Home > Magazin > Interviews > Im Interview: Claudia Uhle von Angelzoom
- Anzeige -
Neues Album angekündigt

Im Interview: Claudia Uhle von Angelzoom

Das Comeback der Ex-Sängerin von X-Perience. Am 24. April erscheint das neue Album „Grey Devotion“.

In den 1990ern landete die Band X-Perience mit der Single „A Neverending Dream“ einen Riesen-Hit. In den deutschen Charts kletterte der Song bis auf Platz 4. Die Erfolgsformel: lupenreiner Synthie-Pop und die glasklare Stimme von Sängerin Claudia Uhle.

Was folgte waren die Alben „Magic Fields“ (1996), „Take Me Home“ (1997), „Journey Of Life“ (2000) und „Lost In Paradise“ (2006). Nach einer langen kreativen Pause folgten die Alben „555“ (2020) und „We Travel The World“ (2023), die sich beide in den Top 25 der Albumcharts platzieren konnten.

Sängerin Claudia Uhle ist dann überraschend bei X-Perience ausgestiegen und widmet sich nun wieder ihrem Soloprojekt Angelzoom. Mit diesem hatte sie bereits zwei Alben, „Angelzoom“ (2004) und „Nothing Is Infinite“ (2010), vorgelegt. Nun folgt der dritte Streich.

Wir haben mit Claudia Uhle und ihrem Produzenten Bernd Wendlandt über ihren Ausstieg bei X-Perience und das dritte Angelzoom-Soloalbum gesprochen.

Claudia, wie ist es nach 16 Jahren dazu gekommen, das Projekt Angelzoom wieder zu beleben und ein neues Album aufzunehmen?
Den Anstoß gab ein wenig das 20th Anniversary Double Vinyl Album, zudem wir 5 neue Songs als Bonus produziert hatten. Es hat Spaß gemacht, es war ein tolles Gefühl, es kompensierte Stress, fühlte sich richtig an. Das Feedback der Fans war auch ganz toll. Musikalisch lief es Ende 2024 und bis Mitte 2025 mit X-Perience gemeinsam überhaupt nicht mehr. Unterschiedliche Auffassungen von inhaltlicher und musikalischer Richtung ließen mich die Band Ende 2025 verlassen. Seitdem ist mehr als Power im Angelzoom-System. Wir haben innerhalb der vergangenen 2 Jahre weitere Songs geschrieben und Singles veröffentlicht, u.a. das wunderbare Duett mit Jester Mullholland „The Darkness Behind Me“ ,sodass wir quasi vor einem fertigem Album standen. „Grey Devotion“ war geboren und muss jetzt an die Luft.

Du bist zum zweiten Mal bei X-Perience als Sängerin ausgestiegen.
Warum?

Claudia: Kurz und knapp würde ich sagen: musikalisch und inhaltlich wollten die Jungs etwas anderes. Es gab nach der Single „I’ll remember“ (Frühjahr 2024) keinen wirklichen gemeinsamen Aufbruch, das 7.Album anzugehen. Entgegen der Arbeit an „555“ und „We Travel the World“ wo wir immer Demos vorproduziert hatten, Bernd und Matthias schon viele Ideen zur Diskussion beitragen hatten, gab es diesmal so eine Art Stopp bzw. Abkapselung. Matthias entdecke die Kraft der KI und wollte kaum auf notwendige z.B. Tonart technische oder inhaltliche Belange meinerseits eingehen. Ich sollte das singen, was sie dort generiert hatten. Auch bestand aus ihrer Sicht kein Interesse mehr, mit Bernd zu arbeiten. Obwohl ein Großteil unseres Comebacks auf seiner Idee, Aktivität, den
Produktionen und der Labelarbeit beruht. Aber KI kostet halt kein Produktionsgeld, hält alle Lizenzen und im Writing ist man autark. Band bedeutet Teamarbeit. Das hat leider aufgehört. Zusammenfassend: Es war wohl einfach Zeit.
Sehr schade allerdings ist, dass wir über 5 Jahre die Band wieder aufgebaut haben und das als 4er Team sehr effektiv und jetzt leider ist das wieder zunichte gemacht.

