Im Interview: Janosch Moldau über Martin Gore, Lugano und das Leben als Punkband

Zweiter Advent, Kerzen anzünden, Kekse rausholen, Janosch Moldau hören. Dieser hat im November sein Album „Host“ veröffentlicht und was sollen wir sagen? Es ist melancholisch, es ist düster, es ist tiefsinnig. Wie man es eben von dem Ulmer Musiker und Wahl-Italiener gewohnt ist. Da wir aber ein Magazin nicht nur voller Rezensionen und Clips sind, haben wir uns die Zeit für ein Interview genommen. Irgendwo zwischen Zugreise und Bahnhofscafé – aber lest selbst.

Hallo Janosch, das aktuelle graue Wetter passt ja eigentlich perfekt zu deinem neuen Album. Welches Setting empfiehlst du, um sich „Host“ zu Gemüte zu führen?

Am besten das Smartphone anschalten und dann ab in den Zug. Dabei einfach zum Fenster heraus schauen und “Host” hören. Meine Musik ist doch immer eine Reise, irgendwie mit Ankunft und Abschied und so….Ich hoffe diese Empfehlung ist ok so ?

Nun habe ich ja in meiner News vom Melancholie-See geschrieben. Was es mit dem See und deiner Musik auf sich hat, kannst du unseren Lesern aber besser selbst erzählen ?
Nun ja, ich habe als Musiker kaum Zeit Musik zu machen. Eigentlich sind wir ständig mit anderen Widrigkeiten beschäftigt. Unser Band-Office ist immer bis tief in die Nacht beleuchtet und besetzt. Der Melancholie-See ist eben genau der Ort, wo ich ganz alleine wohne… Nur ich und meine Maschinen. Ich schlafe dort mit Synthesizern und Drumcomputern und anderen Musikinstrumenten zusammen in einem Bett und mache den ganzen Tag nichts anderes außer Musik ! Der Lago di Lugano ist meine Heimat als Musiker. Viele Schriftsteller und Künstler haben sich bereits vor mir an den oberitalienischen Seen verschanzt um sich auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. Das habe ich ja nicht erfunden. Ich arbeite eben lieber im Paradies unter Palmen mit Sicht auf die Alpen. In Berlin würde mir nichts einfallen außer am Abend wegzugehen und die Arbeit liegen zu lassen. 

Wie schafft man es denn, wenn man in Italien sitzt und das schöne Leben genießt und auf den See guckt, so neblige Songs zu schreiben?
Das ganze ist natürlich schon ein Paradox. Eigentlich kommen die Touristen nur im Sommer für ein paar Tage an den Lago und reisen dann wieder ab. Ich reise dort eben hin um zu arbeiten. Im Winter bin ich dort sogar am liebsten. Der Nebel kommt wahrscheinlich direkt aus meiner Seele und ich kann es mir auch nicht ganz erklären, wieso ich eben genau diese Songs dann schreibe. Der Nebel lichtet sich doch immer… Aber viele Leute haben heute einfach keine Zeit mehr die Songtexte ganz durchzulesen. Es ist doch ein positives Moll, darauf bestehe ich…

Ist dein Bandkollege nicht manchmal neidisch darauf, dass du in Italien sitzen kannst, während er in Berlin bleiben muss?
Ab und an kommt er ja bei mir zu Besuch vorbei und wir gehen dann gemeinsam Essen. Abends hören wir meistens meine neuen Song-Skizzen bei einem Glas Rotwein an. Hendrik hat in Berlin sowieso viel anderes zu tun. Wir sind ja keine klassische Rockband wo 4-5 Bandmitglieder den ganzen Tag zusammen abhängen müssen und sich dann noch das Geld untereinander aufteilen müssen…

Wie vereinst du deine Liebe zu Italien mit deiner Familie? Du hast ja eine zuckersüße Tochter, vermisst die ihren Papa nicht manchmal?
Dankeschön. Nun ja, klar ist das manchmal so, dass ich als Musiker eben weg muss, aber Ulm und Lugano sind ja gar nicht aus der Welt. Vor allem komme ich immer mit neuen Songs im Gepäck zurück und kann mir dann im Alltag meine Kraft für andere wichtige Dinge außerhalb der Musik bewahren. Viel anstrengender ist es für uns, wenn ich beispielsweise Konzerte spiele, wie gerade mal wieder.

Was sagt deine Tochter zu deiner Musik? Wird sie vielleicht später mal die Bühne mit dir teilen wie die Töchter von Martin Gore?
Haha. Klar machen wir ab und an zusammen coole Musik. Aber das werden wir derzeit eher dem Leben überlassen. Ich hoffe nicht, das meine Tochter Musikerin werden möchte. Das ganze Elend wünscht man sich doch niemandem wirklich. Obwohl begabt ist sie schon… Haha…

Apropos Gore: Du hast ja letztens Equipment von ihm ersteigert. Funktioniert das denn? Wozu benutzt du es? 
Im Prinzip ist es eine Filterbank von Vermona und ich liebe es meine Sounds durch analoge Filterbänke hindurch zu jagen, um diese dann als völlig veränderte neue Klänge wieder aufzunehmen. Ich habe mehrere sehr coole analoge Filter in meinem Tonstudio. Ich arbeite beispielsweise auch mit dem Mutronics Mutator, den auch Depeche Mode sehr oft benutzt haben…

An welchem Lied auf „Host“ hast du am längsten gearbeitet und immer wieder Ändeurngen vorgenommen? Was sagt Hendrik dazu, wenn du so oft den Plan änderst?
Wir arbeiten immer so lange an einem Album, wie es eben nötig ist. Manchmal geht das schneller wie bei “Minor“ und den „Motel Songs“, und manchmal dauert es eben ein wenig länger wie bei “Lovestar“ und “Host“. Da stecken wir nicht drin und können gar nichts dagegen unternehmen. Wir haben lediglich unser Bauchgefühl als Endkontrolle; und wenn das bei uns beiden stimmt… lassen wir ein neues Album vom Stapel.Im Schnitt sind das dann immer 2 bis 3 Jahre. In dieser Zeit sind wir dennoch immer voll beschäftigt, bspw. mit Konzerten, Proben, Singles, Musikvideos, Remix-Eps, Office und Accounting, Labelmanagement und Booking, Presse-Termine und Foto-Sessions, Songwriting, Musikproduktion, Tonstudio-Wartung, Grafik, Mastering, Sponsoren….und und und…Wie gesagt, das wünscht man sich alles eigentlich niemandem… Haha….

Würde Janosch Moldau ohne Hendrik überhaupt funktionieren? Hier wäre deine Chance ihm danke zu sagen und ein bisschen Liebe zu verbreiten ?
Als Musiker und Songwriter würde ich alleine einfach weiter funktionieren. Aber was bedeutet das schon in dieser Branche…. Es ist absolut nicht ausreichend einfach nur ein guter Musiker zu sein. Das bringt nicht unbedingt etwas. Man sollte streitbar, fehlbar, problematisch und seltsam sein. Nur so wird man gehört; und das ist alles ein großer Anteil von Hendrik. Er hat mir die Kraft gegeben, über jede Grenze hinweg zu gehen und einfach das zu tun, was mir am Herzen liegt. Hendrik interessiert es auch nicht im Geringsten was in der Presse über uns geschrieben wird. Er hat mir gezeigt, wie man als Kampfhund in Kampfstellung geht, und dass ich als Musiker etwas wert bin, was wir verteidigen. Wer sich mit mir anlegt, wird automatisch Probleme mit Hendrik bekommen. Was soll ich dazu sagen, das ist ein Traum und ich bin für diese Freundschaft zutiefst dankbar. Das ist alles nicht selbstverständlich. Die meisten Bands zoffen oder verprügeln sich doch hinter der Bühne.

