Mandarinenträume – Electronic Escapes from the Deutsche Demokratische Republik 1981 – 1989

Wer Mandarinenträume ins Englische übersetzt, erhält sofort einen treffenden Eindruck vom Klang dieses liebevoll zusammengestellten Samplers, der beweist: Ja, auch in der DDR wurde elektronische Musik produziert. Und zwar ganz großartige, die sich vor den Vorbildern keineswegs zu verstecken braucht.

Die Chance kam, als der Staat Anfang der 80er beschloss, dass in Computern die Zukunft lag. Wer, wie der Autor, zu jener Zeit zur Schule gegangen ist, erinnert sich bestimmt noch an lustige Unterrichtsstunden am KC (“Kleincomputer”) 85/3. Das Gute an der Sache war, dass die hoheitlich kontrollierte Musik nun endlich auch die Möglichkeit hatte, sich in elektronische Bereiche vorzuwagen. So konnte man eskapistische Träume vertonen (wie schon die Kollegen aus dem Westen einige Jahre zuvor, denn auch dort wollte so mancher gerne mal weg), sich ungestraft in weit entfernte Welten fortbewegen – und so entstanden zwölf Alben mit elektronischer Musik zwischen Klaus Schulze, Tangerine Dream, Jean Michel Jarre und Vangelis, die manchmal durchaus deutlich an die Vorbilder erinnerten, aber stets eine ganz eigene Note beinhalteten. Schön, dass Musikjournalist Florian Sievers das Beste aus dieser Zeit nun hier zusammengetragen hat.

So kommt man gleich beim ersten Stück aus dem Staunen nicht mehr heraus. Reinhard Lakomy, ein bekannter Name in der DDR, jedoch eher für Platten aus dem Rock und Jazz sowie insbesondere für seine großartigen Arbeiten für Kinder berühmt – wer kannte und liebte nicht die Geschichten um den Traumzauberbaum? Doch Lakomy veröffentlichte mit “Das geheime Leben” (1981) auch die erste Elektronikplatte der DDR. Und dieser Mann zaubert auf “Es wächst das Gras nicht über alles” eine vielschichtige, äußerst eingängige und über 11 Minuten lange Synthesizertraumreise zusammen, dass es nur so sternenstaubt. Lakomy ist noch mit weiteren zwei atmosphärischen Solostücken hier vertreten sowie mit “Raumzeit”, einer erst schwebenden, später lustig trompetenden Zusammenarbeit mit Rainer Oleak, einem damals wie heute vielbeschäftigten Komponisten.

An zweiter Stelle des Samplers steht ein waschechter Hit. Über 100.000 verkaufte Einheiten, davon träumt heute fast jeder Künstler. “Planetenwind” von Pond, der größte elektronische Erfolg der DDR-Geschichte. Ein Stück, das wirklich so ziemlich jeder im Osten kennt, glauben Sie mir. Nicht unbedingt Titel und Band, aber diese Synthesizermelodie und diese gewaltige Fanfare in der Mitte. Kenn’se, könn’se glauben! Auch Pond – Wolfgang Fuchs und Harald Wittkowski – haben zwei weitere Stücke hier, “Cassiopeia” und “Galaxis”, die feine und immer noch zackig klingende elektronische Popmusik zelebrieren.

Die weiteren Künstler: Wolfgang Paulke (mittlerweile verschollen, schön experimentell), Julius Krebs (einmal basslastig plus C64-Sounds, einmal hübsch-fieser Disco-Funk), Hans-Hasso Stamer (absolut Amiga-500-Jump’n’Run-tauglich), Key (von synthiepoppig bis breakdancelastig) und Servi (nachdenklich zum Schluss).

Ein herrlicher Zeitreise-Sampler, der Augen und Ohren öffnet, ein fast unbeachtetes Kapitel Musikgeschichte beleuchtet und obendrein eine Menge Spaß bereitet. Ach du meine Nase!

(Addison)

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