Drangsal im Interview (Teil 1): „Sprache kann man auf so mannigfaltige Art und Weise in der Popmusik verwenden.“

Heute ist „Zores“, das spannende zweite Album von Drangsal erschienen. Da war es vorab natürlich Pflicht und Freude für uns, Max Gruber mal wieder zum Gespräch zu treffen. Es wurde wieder sehr ausführlich, so dass wir hier zunächst den ersten Teil unseres Interviews wiedergeben:

depechemode.de: Ich fange gleich mal mit einem Titelvorschlag für das dritte Album an. Nach „Harieschaim“ und „Zores“ vielleicht „Saumagen“?

Max Gruber: [lacht] Das höre ich nicht zum ersten Mal.

Verdammt!

Nein, nicht als Titelvorschlag. Aber als Thema. Noch nie gegessen?

Tatsächlich nicht.

Ich auch nicht. Vielleicht, wenn ich mich dazu hinreißen lasse, tatsächlich Mundart zu singen.

Oh je.

Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Wenn du dann irgendwann „Saumagen“ im Plattenregal siehst, musst du dich melden.

Du hast mir ja beim letzten Mal schon erzählt, dass du beim kommenden Album dazu tendierst, deutsch singen zu wollen.

Versprechen gehalten! Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, hatte ich gerade angefangen, Drangsal auch als bilinguales Projekt zu sehen. Für mich war es vorher immer so, dass Drangsal in der Amtssprache internationaler Popmusik gehalten sein sollte. Und das ist dann doch Englisch. Guck dir ABBA an, die kommen auch aus Schweden [lacht]. Ich bin größtenteils zweisprachig aufgewachsen, und das war für mich immer recht natürlich. „Will ich nur dich“ [vom ersten Album, Anm. d. Red.], das ursprünglich gar nicht für Drangsal gedacht war, wo mich dann aber Markus Ganter [der Produzent] quasi dazu gezwungen hat, es mit auf die Platte zu nehmen, hat die Tür dann aber für mich aufgestoßen. Das war neu für mich, für Drangsal auch auf Deutsch zu texten. Und was neu ist, findet man immer interessanter, und was interessant ist, das reizt einen. Deswegen dieses Mal mehr auf Deutsch. Es ging mir auch darum, wie benutze ich Deutsch? Ich glaube, dass „Will ich nur dich“ und die beiden anderen Stücke, „Heultage“ und „Zur blauen Stunde“, die zwischendurch auf Compilations bzw. B-Seiten rausgekommen sind, nicht stellvertretend dafür stehen sollten. Da braucht es dann schon ein Statement wie ein Album. Es ging halt darum, einen eigenen Duktus zu finden. Da ist „Zores“ auch der Versuch, mal über die Stränge zu schlagen. Da gibt es polemischere Dinge wie „Die heutige Musik, ein Parasit für die Hirne der Republik“, da gibt es Heititeiti-Pop und schwülstige, schlagereske Popklischees wie „Magst Du mich (oder magst Du bloß noch dein altes Bild von mir)“ oder „Glaubst du, hier wird aus dir und mir noch wir?“, da gibt es aber auch recht komplexe, wortgewaltigere Sachen. Ausprobieren. Ich mag Fehlfarben genauso, wie ich Klaus Lage mag. Und Klaus Lage singt „Mama hebt Kaffegläser auf für’n Gelee, du bist schon ewig in der IG Chemie.“ Das ist so nah am echten Leben dran, das ist total geil. Da gibt es aber auch Schnipo Schranke, die mit Sprache ganz anders umgehen. Oder die Tocos und was weiß ich nicht alles. Blixa [Bargeld]. Oder Rammstein, ich bin ein großer Rammstein-Fan. Sprache kann man auf so mannigfaltige Art und Weise in der Popmusik verwenden. Und jetzt musste ich mal gucken, wie ich da reinpasse.

Und, zufrieden?

Jaaa. [überzeugt] Ganz gut. Da geht noch was!

Die Texte sind auch auf eine Art mutig, wie ich finde. Nicht unbedingt provokant, höchstens in der Art, wie sie teilweise bewusst über die Kitschgrenze gehen.

Ja. Süßholzraspelei.

Du hast ja damals zum Debüt das Wort „Brachialpop“ geprägt.

Ist es dir nun nicht mehr brachial genug?

Doch doch. Aber während das Debüt poppig mit brachialen Texten war, finde ich, dass es dieses Mal eher andersherum ist.

Schön gesagt!

Die Texte sind mitunter recht poppig, zumindest vordergründig, dahinter liest man natürlich auch noch andere Sachen heraus. Dafür ist aber die Musik teilweise brachialer.

Ja, doch. Schön, dass du das sagst. Deswegen war es wichtig, „Turmbau zu Babel“ als erste Single herauszubringen, um die Leute so ein bisschen an der Nase herumzuführen. Der Mensch, der Musikfan, selbst wenn er selber Musik macht oder ganz viele Platten gehört hat, kann gar nicht anders, als von der ersten Single auf die anderen Stücke zu schließen. Jetzt, wo du das Album kennst, stimmst du mir vielleicht zu, dass „Turmbau zu Babel“ doch eher herausfällt.

Definitiv.

Es passt zwar rein, ist aber nicht der klanggebende Song. Da gibt es „Eine Geschichte“ mit dem Synth-Intro und der Ohrfeige in der Mitte. Und „ACME“, den Noise-Rock am Ende. Und „Jedem das Meine“, das recht schroff daherkommt. Und „Weiter nicht“, einen Rocksong. Es gibt ein paar Sachen, die eher im ersten Album verortet sind, wie „Arche Gruber“.

Ja, das war einer von den Zweien, die ich auch mit dem ersten Album verbunden hätte.

Was wäre der andere?

Jedem das Meine“.

Ja. „Allan Align 2“. [lacht]

Weil der auch diese Gitarre hat, die recht typisch fürs erste Album war.

Stimmt. Das findet sich natürlich auch bei „Magst du mich…“ wieder, diese Smiths-Gniedel-Zwölfstring-Gitarre. Aber es ging eben darum, auszuprobieren, was Drangsal alles sein kann. Und natürlich: Zweites Album, irgendwas muss man ja anders machen.

Richtig. Wenn man nicht langweilig werden möchte.

Es hätte bestimmt auch vielen Leuten gefallen, wenn ich nochmal [so etwas gemacht hätte], ich habe da ja noch ein paar Songs herumliegen.

Ich kann sagen, in unserem Depeche-Mode-Forum gibt es durchaus diese Leute, die meinen: „Ach, ‚Allan Align‘ mochte ich, da hätte ich gedacht, es kommt mehr davon.“

Abwarten, sage ich da immer. Weißt du, ich muss lernen, damit umzugehen. Ich habe eine Platte gemacht, die finde ich ziemlich stark. Und ich glaube auch, dass einen Depeche-Mode-Fan „Allan Align“ oder „Love Me Or Leave Me Alone“ eher abholt als „Turmbau zu Babel“. Aber da ist ja noch mehr. Ursprünglich wollte ich mit „Arche Grube“ als erstem Song rauskommen, aber weißt du, was dann passiert wäre: „Super Song, aber klingt genau wie die erste Platte.“ Möchtest du mein Sprachrohr an die lieben depechemode.de-Forenuser sein? Sie sollen mich bitte noch nicht ganz abschreiben. Wie gesagt, es ist anders, aber jetzt auch nicht meilenweit davon entfernt.

Stimmt, man sieht bzw. hört da schon einen Zusammenhang.

Klar. Aber ich kann nicht die ganze Zeit dasselbe machen. Übrigens, zu Depeche Mode: Wir spielen dieses Jahr auf dem Open Air in St. Gallen, da sind Depeche Mode Headliner, und ich habe mir so sehr gewünscht, dass wir am selben Tag wie Depeche Mode spielen. Dann wurden wir einen Tag nach hinten geschoben, jetzt spielen wir nicht mehr am selben Tag wie Depeche Mode. Ich habe sie noch nie live gesehen! Immerhin sehe ich dafür Nine Inch Nails, das ist ja auch nicht schlecht. Aber ich weiß ja nicht, wie viele Chancen ich in meinem Leben noch bekomme, Depeche Mode live zu sehen.

Man weiß es nicht.

Ich klopfe auf Holz, dass es noch ein bisschen weitergeht. Wäre schön gewesen. Und dann vielleicht Backstage „zufällig“ zwei Stunden zusammen rumhängen. [lacht]

Die sind nicht die großen Backstagerumhänger, glaube ich. Die verschwinden nach dem Konzert recht schnell.

Wenn du das 30 Jahre gemacht hast, sei es dir gegönnt. Du hast da quasi jeden anderen, der da spielt, beeinflusst. Und selbst, wenn nicht, kennen zumindest alle „Just Can’t Get Enough“ und finden es geil. Da hast du ja gar keine Ruhe dort.

Ende des ersten Teils. Was es noch zum neuen Album zu erzählen gibt, was Max sonst noch durch den Kopf geht, und ob Interviewer oder Interviewter beim kurzen Ausflug auf die Terrasse des 8. Stocks des Universal-Gebäudes mit einem Sprung in die Spree liebäugeln – lest ihr in Kürze bei uns.

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Und die ersten Tourdaten (weitere folgen):

24.05. Neustrelitz – Immergut Festival

08.06. Kaltenberg – PULS Open Air

22.06. Scheeßel – Hurricane Festival

23.06. Neuhausen ob Eck – Southside Festival

29.06. Chemnitz – Kosmonaut Festival

30.06. St. Gallen – Open Air Festival

08./09.08. