Die neue Single „C’est à qui le tour“ markiert den Auftakt zu Mylène Farmers 13. Studioalbum. Noch mehr Aufmerksamkeit als der Song selbst erhält jedoch der aufwendig produzierte Videoclip von Julia Ducournau.
Das fünfminütige Werk greift zentrale Motive aus vier Jahrzehnten Farmer-Geschichte auf und zeigt eine Künstlerin, die ihrer Vergangenheit begegnet, ohne in Nostalgie zu verharren.
Wenn Mylène Farmer einen neuen Videoclip veröffentlicht, handelt es sich in Frankreich noch immer um ein kulturelles Ereignis. Das gilt auch für „C’est à qui le tour“, die erste Single aus ihrem für den Herbst angekündigten 13. Studioalbum. Der Song erschien bereits Ende Mai, doch erst mit dem von Julia Ducournau inszenierten Clip entfaltet das Werk seine volle Wirkung.
Die Zusammenarbeit der beiden Künstlerinnen wurde seit Wochen mit Spannung erwartet. Ducournau gewann 2021 für ihren Film „Titane“ die Goldene Palme in Cannes – ausgerechnet in jenem Jahr, als Mylène Farmer Mitglied der Jury unter Vorsitz von Spike Lee war. Nun treffen zwei kreative Universen aufeinander, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten und sich dennoch erstaunlich gut ergänzen. Der fünf Minuten und einundvierzig Sekunden lange Clip ist deutlich mehr als ein klassisches Musikvideo. Tatsächlich erinnert er eher an einen Kurzfilm, der den eigentlichen Song weit über dessen Laufzeit hinaus erweitert. Solche cineastischen Ambitionen gehören seit den achtziger Jahren zu den Markenzeichen von Mylène Farmer. Von Luc Besson über Abel Ferrara bis hin zu Olivier Dahan oder Mélanie Laurent arbeitete sie immer wieder mit Filmschaffenden zusammen, die ihren Songs zusätzliche visuelle Bedeutungsebenen verliehen.
Auch „C’est à qui le tour“ funktioniert auf mehreren Ebenen gleichzeitig.
Der Clip zeigt Farmer in einem düsteren Tunnel, in dem Menschen zu Boden stürzen, Gesichter verschwimmen und Körper ihre Konturen verlieren. Später gelangt sie in einen clubartigen Raum voller Bewegung, Berührungen und Begegnungen. Besonders bemerkenswert ist dabei eine Szene vor einem Spiegel: Dort begegnet die heutige Mylène ihrem jüngeren Ich aus dem legendären „Libertine“-Clip. (Da der legendäre „Libertine“-Clip aufgrund einzelner freizügiger Szenen auf vielen Plattformen nur eingeschränkt eingebunden werden kann, empfiehlt sich ein Blick auf den offiziellen YouTube-Kanal von Mylène Farmer, wo das Video weiterhin verfügbar ist.)
Genau dieser Moment bildet das emotionale Zentrum des Films.
Es handelt sich nicht um reine Nostalgie. Vielmehr entsteht der Eindruck eines Dialogs zwischen zwei Versionen derselben Künstlerin – zwischen der rebellischen jungen Frau der achtziger Jahre und einer Ikone, die vier Jahrzehnte später noch immer ihren eigenen Weg geht.
Dass ausgerechnet die Figur aus „Libertine“ zurückkehrt, dürfte kein Zufall sein. Der Song feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum und wurde jüngst in einer speziellen Vinyl-Edition neu aufgelegt. Die rote Haarfarbe, die später zu Farmers Markenzeichen werden sollte, wurde durch diesen Clip überhaupt erst ikonisch.
Der neue Film wirkt daher wie eine Verbeugung vor der eigenen Geschichte, ohne sich in ihr zu verlieren.
Gleichzeitig bleibt der Clip typisch Farmer: Er liefert keine eindeutigen Antworten. Verschwommene Münder, gesichtslose Figuren und wiederkehrende Motive von Fall und Wiederaufstehen lassen sich als Reflexion über Zensur, gesellschaftlichen Druck oder persönliche Freiheit lesen. Andere Zuschauer werden darin eine Auseinandersetzung mit Identität, Vergänglichkeit oder künstlerischer Selbstbehauptung erkennen.
Wie so oft in Farmers Werk bleibt Raum für Interpretationen.
Interessant ist auch die musikalische Seite des Comebacks. „C’est à qui le tour“ entstand gemeinsam mit DJ Lewis, einem Vertreter der jüngeren französischen Elektronikszene. Die Zusammenarbeit überrascht auf den ersten Blick, passt aber zu einer Künstlerin, die sich nie davor gescheut hat, neue kreative Partner in ihre Welt einzuladen.
Vielleicht erklärt genau diese Offenheit auch die erstaunliche Langlebigkeit ihrer Karriere.Auch die Maxi-Single unterstreicht den Brückenschlag zwischen Generationen und musikalischen Welten. Sie enthält vier Remixe, die von einigen der aktuell spannendsten Namen der internationalen Elektronikszene beigesteuert wurden: Ofenbach, MYD, das US-Produzentenduo Take A Daytrip sowie DJ Lewis selbst liefern jeweils ihre eigene Interpretation des Songs.
Und vielleicht erklärt sie ebenfalls eine Verbindung, die Leser von depechemode.de interessieren dürfte: Mylène Farmer hat ihre Bewunderung für Depeche Mode nie verborgen. Bereits in Interviews der achtziger Jahre bezeichnete sie die Band als einen ihrer musikalischen Bezugspunkte. Später nannte sie Depeche Mode neben Künstlern wie David Bowie oder Sigur Rós als Beispiele für Künstler, die eine unverwechselbare eigene Welt erschaffen haben.
Wer „C’est à qui le tour“ sieht, versteht sofort, was sie damit meint.
Denn auch Mylène Farmer gehört zu jener seltenen Kategorie von Künstlern, die nicht einfach Songs veröffentlichen, sondern über Jahrzehnte hinweg ein eigenes Universum erschaffen.
Der neue Clip beweist eindrucksvoll, dass dieses Universum noch lange nicht abgeschlossen ist.
Auch die Maxi-Single unterstreicht den Brückenschlag zwischen Generationen und musikalischen Welten. Sie enthält vier Remixe, die von einigen der aktuell spannendsten Namen der internationalen Elektronikszene beigesteuert wurden: Ofenbach, MYD, das US-Produzentenduo Take A Daytrip sowie DJ Lewis selbst liefern jeweils ihre eigene Interpretation des Songs.
Die Maxi ist am 19. Juni sowohl digital als auch in physischen Formaten auf CD und Vinyl erschienen.
Update
Inzwischen hat Mylène Farmer weitere Details zu ihrem kommenden Studioalbum bekannt gegeben.
Das Album trägt den Titel „Égrégore“ und erscheint am 30. Oktober. Für das Cover zeichnet erneut der renommierte Fotograf Jean-Baptiste Mondino verantwortlich, der bereits die Bildsprache von Désobéissance (2018) sowie der Best-of-Compilation Histoires de (2020) maßgeblich geprägt hat.
Auch der Albumtitel dürfte bewusst gewählt sein. Bereits in einem Interview mit der Schriftstellerin Tatiana de Rosnay für Le Parisien vom 14. September 2025 bezeichnete Farmer „Égrégore“ als ihr Lieblingswort:
„J’aime la notion vibratoire de la communion.“
(„Ich liebe diesen schwingenden Gedanken einer Gemeinschaft.“)
De Rosnay erläuterte den Begriff als einen vor allem in der Esoterik verwendeten Ausdruck für einen kollektiven Geist – eine gemeinsame Bewusstseinsform, die aus den Gedanken, Emotionen und dem gemeinsamen Willen einer Gruppe entsteht.
Bereits in einem früheren Interview mit dem Journal du Dimanche (20. November 2022) hatte Farmer den Begriff verwendet. Auf die Frage nach der Bedeutung des Gebets in ihrem Leben antwortete sie:
„Diese Frage ist sehr persönlich. Ich kann jedoch sagen, dass ich oft an Padre Pio denke, die Biografien der heiligen Teresa von Ávila und der heiligen Thérèse von Lisieux lese. Ich liebe es, Kirchen zu betreten – ob klein oder groß -, weil sie für mich Orte des Friedens sind. Der Duft von Weihrauch ist göttlich. Wir wissen, dass der Mensch oft der größte Feind des Menschen ist. Trotzdem glaube ich an die Güte, an die Kraft des Geistes – und auch an Égrégore.“
Vor diesem Hintergrund erhält der Titel des neuen Albums eine zusätzliche Bedeutung. Nach dem introspektiven Charakter der ersten Single „C’est à qui le tour“ könnte „Égrégore“ weit mehr sein als nur ein Albumtitel. Vielmehr scheint er das konzeptionelle Leitmotiv eines Werkes zu sein, das sich mit Gemeinschaft, Spiritualität, Erinnerung und der Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart beschäftigt.
Und jetzt das Edit:
Zweimal wiederholt vor
den abschließenden „Wer ist dran?“s wird ;o)
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(…)
Wer ist dran?
Das Dunkle ablehnen
„Exzessiver Druck auf mich ausgeübt und ich werde erdrückt“
Was für ein trauriges Sprichwort
Und die Welt ist taub
Die Uniform ist dunkel
Atme noch, wo?
Jedoch, was für ein Schiffbruch
Wer ist dran?
Das Dunkle ablehnen
„Exzessiver Druck auf mich ausgeübt und ich werde erdrückt“
Was für ein trauriges Sprichwort
Und die Welt ist taub
Die Uniform ist dunkel
Atme noch, wo?
Jedoch, was für ein Schiffbruch
Geh-eh-eh, geh-eh-eh-eh
Um die Welt reisen
(…)
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Den Songtext von « C’est à qui le tour » habe ich hier mal übersetzt, per Hand—dürfte im Großen und Ganzen so stimmen—sodaß, wer vielleicht interessiert ist, sich noch zusätzlich ein Bild machen kann.
…Denn den Song -einfach als solchen- finde ich wirklich gut alltagstauglich!
Und eben über die Lyrics öffnet sich dann am ehesten eine Tür zum cineastischen Videoclip. Jedenfalls ging mir das so: Beides ergänzt sich auf bemerkenswerte Weise.
Gelungen, m.M. n.
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„Wer ist an der Reihe“
Dort, der Sex ist tot, der Sex hat Unrecht
Sexy liegt brach
Das macht euch verrückt
Warum nichts mehr sagen, nichts mehr schreiben?
Angst vor allem
Also, wo bewegen wir uns hin?
Du -u-u-u, ich -chich-chich-
Keine Terminvereinbarungen mehr
Du -u-u-u, ich -chich-chich-
Um die Welt reisen
Wer ist dran?
Das Dunkle ablehnen
„Exzessiver Druck auf mich ausgeübt und ich werde erdrückt“
Was für ein trauriges Sprichwort
Und die Welt ist taub
Die Uniform ist dunkel
Atme noch, wo?
Jedoch, was für ein Schiffbruch
Wie, der Text ist tot, Kontext, Anstrengung
Das Wasser, das brach liegt
Ich werfe hin, alles ist mir egal
Dort, Maulkorb, das Innere der Leere
Wir sind in Schieflage
Also suche ich, aber wo?
Geh-eh-eh, geh-eh-eh-eh
Um die Welt reisen
Wer ist dran?
Wer ist dran?
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