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Über sein Depeche-Mode-Buch, Schülerbands und das Kreuz mit den Listen

Markus Kavka im Interview: „Ich bin generell nicht so ein Retrotyp.“

Er ist eine Legende des Musikfernsehens. Er ist aber auch riesiger Depeche-Mode-Fan. Und er hat ein Buch über dieses Fansein geschrieben. Also haben wir uns mit ihm über dieses und andere Themen unterhalten. Hallo Markus Kavka!

depechemode.de: Wie geht’s? Wie kommst du so mit der aktuellen Situation zurecht?

Markus Kavka: So wie halt die ganze Zeit. Ich bin vorsichtig und zurückhaltend, bin Team Maske und Team Auf-die Älteren-Aufpassen. Ansonsten bin ich relativ okay durchs Jahr gekommen, weil die meisten meiner Jobs nicht so sehr davon beeinträchtigt waren. Klar ist das komplette DJ-Ding weggefallen, das ist schon ein Einschnitt. Und es fehlt mir auch total, in Clubs vor Leuten zu spielen und die ganzen Leute zu treffen. Da ist schon eine wichtige soziale Komponente abhanden gekommen. Aber ansonsten kann ich meine Radiosendungen zu Hause produzieren, für Deluxe Music konnten wir sogar im Lockdown weitermachen, indem ich einfach auf der Dachterrasse unserer Nachbarn gedreht habe, mit einem Kameramann. Dann habe ich ja ein Buch fertig geschrieben und noch ein paar andere Sachen gemacht.

Muss aber trotzdem nicht ewig so weitergehen, oder?

Nee. Ich merke auch so allmählich, wie bei den ersten Mitmenschen da draußen die Nerven blank liegen. Man weiß halt, das wird den ganzen Winter so gehen. Der Straßenverkehr wird zunehmend aggressiver, in den Supermärkten machen sich die Leute an, überall geht man sich an die Gurgel. Verstehe ich auch, hat ja keiner mehr Bock auf die Scheiße, aber ich hoffe, dass man sich jetzt noch mal ein bisschen zusammenreißt. Vor allen Dingen ist es immer scheiße, gegeneinander zu operieren. In so einer Situation ist ein Miteinander die deutlich bessere Wahl.

Auf jeden Fall. Nun zum Buch. Wie kam es dazu?

Da hat mich KiWi [der Verlag Kiepenheuer & Witsch, Anm. d. Red.] angefragt, ganz offiziell. Ich war sofort angetan von dem Projekt.

Hast du denn vorher etwas von von den anderen Büchlein aus der Reihe, von den Kollegen Tino Hanekamp, Anja Rützel etc. gelesen?

Die Anfrage kam, als noch keines der Bücher veröffentlicht war. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, kann sein, dass es hieß, Thees [Uhlmann, schrieb in der Reihe ein Buch über Die Toten Hosen] ist schon mit dabei. Es gab wohl schon ein paar Zusagen, aber meine war unabhängig davon. Ich fand das Projekt inhaltlich so gut, dass ich gesagt habe, ich bin dabei, ganz egal, wer sonst noch mit dabei ist.

Musstest du tief in der Erinnerung graben, oder war gleich alles wieder da?

Erstmal ist sehr, sehr viel da, aber dann fängt man trotzdem an, nochmal ein bisschen tiefer zu graben. Eigentlich hätte ich mich hinsetzen und innerhalb von ein paar Tagen ein Buch zum Thema schreiben können. Aber das Tolle an so einem Projekt ist, dass man dann von sich aus damit anfängt, genauer zu recherchieren. Ich habe mich mit ein paar Leuten getroffen, wie meinem besten Jugendfreund Karl, mit dem ich damals viele Erlebnisse geteilt habe. Dann habe ich ganz lange mit meiner Frau darüber geredet, wie sie im Osten die Band empfunden hat.

Das hat richtig Spaß gemacht, da so einzutauchen.

Markus Kavka

Ich habe mir auch nochmal sämtliche Interviews angeguckt, die ich mit der Band hatte, sofern die noch als Aufzeichnung verfügbar waren. Das hat totalen Spaß gemacht. Ich habe die Sachen nicht vergessen, das waren ja prägende Erlebnisse, aber sich nochmal dran zu erinnern und das auf einer anderen Ebene zu betrachten – das hat richtig Spaß gemacht, da so einzutauchen.

Meine Frau und ich haben uns auch sehr amüsiert, und in dem Zusammenhang hat sie auch nochmal ihre alten Tagebücher rausgekramt.

Und was steht da so drin?

Zum Beispiel irgendwann 1987: „Ich bin jetzt Depeche-Mode-Fan. Modern Talking sind out.“ Mit zwölf.

Geil! [lacht] Ist doch ein super Schritt und muss einem überhaupt nicht peinlich sein. Da war sie doch früh dran. Und dann direkt zu checken, dass Modern Talking nicht so cool sind – Donnerwetter!

Ich wäre ja gern in der Lage von diesem Paul gewesen [ein Bekannter einer Exfreundin von Markus, dem der junge Kavka DM-Devotionalien in die DDR schickte]. Hast du da Wünsche bekommen oder einfach gesammelt und geschickt?

Teils, teils. Er hatte natürlich schon Wünsche, das waren teilweise auch ganz ausgefuchste Sachen. Ich war z. B. nie so ein großer Buttons-Sammler, aber die waren ja gerade in den 80ern mega angesagt, auch im Westen. Da hat er angefragt, ob ich ihm mal so einen Schwung Buttons besorgen kann. Ich habe ihm so ungefähr 20 Depeche-Mode-Buttons besorgt, die waren ein Riesending. Die konnte er auch super gegen vermeintlich wertvollere Sachen tauschen. Ich wusste dann oft gar nicht, behält er die Sachen, oder ist das eine – mir als Wessi nicht so geläufige – Währung. Wahrscheinlich hatte man dann so einen Grundstock an Fanzeug und hat dann mit den anderen Leuten im Fanclub getauscht.

Ja, ich kann mich noch erinnern, dass die Poster aus Bravo, Popcorn oder Pop/Rocky quasi einen festen Währungssatz hatten. Eine Seite fünf Mark. Oder eben und hauptsächlich als Tauschobjekt.

Ja, so hat er mir das auch erzählt. Ich war nie so der Postertyp. Ich hatte ein Poster [von Depeche Mode] bei mir im Zimmer hängen. Das musste da natürlich hängen, weil da von jeder meiner Lieblingsbands ein Poster hing. Das von Depeche Mode dann an sehr exponierter Stelle, also genau hinterm Bett und als größtes von allen. Aber alle anderen Poster – als „People Are People“ ein Nummer-1-Hit war, kam ja gefühlt jede Woche ein Poster oder eine Story von Depeche Mode – habe ich dann immer verschickt.

Gibt’s eigentlich noch Material von deiner eigenen Band „Master and Servant“?

Da gab’s nie wirklich Material. Wir hatten kein Aufnahmegerät, wir haben keine unserer „Produktionen“ jemals aufgenommen. Und damals, so 1984-85 – Social Media gab’s da sowieso noch nicht, und auch keine Leute, die das mitgefilmt hätten. Da bin ich, ehrlich gesagt, auch ganz froh drüber. Das war wirklich so ein klassisches Schülerband-Ding. Man musste eine Band haben, vor allem, wenn man so krass Fan einer Band war. Wo man dann auch unbedingt so ähnliche Musik machen und so aussehen wollte. Das ist natürlich die Ausgeburt von Peinlichkeit, vor allen Dingen in der Rückschau. Damals hielten wir das für cooler als es war. Bis wir dann bei diesem Schulfest auf Normalmaß zurückgestutzt wurden [lacht]. Wir hatten ja auch keinen Proberaum. Da, wo die Eltern gerade nicht zu Hause waren, haben wir so ein bisschen herumgeklimpert, konnten nicht richtig laut machen, hatten keine vernünftigen Verstärker und auch nur rudimentäre Hardware. Wenn wir aber so herumgeklimpert haben, klang alles geil. Jeder Ton, der aus so einem Synthesizer kam, klang halt irgendwie so ähnlich wie der von den großen Vorbildern. Beim ersten Hinhören.

Das Wichtigste war auch, dass unsere Moves an den Synthies genauso aussehen wie die von den Jungs.

Markus Kavka

Wenn man sich dann mit der Komposition auseinander gesetzt hat – die Coverversionen, die wir da gemacht haben, das war ganz, ganz rudimentär. Unser Drummachine-Programming, bis wir da überhaupt einen durchlaufenden Rhythmus hinbekommen haben … Das war dann wirklich so: Bumm-tschack, bumm-bumm-tschack. Mehr kam halt einfach nicht raus. Aber es klang, wenn man es ein bisschen lauter gemacht hat, im Kinderzimmer geil. Das war entscheidend. Und das Wichtigste war auch, dass unsere Moves an den Synthies genauso aussehen wie die von den Jungs. Bevor wir überhaupt einen vernünftig klingenden Song hatten, standen schon die Klamotten und die Moves fest [lacht]. Wenn man heute sieht, wie Leute anfangen mit Musik und erstmal darauf achten, dass der Insta-Account richtig läuft, bevor sie sich ans erste Demo machen. Selbst wir wollten damals nicht Influencer sein, aber man muss schon zugeben, dass uns das optische Erscheinungsbild zunächst wichtiger war als das, was aus den Gerätschaften kam.

Das heißt also, der Songklassiker „We Are Lost“ ist lost?

[lacht] Ja, der ist leider lost. Ich wüsste nicht mal mehr wirklich Melodie oder Text. Da konnte ich auch noch gar nicht richtig Englisch, der Text war unter aller Kanone. Die Melodie war sicher irgendeine Coverversion von Depeche Mode, die leicht abgewandelt war.

Was hältst du denn von aktuellen Coverbands? Hast du da mal etwas mitbekommen?

Ja, ich sehe das schon immer so mit einem Auge, aber ich war nie so der Typ, der auf Konzerte von Coverbands geht. Ich war mal auf einer Aftershowparty, wo so eine Coverband aufgetreten ist (frag mich nicht, welche). Die machen das bestimmt alle gut, aber das ist eben nicht mein Ding. Ich war auch so gut wie noch nie auf so einer Depeche-Mode-Party. Das war immer meine private Leidenschaft. Ich war auch nie in einem Fanclub, ich war auch noch nie bei ’nem Abitreffen oder anderen Retroveranstaltungen. Und ich gehe auch nie zu Konzerten von Bands, die sich jetzt wiedergegründet haben, also die in den 80ern aktiv waren und jetzt auf Reunion-Tour gehen. Ich bin generell nicht so ein Retrotyp. Bei Depeche Mode ist es so, dass ich, was die Musik betrifft, nicht in den 80ern oder frühen 90ern verhaftet bin. Die waren mehr oder weniger ohne Unterbrechung da, ich habe sie ja auch regelmäßig getroffen, das aber erst ab den 00er Jahren. Deshalb hat diese Band für mich auch in der Jetztzeit eine Präsenz. Das ist für mich ganz wichtig. Die Wertschätzung für diese Band hat überhaupt nichts mit Nostalgie zu tun oder damit in den 80ern oder 90ern hängengeblieben zu sein. Sondern das hat etwas total Zeitgemäßes für mich. Deswegen mag ich die Band auch so gerne, weil sie für mich immer noch eine Relevanz hat. Witzigerweise ist es so, dass ich seit meinem ersten Posting zum Buch bei Facebook bzw. Instagram – was eine Wahnsinnsresonanz zu Tage befördert hat, die mich selbst auch ein bisschen überrascht hat – nochmal gemerkt habe, wie mega am Start Depeche-Mode-Fans sind. Was das für eine Riesencommunity ist! Und dass das auch wirklich etwas Besonderes ist, Teil dieser Community zu sein. Ich bin jetzt auch im regen Austausch mit den Leuten, die da kommentiert oder mir Direktnachrichten geschickt haben. Ich hatte an einer Stelle im Buch geschrieben, dass mich diese Band nie enttäuscht hat. Da kam natürlich auch schon Kritik. Die ich ja durchaus nachvollziehen kann. Da schreiben halt Leute: „Na komm, alles, was in den letzten zehn, 15 Jahren passiert ist, kannst du vergessen.“

Das hört man immer mal wieder.

Es ist total legitim zu sagen, dass die kreativste Phase von Depeche Mode die Zeit war, in der Alan Wilder noch dabei war und dass die Platten aus den 80ern und 90ern mehr geniale, brillante Momente hatten. Da bin ich auch bei den Leuten – die Bestenliste, die ich im Buch veröffentlicht habe, da sind auf den ersten sieben Plätzen oder so alles Platten, bei denen Alan Wilder beteiligt war. Aber nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass Depeche Mode sich nie auf ihren eigenen Lorbeeren ausgeruht haben. Die sind nie zu einer Coverband ihrer selbst verkommen. Wenn die Konzerte gespielt haben, haben sie sich auch immer etwas für die jeweilige Tour überlegt. Anton Corbijn hat ein neues, tolles Bühnenbild entworfen, es war immer eine konzeptionell sehr durchdachte Show, und ich habe mich gefreut, wenn Songs vom neuen Album liefen. Weil mich einfach interessiert hat, wie die live umgesetzt werden. Ich freue mich auch, wenn alte Songs kommen, aber ganz ehrlich: Wenn Depeche Mode jetzt zum zehnten Mal die gleiche Tour spielen, keine neuen Platten mehr herausbringen und nur noch die Songs aus den 80ern und 90ern spielen würden, dann würde ich da nicht mehr hingehen. Das würde mich langweilen. Das würde mich älter machen.

Das sehe ich genauso. Es gab vielleicht mal einen kurzen Moment, wo die Gefahr bestand, dass sie sich selbst zitieren. Das war bei der „Sounds Of The Universe“.

Da bin ich vollkommen bei dir.

Die liegt bei dir auch auf dem letzten Platz, sehe ich gerade.

Genau. Das ist die einzige Platte, bei der man sagen kann, die ist nicht so wirklich gelungen, da ist dem Kapitel Depeche Mode nichts Neues hinzugefügt worden. Aber trotzdem kann man nicht sagen, dass die Platte scheiße ist.

Auf keinen Fall, dafür sind dann eben doch immer noch drei, vier Highlights drauf, die man nicht missen möchte.

Genau. Und wenn ich das mit anderen Bands vergleiche, die teilweise zu einer Karikatur ihrer selbst verkommen sind. Wenn ich bei solchen Acts auf ein Konzert gegangen bin, war das jedes Mal eine herbe Enttäuschung. Ich finde, dass es in dieser 40-jährigen Geschichte von Depeche Mode keinen Punkt gegeben hat, für den sich die Band schämen müsste. Oder für den sich ein Fan schämen müsste, auch in dieser Zeit die Band supportet zu haben. Das ist, finde ich, schon ein relativ einzigartiges Phänomen. Selbst meine andere Lieblingsband aus dieser Zeit, die mich ähnlich lange begleitet – The Cure – hatte das nicht durchgehend. Da sehe ich schon ziemlich auffällige Dellen in der Karriere. Seit der „Bloodflowers“, die ich richtig toll fand, hat mich da auf Platte nichts mehr so richtig überzeugt.

Aber live sind die immer noch umwerfend.

Ja, diese Drei-Stunden-Konzerte fand ich fantastisch. Mal sehen, was da noch kommt, die neue Platte soll ja fertig sein. Aber andere Bands aus der Zeit sind eben entweder ganz verschwunden oder machen so etwas wie „Nokia Night of the Proms“ oder irgendwelche Oldie-Partys.

Wie lange hast du denn an den Listen gesessen?

[lacht] Für die Listen habe ich am längsten gebraucht. Ich habe das Buch geschrieben und währenddessen habe ich immer an den Listen gearbeitet und diese permanent umgeworfen. Einen Tag vor finalen Abgabe habe ich nochmal was daran geändert. Und jetzt, wo ich mit dir spreche, habe ich gerade nochmal drauf geguckt. Da sehe ich, dass ich „A Broken Frame“ nur auf der 11 habe. Komisch.

Das ändert sich permanent, das kenne ich.