Gab es die Option, X-Perience und Angelzoom parallel laufen zu lassen?
Claudia: Ja unbedingt. In der Kreativpause nach dem 6.Album, „We Travel the world“, begannen wir mit Angelzoom und hatten abgestimmt, dass wir in einen Abwechslungsmodus gehen. 2024 Angelzoom, da gab es ja dann das 20th Anniversary Album + 5 neue Songs. 2025 X-Perience Album 7 usw., der Plan war grob gezeichnet aber sollte eben auch dazu dienen, unsere beider Fangruppen musikalisch nicht mehr so lange allein zu lassen.
Bernd: Ja der Plan stand. Studiozeiten waren eingeplant.

Bernd und Claudia, wie unterscheidet sich die Arbeit am Projekt Angelzoom im Vergleich zu X-Perience?

Bernd: Man redet und diskutiert nicht mit vier kreativen Geistern, sondern nur mit Zweien. Ich mag es, wenn viel Austausch stattfindet, man sich musikalisch streitet, ausprobiert und experimentiert. Das war bei X-Perience viel mehr der Fall. Musikalisch und inhaltlich sollte es die Band präsentieren, dieser Blickwinkel sollte auf jeden Song angewendet werden, aber auch für Grafik, Video, Bilder usw. deutlich poppiger und „weicher“ als Angelzoom. Hier sind wir viel pragmatischer, eine Textidee, ein passender Beat oder eine Streicherphrase, die beide gut finden, wird umgesetzt, fertiggestellt als Demo und dann anhand dieser musikalischen Skizze entschieden. Ja oder Nein. Wenn nein dann weg, wenn ja, wirklich dran arbeiten, singen, inhaltlich feilen und abschließen.
Claudia: Die Zusammenarbeit ist effektiver und Bernd versucht wirklich, meine Ideen und Gefühle einzubauen. Es ist nicht immer stressfrei, aber kreativ und wir versuchen zusammenzuarbeiten und dem Produkt Angelzoom etwas Eigenes zu geben. Bei X-Perience wurde ich oft außen vorgelassen, was das inhaltliche betrifft. Das war bei den letzten beiden Alben durch Bernd deutlich besser, begann dann aber ab 2024 wieder genau wie damals nicht mehr zu gelten.

Für die visuelle Präsentation scheint Ihr viel mit KI gearbeitet zu haben, um die tollen Videoclips in Szene zu setzen. Spielt Künstliche Intelligenz auch beim Songwriting und der Arbeit im Studio eine Rolle?
Bernd: Ja, ich nutze schon seit einiger Zeit KI. Anfänglich für Beats, neue „Samples“, und viele kleine Hilfestellungen. Mittlerweile auch Instrumente, Chöre, Arrangements, Ideen. Dazu Grafik, Bilder, Videos. Man kann hier unglaublich kreativ seine Ideen umsetzten und das im überschaubarem Rahmen der Kosten. Es gibt wohl aktuell kaum einen relevanten Künstler der diese Möglichkeiten nicht nutzt. Wichtig ist, deine eigene Kreativität dabei und dein Geschmack, sowie die Weiterverarbeitung im Studio. Ich sehe diese Tools als einen der besten Mitarbeiter, die gerne helfen sollen aber nicht bestimmen wo’s lang geht. Neuen Technologien konnten wir uns noch nie entziehen. Wie lange war der „Streit“ in den Studios was besser klingt? Analoges Band oder Digitales Recording – davon spricht keiner mehr. Oder nimm Drummaschinen, Computerprogramme, Autotune, Sampler, Plug Ins, alles Bausteine die letztendlich fast bis zur vollständigen Automatisierung geführt haben. Dem kann man sich kaum entgegenstellen, es bleibt die Einzigartigkeit und die Kreativität, diese Tools zu nutzen. Es hat mich letztlich auch dazu in die Lage versetzt, ganze Videowelten zu erschaffen, zu schneiden und zu kreieren.
Claudia: Wie alle neuen Technologien sollte das Beste daraus genutzt werden. Wichtig jedoch sollte sein, dass es immer Du selbst bleibst, es Angelzoom bleibt und dass man als Stimme und Person einzigartig, erkennbar ist. Letztendlich kann mittlerweile jeder beliebig oft auf einen Generieren-Knopf drücken und sich Lieder erstellen lassen. Sage der KI: Analysiere mir den Song XY, schreibe eine Prompt dazu, generiere aus diesem Prompt einen „neuen“ Song – ist ja wirklich nicht kompliziert. Ist das noch Kunst? Ist das noch Kreativität? Kann der Hörer das noch unterscheiden? Das Besondere, das Aussergewöhnliche, das Einzigartige – macht den Unterschied und wird immer wichtiger werden, um eigene Identität zu wahren.

