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Im Soundcheck: Bomb The Bass, Boards Of Canada, Lowb und Jagwar Ma

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Heute widmen wir uns vier Albumperlen vom Ende des ersten Halbjahres. Die also schon auf dem Markt auf Abholung warten, die aber allesamt dermaรŸen hรถrenswert sind, dass wir unbedingt noch darauf hinweisen mรถchten.

Den sympathischen Tim Simenon kennt natรผrlich jeder Depeche-Mode-Fan. Der Freund der Band und Produzent von โ€žUltraโ€œ hat mit seinem musikalischen Partner Tim Conboy ein neues Album als Bomb The Bass aufgenommen und fรผr โ€žIn The Sunโ€œ zusรคtzlich โ€“ als ob die Verbindungen zu โ€žunsererโ€œ Band noch deutlicher werden mรผssten โ€“ Christian Eigner ans Schlagzeug gebeten.

Das neue Album reiht sich dabei recht nahtlos in die jรผngere Bandgeschichte (ab 2008) ein. Der Weg von โ€žFuture Chaosโ€œ und โ€žBack To Lightโ€œ wird weiter beschritten. Es gibt dieses Mal keine weiteren Gรคste und auch keine wilden Ausschlรคge im Sound. Kein groรŸes Sampling, wenig Hip-Hop-Einflรผsse. Stattdessen entspannte und gekonnte Elektronik, eher trip-hoppige Sounds, warmer Gesang von Conboy und prรคgnante, prรคzise Schlagzeugarbeit von Eigner.

Letzterer hat live mittlerweile so oft โ€žI Feel Youโ€œ gespielt, dass man das sogar aus dem starken โ€žWandering Starโ€œ heraushรถren kann (Oder nicht, was meinen die Leser?). Weitere Hรถhepunkte sind das stimmungsvolle โ€žTime Falls Apartโ€œ mit seinen รผberraschenden Blรคsersounds und das fast mantra-artige โ€žWe Are All Lostโ€œ. Man muss zwar zugeben, dass das hier keine neuen MaรŸstรคbe setzt, aber da klagen wir auf hohem Niveau, denn ansonsten ist Simenon & Co. einfach wieder ein sehr angenehmes Album gelungen. – 7,5 von 10 Acidstickern

http://youtu.be/O9NvJe8B1ys


 

Bis eben waren vor allem die Songtitel dรผster. Mit dem neuen Werk von Boards Of Canada sieht es aber generell dunkel aus fรผr die Zukunft der Menschheit. Daran lรคsst โ€žTomorrow’s Harvestโ€œ, das erste Album der Schotten nach fast acht Jahren, wenig Zweifel. Hier darf und soll man sich wie einem Endzeitfilm, bevorzugt aus der besten Phase solcher Filme (also den 70er Jahren), fรผhlen.

Die Brรผder Michael und Marcus Eoin Sandison haben sich viel Zeit fรผr ihr neues Szenario genommen, und der Hรถrer sollte das mit diesem Album genauso halten. Reichlich eine Stunde, 17 Tracks โ€“ also in Ruhe hinsetzen (oder -legen), am besten mittels Kopfhรถrer die Umwelt ausblenden und eintauchen in die Soundwelten dieser fรผr so manchen elektronisch musizierenden Kรผnstler als wegweisend geltenden Band.

Die Stรผcke flieรŸen ineinander, man muss dieses Album definitiv im Gesamten betrachten. Hier schabt ein Sound, da weht eine Soundflรคche durch die Science-Fiction-Geschichte, die sich jeder selbst dazu ausmalen darf. Alte, nein, zeitlose Synthesizer geben klagende Tรถne von sich… und bei aller John-Carpenter-Soylent-Green-Logan’s-Run-Atmosphรคre muss man sich beim Hรถren keineswegs deprimiert fรผhlen, nein man kann einfach die groรŸe Kunst dieser Band genieรŸen. ScheiรŸ‘ doch auf die miese Zukunft! – 8,5 von 10 Klapperschlangen

http://youtu.be/2jTg-q6Drt0


 

Von Boards Of Canada zu Lamb ist der Weg nicht weit. Deren Soundmagier Andy Barlow ist nun ohne die Stimme von Lou Rhodes unterwegs und hat als Lowb sein erstes Soloalbum aufgenommen (welches wohl schon 2011 fertig war, woran die verspรคtete Verรถffentlichung liegt, wer weiรŸ…). Und auch Bomb The Bass sind gar nicht weit weg, denn โ€žLeap And The Net Will Appearโ€œ weist ebenfalls eine Menge Trip-Hop-Elemente auf.