Ja. Als ich das Buch geschrieben habe, habe ich auch jedes Album nochmal mindestens einmal konzentriert von Anfang bis Ende durchgehört. Und dadurch hat sich dann die Platzierung wieder geändert. Eine Woche später habe ich dann geguckt, an welche Songs ich mich noch erinnern kann und die Position wieder geändert. Aber das ist halt Ausdruck dieses Nerdtums. Jetzt ist die Liste gedruckt, darauf wird man ewig festgenagelt. Dabei bin ich mir auch nicht sicher mit „Violator“. Oder ob „Construction Time Again“ nicht besser als „Some Great Reward“ ist? Es ist ein Kreuz.

Du hast ja einige Interviews mit der Band geführt. Das peinlichste Erlebnis hast du im Buch anschaulich festgehalten, mit dem MTV-Event damals.

Ja, Rock am Ring, das war schlimm.

Am Fernseher kriegt man ja gar nicht so genau mit, was da evtl. schief gelaufen ist.

Gott sei Dank war Social Media damals noch nicht so weit. In diversen Depeche-Mode-Foren und direkten Zuschriften war es schon so, dass viele Leute irritiert waren. Ich habe da wirklich gestammelt und ganz mieses Englisch gesprochen. Als wäre ein kleiner Schülerzeitungs-Fanboy zu seinem großen Idol gegangen und hätte schweißgebadet und mit letzter Kraft so fünf, sechs Fragen rausgepresst.

Auf der anderen Seite – was ist so deine liebste Erinnerung, die Band betreffend?

Was die Intensität und die Tiefe betrifft, sicher das Gespräch, das ich mit Dave zu seiner Soloplatte hatte. Das ist so ein Gespräch, was wir beide nicht vergessen haben. Wenn wir uns sehen, umarmen wir uns sofort. Man merkt halt, dass man sich mag. Ansonsten mag ich auch dieses Interview mit der Band an dem Tag, an dem wir dann auch gekickert haben. Als das Konzert in Berlin war. Weil das so eine Leichtigkeit hatte. Ich muss mich jedes Mal zwicken, dass ich überhaupt durch meinen Beruf diese Gelegenheit bekommen habe, mich mit ihnen zu unterhalten. Wenn man sich vorstellt, dass man als 16-17-jähriger Poster im Zimmer hat, jede Platte kauft und bei den Konzerten Tränen in den Augen hat – und dann zehn, 15 Jahre später in die Verlegenheit kommt, diese Typen mal zu treffen, dann ist das ein Riesengeschenk, ein Privileg. Dafür bin ich bis heute dankbar.

Ich muss mich jedes Mal zwicken, dass ich überhaupt durch meinen Beruf diese Gelegenheit bekommen habe, mich mit ihnen zu unterhalten.

Markus Kavka

Und dann auch noch Gespräche mit ihnen führen zu können, bei denen sie sich als mindestens die coolen Typen erweisen, für die man sie immer gehalten hat. Und keines von diesen Gesprächen hat an diesem Sockel gerüttelt. Das war ja so meine größte Angst, dass ich mal irgendwann Depeche Mode treffe und die sind gar nicht cool. Dass das nicht passiert ist, ist so ein großes Glück. Ich habe diese Angst vor jedem Interview neu. Ich glaube zwar nicht, dass Martin plötzlich aus irgendeinem Grund zum Arschloch wird. Aber dass eben die Begleitumstände zum Interview aus irgendeinem Grund andere sind, dass es echt nicht gut ist. Manchmal denke ich mir, eigentlich will ich die gar nicht mehr interviewen, ich will mir das jetzt so bewahren. Auf der anderen Seite ist es halt immer wieder schön, sie zu treffen.

Es gibt in dem Buch ja einige Momente, in denen man laut lachen muss. Unter anderem die Frisurengeschichte mit dem Marabu. Danach ging mir aber durch den Kopf: Hast du das nicht schon mal irgendwo gehört oder gelesen? Und da fiel mir auf: Einem gewissen Gregor Herzl ist genau das Gleiche passiert …

Sehr gut aufgepasst!

Dabei sagtest du doch, du hättest auf gar keinen Fall etwas mit dem gemeinsam.

Null [lacht]. Als dieser Roman [„Rottenegg“] herauskam, 2011, war das eigentlich ein offenes Geheimnis, dass dieses Buch … sagen wir mal autobiografische Züge trägt. Wie es sich für einen Roman gehört, ist die Story komplett frei erfunden. Wäre auch noch schöner, sonst wäre ich ja irgendwann im Gefängnis gelandet [lacht]. Aber wie es auch oft so ist, wenn man seinen ersten Roman schreibt, gerade wenn es um zeitgenössische Popkultur geht – und da kann mir jeder erzählen, was er will – bei allen Büchern, die in dieses Genre fallen, ist der Großteil autobiografisch gefärbt. Diese Frisurengeschichte, alles, was ich in dem Roman über die 80er-Jahre-Goth-Vergangenheit von Gregor Herzl erzähle, ist jetzt mit meinem eigenen Klarnamen in diesem autobiografischen Buch über Depeche Mode drin. Nur die handelnden Personen sind andere, weil ich damals natürlich auf die Persönlichkeitsrechte achten musste [lacht]. Ansonsten hast du sehr, sehr gut gemerkt, dass der Roman fast 1:1 autobiografisch ist, was diese Phase meines Lebens betrifft. Dir sind bestimmt noch andere Sachen aufgefallen.

Ja. Das war nur die markanteste Stelle.

Das ist mir damals alles passiert, hat Einzug in den Roman gefunden und nun in dieses Buch. Ich weiß gar nicht, wie viele Überschneidungen es da in der Leserschaft gibt. Ich habe da auch gar keine Anstrengungen unternommen, das zu kaschieren. Wenn man sich das überlegt – der Typ kommt aus Bayern, legt auf, war Goth, hat im Musikfernsehen moderiert – das ist halt ziemlich offensichtlich, woher das alles kommt. [lacht]

Als ich in einem deiner Kolumnenbücher geblättert habe, „Elektrische Zahnbürsten“, fiel mir zu einer Story noch eine Frage ein: Wie läuft es heute mit der Prokrastination?

Gute Frage! [überlegt] Nee, ganz ehrlich, mein Prokrastinationsverhalten hat sich deutlich gebessert. Ich muss sagen, in meinen beruflichen Tätigkeiten ist jetzt deutlich mehr Struktur drin. Ich glaube, dass ich dafür auch eine Erklärung habe: Als ich diese Kolumnen geschrieben habe, war ich Vollzeitangestellter bei MTV, bin jeden Tag von 10 bis 19 Uhr als Producer im Studio gewesen und habe nebenbei noch ein paar andere Sachen gemacht. Da war der Hauptjob zeitlich so ausfüllend, dass ich irgendwie versuchen musste, den anderen Kram unterzubringen. Das hat dazu geführt, dass ich viele Dinge so lange aufschieben musste, bis jemand kam und sagte, morgen ist Abgabe. Jetzt ist es so, dass ich per se fünf, sechs, sieben Sachen parallel mache. Da komme ich gar nicht umhin, eine gewisse Struktur reinzubringen. Es gibt feste Tage in der Woche, an denen arbeite ich an meiner Radiosendung. An einem anderen Tag arbeite ich für Deluxe Music. Dann habe ich jetzt dieses Buch integriert, dann kommen noch so Staffelproduktionen für Podcasts dazu, dieses, jenes. Und wenn ich da nicht ganz genau time, wann ich was mache, führt das zu einem Riesenkuddelmuddel. Da kommt dann die Qualität zu Schaden, und das möchte ich nicht.

Welches von den vielen Beschäftigungsfeldern ist dir denn am liebsten?

Ich kann das so eindeutig nicht sagen. Das sind zwar auf den ersten Blick verschiedene Sachen, aber irgendwie hängen die auch alle zusammen. Musik ist nach wie vor Hauptbestandteil meines beruflichen Tuns. Natürlich rede ich bei Deluxe oder egoFM über andere Musik als die, die ich im Club spiele. Wenn ich dann einen Podcast oder die Sachen für Deluxe mache, das ist eher Mainstream, da interviewe ich eben auch Leute wie Wincent Weiss oder Johannes Oerding. Ich bin eben Musikjournalist … Aber die Auflegerei in den Clubs, das fehlt mir schon sehr, wie eingangs gesagt. Ich habe während des Lockdowns immer mit meiner Frau von zu Hause Streams [von DJ-Sets] gemacht.