Bisher waren die Lücken zwischen den jeweiligen Angelzoom-Alben riesengroß. Die Gründe, X-Perience und private Prioritäten, waren und sind verständlich. Wie sehen die Zukunftspläne für Angelzoom aus?
Bernd: Schlimm ist, das einem die Abstände garnicht groß vorkommen. Man macht und macht und schaut auf und plötzlich – Was? 15 Jahre weg?(lacht)
Aber, der Plan: wir werden jetzt weiter kontinuierlich, in etwas weniger großen Abständen neue Musik herausbringen. Also zumindest den Single Takt alle 3 Monate anpeilen. Hat natürlich was mit Ideen und Motivation zu tun aber wir sind auf jeden Fall am Beat.
Claudia: Sofern nicht eine Tour und oder Konzerte dazwischen kommen, die den Zeitraum etwas dehnen. Das könnte bedeuten das wir 2028 mit dem nächsten Album auftauchen werden. Also: Ich danke Euch, dass ihr meine Musik in eure Welt lasst, ohne euch wäre Angelzoom nur ein Hauch in dem Gewirr der anderen Musik und allein im Dunkel.

Ist Angelzoom ein reines Studioprojekt oder wird es Angelzoom auch live geben?
Claudia: Nein kein Studioprojekt. Live: Ja auf jeden Fall. Wir werden in 2027-28 erste Konzerte geben, Termine hierzu in Kürze auf der Website. Einige in Deutschland aber es liegen auch diverse Anfragen aus England, Frankreich, Finnland vor und wir sind auch wieder dran einen Support zu organisieren. Wie 2005 mit Apocalyptica oder Joachim Witt.
Bernd: Ja wir sind dran.

Wie ist Eure Arbeitsteilung im Studio?
Claudia: Bernd ist der Motor. Der macht eigentlich immer was. (grinst) Er überrascht mich mit Ideen und seiner Umdieeckedenken-Power. Da ist auch manchmal viel zu viel Schräges oder Verrücktes bei, aber das dient dazu zu sehen, welcher Weg zu gehen ist. Ich probiere in meinem Kellerstudio die Sachen zu singen und wir feilen an den Parts. Gesang steht hier immer an erster Stelle. Denn wenn’s nicht klingt mit mir, passt es nicht und das führt dazu, dass wir allein für die richtige Tonart mehre Stunden verwenden, dies vernünftig zu treffen. Und das trotz unserer mittlerweile jahrzehntelanger Erfahrung. Denn jeder Song ist anders und verlangt seine Aufmerksamkeit für die Interpretation. Dazu spiele ich auch viel Klavier mit meinen Schülern und komme so in Pausen und Vorbereitung auf viele kleine Melodien, die wir dann ausprobieren und entwickeln.
Bernd: Ich mache seit 1991 nicht anderes. Ich fokussiere mich auf den Künstler und versuche, für ihn das passende zu treffen. Bei Angelzoom: Also ich baue die Beats und die Harmonik und wir testen viel an den Melodien. Ich arrangiere recht schlampig vor, um die Stimmung zu ergründen und dafür nicht zu viel Zeit aufzuwenden. Ob jetzt ein Synth Arpeggiator schon perfekt ist, ist mir in diesem Stadium vollkommen egal. Ich konzentriere mich nur auf die Aussage und Stimmung. Erst im zweiten Schritt wird gefeilt. Das spart Zeit, vor allem bei Songs, die es dann nicht zur VÖ schaffen.

Angelzoom hatte schon immer eine gewisse Melancholie und Düsternis. Ist diese
Philosophie nah an Euren Persönlichkeiten?

Claudia: Irgendwie schon… Ich bin gern melancholisch, obwohl ich ein positiver Mensch bin. Ich liebe schon immer Musik, in der ich das ausleben kann. Früher habe ich gern Deine Lakaien gehört oder andere Dark Synthpoper (Chandeen „Mirror“ oder Songs von Wolfsheim …) und bin stundenlang mit dem Walkman durch die Gegend gelaufen. Bei X-Perience mochte ich auch immer lieber die düsteren Songs, wie „Mirror“, „The Moon“, „Secrets“, „Angel Zoom“, „Rain“ „Lost In Paradise“, „Dream A Dream“, „We Travel the World“…
Bernd: Ich bin Jahrzehntelanger Depeche Mode Fan, da wird wohl einiges durchgedrungen sein. (lacht) Wer mich kennt weiß, ich beschäftige mich mit sehr vielen weiteren Themen der Welt, da ist es aktuell wirklich schwer nicht melancholisch oder düster zu werden.

Claudia, welche Themen beschäftigen Dich in Deinen Songs? Ist Dir eine Message wichtig?
Claudia: Mich beschäftigen in meinen Songs vor allem die Zwischenräume: die Momente, in denen man weder ganz stark noch ganz schwach ist, weder ganz glücklich noch ganz verloren. Ich schreibe viel über Zweifel, Sehnsucht, Erinnerung aber auch darüber, wie man aus all dem trotzdem Kraft ziehen kann. Mir geht es weniger darum, eine einfache Message zu verkünden, sondern eher darum, einen Raum zu öffnen, in dem sich jeder mit der eigenen Geschichte wiederfinden kann. Musik ist für mich der schönste Weg, die Seele zu entstressen, zu atmen, loszulassen und Dinge zu fühlen, für die im Alltag oft kein Platz ist. Wenn meine Songs jemandem das Gefühl geben, verstanden zu sein oder für ein paar Minuten aus der Welt zu fallen, dann ist das genau der Sinn, warum ich Musik mache.

Vor der Veröffentlichung des neuen Albums habt Ihr mehrere Teaser-Singles veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen? Sind die X-Perience Fans automatisch die Fan Base von Angelzoom?
Claudia: Die Reaktionen der Fans sind toll. Neben dem das sie entdecken das Angelzoom was Neues herausbringt, sind viele begeistert, das es diesen kleinen besonderen musikalischen Tupfer wieder gibt. Ja, ich denke sehr viele Fans wollen zumindest schauen und hören, ob Angelzoom ihnen musikalisch was gibt und unterstützen mich dabei.
Bernd: Viel Lob, muss ich sagen, freut mich natürlich auch sehr. Betrifft ja auch die
Produktion, Sound und Songwelt.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute fürs neue Album.

„Grey Devotion“ erscheint am 24. April auf Valicon Records als CD (im Digipack) oder digital.

Henning Kleine

Henning (Jahrgang 1976) arbeitet als TV-Journalist in Hamburg. Er ist Synthie-Pop Liebhaber und großer Fan der Pet Shop Boys.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Die Speicherung Deiner Daten erfolgt gemäß den geltenden Datenschutzbestimmungen. In unseren Datenschutzhinweisen erfährst Du, welche Daten von Dir beim Verfassen eines Kommentars gespeichert und verarbeitet werden. Deine Daten werden nicht an Dritte weitergegeben.

- Anzeige -
Consent Management Platform von Real Cookie Banner