht in einem Arbeitslager. Sondern in einer Bibliothek.

Ein Buch muss gerettet werden

Eine Schlüsselrolle spielt im neuen Video ein Buch, das unter Glas aufbewahrt wird und das Mylène an sich bringt. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um Pierre de Ronsards „Les Amours“ handelt. Das wäre natürlich ein schönes Spiel mit dem Text des Songs. Ronsards Name erscheint in den Lyrics.
Und nun offenbar auch im Bild.

Literatur ist hier also nicht nur ein Zitat. Sie wird zu etwas, das buchstäblich gerettet werden muss. Das Buch wird zum Symbol. Für Sprache. Für Literatur. Für Erinnerung.
Und für freies Denken.

Unter den Darstellern befindet sich auch Mylènes Nichte Lisa Gautier, die Fans unter anderem aus früheren Projekten kennen.

Bücher, Diktaturen und filmische Anspielungen

Die Welt des Videos erinnert an dystopische Szenarien, in denen Worte ihre Bedeutung verlieren und Bücher zu gefährlichen Objekten werden können.

Schnell denkt man dabei an George Orwells „1984“. An Ray Bradburys „Fahrenheit 451“. An kontrolliertes Denken. An eine umgeschriebene Vergangenheit. An gefährliche Bücher. Und verbotenes Wissen.

Auch andere filmische Assoziationen liegen nahe. Die Inszenierung des Überfalls könnte Erinnerungen an „La casa de papel“ oder Spike Lees „Inside Man“ wecken.

Innerhalb von Mylène Farmers eigener Geschichte gibt es ebenfalls interessante Parallelen.
2009 schuf Bruno Aveillan mit „The Farmer Project“ eine düstere, fast totalitäre Welt. „Dégénération“ und „Si j’avais au moins…“ wurden darin durch eine filmische Science-Fiction-Geschichte miteinander verbunden.

Schon damals ging es um mehr als nur einzelne Videos. Um eine größere Welt. Eine Geschichte, die mehrere Songs miteinander verband.

Heute scheint dieser Gedanke eine neue Dimension zu erreichen. Denn diesmal geht es nicht um einen Clip. Sondern um ein ganzes Album.

Égrégore: Wenn ein Album zum Kino wird

Mit „Égrégore, l’avant-première“ soll das kommende Album am 27. Oktober im Rahmen eines einmaligen Kinoevents präsentiert werden. Dabei handelt es sich weder um einen klassischen Konzertfilm noch um eine gewöhnliche Sammlung von Musikvideos.
Vielmehr soll das komplette Album in Bildern erlebbar werden – ausdrücklich für die große Leinwand und als besonderes audiovisuelles Erlebnis konzipiert.
„Égrégore“ selbst soll anschließend am 30. Oktober erscheinen.

An dem Projekt arbeiten mehrere renommierte Filmschaffende: Julia Ducournau, Antonin Baudry, Thierry und Didier Poiraud, Gilles Lellouche und François Hanss.
Letzterer dürfte Mylène-Farmer-Fans besonders vertraut sein. François Hanss arbeitet seit vielen Jahren mit Mylène Farmer und Laurent Boutonnat zusammen und hat auch dieses außergewöhnliche Projekt zusammengestellt.
Ergänzt wird das Ganze durch Arbeiten digitaler Künstler.

Mehrere Regisseure. Mehrere Perspektiven. Ein gemeinsames Universum.

Alte Bekannte und neue filmische Partner

Julia Ducournau hat mit „C’est à qui le tour“ bereits ihren Beitrag zu Mylène Farmers neuer Ära geleistet.
Thierry und Didier Poiraud führen nun bei „Des lols et des quoi“ Regie.
Und die Dreharbeiten gehen offenbar weiter.

Antonin Baudry gehört ebenfalls zu den Filmemachern, die an „Égrégore“ beteiligt sind.

Welcher Song gehört zu welchen Bildern? Wie hängen die einzelnen Geschichten zusammen? Entsteht daraus eine gemeinsame Erzählung? Oder sehen wir verschiedene Kapitel eines größeren Universums?

Noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Vielleicht macht gerade das diese Zeit so spannend.

Désenchantée, Revolution und eine Bibliothek

„Désenchantée“ feiert in diesem Jahr seinen 35. Geburtstag.