Ja, da habe ich auch mal reingeschaut. War ganz cool.

Das hat total Spaß gemacht, und die Resonanz war auch super. So dass wir die wenigen Open-Air-Auftritte in diesem Jahr auch zusammen gemacht haben. Wir werden jetzt demnächst auch die Streams von zu Hause weitermachen, aber der direkte Austausch mit den Leuten fehlt eben schon.

Gibt’s denn irgendeinen Wunschpartner, den du gerne noch interviewen würdest? Wo es noch nicht dazu gekommen ist?

Bei den Leuten, die ich selber cool finde, hatte ich das große Glück, die auch alle schon mindestens einmal treffen zu dürfen. Ansonsten gibt es natürlich so Lichtgestalten, viele von denen durfte ich für „Number One!“ treffen. Viele von denen, die ich unbedingt treffen wollte, sind leider tot. Freddie Mercury, George Michael, Johnny Cash, Michael Jackson. Aber es gibt schon noch ein paar – Paul McCartney, Mick Jagger, Elton John. Da war ich jetzt nie großer Fan, aber ich finde die natürlich als Menschen, als Musiker, als Popstars sehr, sehr spannend. Ich könnte mir schon vorstellen, nochmal so eine Staffel „Number One!“ zu machen, wenn jemand verrückt genug ist, das zu finanzieren.

Zum Schluss komme ich nochmal zum Anfang des Buches. Das Mixtape, das du da vorgestellt hast, ist ja ganz herrlich. Wie würde das denn heute aussehen?

Gibt’s denn noch Leute, die ein Kassettenabspielgerät haben? Kennst du da jemanden?

Ein Freund von mir hat noch eins. Ich habe auch noch einen Kassettenrekorder auf dem Schrank stehen, meinen alten SKR 700 aus der DDR. Allerdings funktioniert das Deck nicht mehr so ganz.

Ich würde wirklich gerne mal wieder so ein Tape machen. Man kann ja noch Kassetten kaufen – was ich echt erstaunlich finde. Das Tape, das ich im Buch beschrieben habe, war ja eher so random aus dem Radio aufgenommen. Die Mixtapes, die ich dann später, so mit 16-18, gemacht habe, mit denen habe ich im Großen und Ganzen zwei Dinge verfolgt: Die eine Kategorie waren Mixtapes für Kumpels, die einen ähnlichen Musikgeschmack wie ich hatten, das war immer so ein bisschen nerd- und auch angebermäßig. Der andere Zweck, den Mixtapes hatten – das waren natürlich Mixtapes für Mädchen. Das war im Prinzip ein Brief. Ein Mixtape musste einer Dramaturgie folgen, man durfte also nicht gleich den Lieblingssong des Mädchens am Anfang des Tapes haben, sonst bestand die Gefahr, dass dieses Tape über den Anfang hinaus nicht gehört wird. Bei einem guten Mixtape muss natürlich der Lieblingssong an den Schluss. Und wenn ich mich jetzt so höre, ist meine Radiosendung bei egoFM ein bisschen so aufgebaut. Die dauert zwei Stunden, wie eine 120er Kassette. Es sind genau 24 Songs, und ich erzähle da auch so eine Art Geschichte. In den meisten Fällen gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Song, der gerade lief und dem, der danach kommt. Ich versuche die Hörer da immer auf eine kleine Reise mitzunehmen. Ein guter Mix aus aktuellen Sachen, die in den letzten ein bis vier Wochen erschienen sind plus Querverweise zu Songs aus den 00ern, 90ern und 80ern – und das so erzählt, dass ein roter Faden drin ist. Und ich gehe davon aus, dass ich immer eine Möglichkeit finden werde, da einen Song von Depeche Mode unterzubringen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Markus Kavka über Depeche Mode“ kaufen: Amazon

www.facebook.com/markuskavkaofficial

www.egofm.de/radio/sendungen/kavkafm

http://soundcloud.com/markus-kavka

Fotocredit: Marcus Höhn

Thomas Bästlein

Thomas Bästlein schreibt (früher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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