Du  bist ja jetzt auch keine 20 mehr. Was denkst du, wie lange kannst du noch mit Musik deinen Lebensunterhalt verdienen und sexy auf der Bühne sein?
Da ich ja nicht in Rente gehen möchte, ist es durchaus möglich, dass ich der Musikbranche erhalten bleibe… so Gott will. In Rente zu gehen, empfände ich als eine Beleidigung für mich als Songwriter und Musiker. Soll ich in der Rente Netflix schaun oder was ? Und ob wir, nach wie vor sexy dabei ausschaun, ist eine Sache, die jeder für sich selbst beurteilen soll… Haha… 

Gibt es anstehende Konzerte? Wenn ja, wann und wo? Wirst du wieder Glitzer tragen?
Wie gesagt, gerade kommen wir aus den USA zurück. Im Sommer hatten wir einen Festivalauftritt in Köln auf dem Rhein und im Frühjahr war ich als Stadtgesicht in meiner Heimatstadt auf der Bühne, was auch ein umfangreiches Projekt gewesen war. Wir müssen sehn, ob es für uns beispielsweise in Deutschland neue Möglichkeiten gibt. Diesmal sind wir diesbezüglich sehr zurückhaltend. Im Ausland werden wir sicher spielen und auch mit Glitzer. Tel Aviv ist bereits in Planung.

Du sagt immer ihr seid eigentlich eine Punkband. Das müsstest du jetzt mal erklären, denn nach Punk klingt euer Melancho-Pop ja so gar nicht…
Unser gesamtes Erscheinungsbild, auch unser Cover-Art, oder unsere Live-Visuals, sowie auch die MusikClips sind komplett am Post-Punk angelehnt. Es gibt nichtmal eine Nachbearbeitung unsere MusikClips. Wir lehnen es auch ab, für ein Musikvideo überhaupt Geld auszugeben und trotzdem läuft es bei MTV. Wir sehen uns als Band die eingeforderte Grenzen überwindet und zur Not auch über Mauern klettert. Ob wir das eben mit meinem Melancho-Pop tun oder mit langweiligem Pseudo-Krach, ist erstmal völlig zweitrangig. Es geht um unsere Einstellung. 

Gib uns doch noch deine Lieblingstextzeile mit auf den Weg, bevor wir uns verabschieden und noch einmal in dein Album reinhören ?
Ich habe euch hier eine absolut von meiner Musik unabhängige Zeile, die ich wirklich verinnerlicht habe… Was man in Frankreich als ”savoir-vivre”  bezeichnet, ist in Italien alltäglicher Standard !

www.janoschmoldau.com

Letzte Aktualisierung: 8.12.2019 (c)

 Josie Leopold
Ich bin die kleine Schnatterschnute vom Dienst: bunt, glitzernd, voller verrückter Ideen. Wenn ich nicht gerade Interviews führe, Beiträge verfasse oder versuche Wordpress davon zu überzeugen doch bitte nett mit mir zu sein, versuche ich die Welt ein bisschen besser und bunter zu machen.

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Kommentare

  1. Holger Hauk
    12.12.2019 - 13:26 Uhr
    2

    Very nice songs

    Schönes Interview mit einem sehr interessanten Musiker.!!
    Sein neues Album „Host“ kann ich echt nur empfehlen. Wär auf melancholisch romantische Musik mit guten Texten und eingängigen Melodien steht, sollte es sich kaufen. Sehr gutes Album.!!!

  2. Wonderland
    10.12.2019 - 12:29 Uhr
    1

    Cool hier ein megaschönes Interview mit Janosch Moldau zu lesen!
    Finde das neue Album (und auch die alten) strahlen ganz viel Seele & künstlerische Präzision aus – durch die coolen Synthsounds, die beeindruckenden Texte, die einzigartige Stimme und Mollmelodien – wunderschön dunkel & hell zugleich:-)
    Die Hörempfehlung kann ich unterstreichen (fahre fast täglich Bahn & höre dazu auch Host) – aber auch in weiter Natur oder einfach Zuhause hört sich das großartig!
    Hoffe es gibt auch bald in Deutschland wieder das ein oder andere Konzert????!!!!