Und für einen ungarischen Mylène-Farmer-Fan hat dieses Video natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Denn es wurde in Ungarn gedreht. Mit zahlreichen Kindern als Statisten. Und mit Bildern, die längst Kultstatus besitzen.

In der trostlosen Welt eines Arbeitslagers erzählte „Désenchantée“ ebenfalls eine Geschichte von Widerstand. Von Freiheit. Von Unterdrückung. Von Revolution. Und von Flucht.

35 Jahre später greift Mylène Farmer erneut zur Waffe. Aber diesmal nicht in einem Arbeitslager. Sondern in einer Bibliothek.

Und vielleicht ist auch das kein Zufall. Denn der Kampf für Freiheit sieht nicht immer gleich aus.
Manchmal muss man Mauern einreißen. Und manchmal muss man einfach nur ein Buch retten. Oder ein Wort. Oder das Recht, frei zu denken.

Interessant ist auch die Verbindung zu Pierre de Ronsard. Der Dichter, dessen Name im Song und offenbar auch im Video eine wichtige Rolle spielt, wurde am 11. September geboren – genau an dem Tag, an dem auch „Des lols et des quoi“ erschien. Bei Mylène Farmer sind solche Details selten völlig bedeutungslos.

Die Magie von Wort, Bild und Kino

Vielleicht berührt mich „Des lols et des quoi“ gerade deshalb so sehr. Weil der Song, obwohl er moderne elektronische Popmusik ist, im Kern von sehr alten Dingen erzählt. Von Sprache. Von Literatur. Vom Denken. Von Büchern. Und von dem Moment, in dem Worte zu Bildern werden.

Genau wie damals, als ich als Kind in einer Bibliothek saß. Oder Platten hörte. Vielleicht konnte ich Mylène Farmer deshalb auch nie einfach nur als Hintergrundmusik hören.

Bei ihr war für mich immer wichtig, was sie sagt. Und mindestens genauso wichtig, wie sie es sagt.

Jetzt, auf dem Weg zu „Égrégore“, setzt sie sich erneut mit der Macht der Worte auseinander – und erzählt gleichzeitig mit den Mitteln des Kinos.
Bei Mylène Farmer werden Worte zu Bildern. Bilder zu Geschichten. Und Geschichten wieder zu Musik.

Und nach fast vierzig Jahren dreht sich dieser Kreislauf immer noch weiter. Mit „C’est à qui le tour“ blickte Mylène Farmer zurück. Mit „Des lols et des quoi“ blickt sie nach vorne.

In eine Welt, in der wir vielleicht immer mehr Grund haben werden, Worte zu schützen.

Bücher. Gedanken. Und die Freiheit, Fragen zu stellen. Zu denken. Und Dinge auszusprechen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Mylène Farmer auch mit 65 Jahren immer noch Neues zeigen kann.
Sie arbeitet mit neuen Songwritern. Sie öffnet ihr Universum für neue Regisseure. Sie experimentiert mit neuen Bildern und Geschichten.
Und dennoch hat sie nichts von dem verloren, was sie seit Jahrzehnten so besonders macht.
Ihre Neugier. Ihre Fantasie. Ihre Liebe zu Worten. Und ihre Liebe zum Kino.

Und vielleicht ist genau das der wahre Égrégore: Wenn Musik, Worte, Bilder, Erinnerungen und gemeinsame Vorstellungskraft plötzlich zu einer eigenen Welt werden.

Und wir betreten diese Welt – fast vierzig Jahre nach „Libertine“ – immer noch neugierig.

1 Kommentar

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  1. Eine schillernde Persönlichkeit – wirkt ein wenig wie die französische „Helene Fischer“ aber ist doch so viel edgier und künstlerischer aus der französischen Chanson/Liedermacher-Kultur… Ich finde die Leibesübungen die sie auf der Bühne ausführt manchmal zu Aerobik-artig, aber die Songs haben teilweise schon wass, dass wesentlich tiefer geht als „Atemlos durch die Nacht“.
    Jedenfalls ein besonderer Punkt im internationalen Sternchen-Markt. Würde Mylene gerne wesentlich lieber live sehen als Taylor Swift.

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