Auch hier wird ein dichter Soundteppich gewoben, in dem der Hรถrer sich hypnoseartig verlieren kann. Gerade in den herrlichen Sounds der ersten beiden Tracks โ€žWheeler Dealer Healerโ€œ und โ€žLowbโ€œ. Ein Stรผck spรคter stellt man dann aber fest, dass Barlow keineswegs dem Pop abgeschworen hat, der ja bei Lamb auch immer seine Momente hatte. Die โ€žEverybodyโ€œ-Robotervocals deuten es an und kurz darauf (bei โ€žConsecrationโ€œ, feat. Jay Leighton) bestรคtigt es sich: Hier gibt es sogar ab und zu Gesang.

Die anderen beiden Vokalbeitrรคge liefert Carrie Tree, die von der Stimmfarbe gar nicht so weit weg von Lou Rhodes ist, allerdings gesanglich nicht an diese heranreicht. Auch deswegen sind die instrumentalen Stรผcke auf dem Album tatsรคchlich die stรคrkeren, wie das melancholische โ€žDigital Stoneageโ€œ mit seinen groรŸartigen Sounds eindrucksvoll beweist. Insgesamt letztendlich ein Album mit leichten Qualitรคtsschwankungen, zwischen Weltklasse und โ€žganz okayโ€œ. – 7,5 von 10 digitalen Lรคmmern


 

Nach all diesen alten Hasen zum Schluss nun zwei hochbegabte Newcomer. Jono Ma und Gabriel Winterfield nennen sich Jagwar Ma, und ihr Debรผt โ€žHowlinโ€œ hat das Zeug, die beste Madchester-Rave-Platte zu werden, die gar nicht aus Manchester, ja nicht mal aus GroรŸbritannien kommt. Nein, die beiden stammen vom ganz anderen Ende des Commonwealth, nรคmlich aus Sydney, Australien.

Der NME nennt das Ganze โ€žGuitar-Danceโ€œ und hat bei aller (berechtigten) Hype-Schnappatmung im Grunde Recht damit. Die Burschen umweben ihre Songs mit Psychedelik-Schwaden, lassen alte Drummaschinen Retro-Beats klopfen, den Bass stoische Basslinien vor sich hin brummen, die Gitarren markante Tupfer setzen und dazu die 808 und andere elektronische Gerรคtschaften ihre flackernden Tรถne ins euphorisierte Publikum schleudern.

Dazu gesellt sich einiges Talent im Songwriting (kein Wunder, dass Noel Gallagher Fan ist), so dass sich so einiges an Singlematerial findet. Vom lรคssig groovenden โ€žUncertaintyโ€œ geht es รผber das Primal-Scream-ige โ€žThe Throwโ€œ zu den Beach-Boys-Harmonien von โ€žThat Lonelinessโ€œ in wenigen Schritten. Hier wird ohne Scheu ein Dancebrett wie โ€žFourโ€œ neben einen Gitarrenhit wie โ€žLet Her Goโ€œ gestellt und ein Hit wie โ€žMan I Needโ€œ direkt nachgeschoben. Kurzum, ein Klassedebรผt von vorne bis hinten! – 9 von 10 verdรคchtig bunten Pillen

P.S. Jagwar Ma spielen beim First We Take Berlin Showcase Festival am 04.09.!


 

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Thomas Bรคstlein

Thomas Bรคstlein schreibt (frรผher unter dem Spitznamen Addison) seit Anfang 2007 fรผr depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im รถffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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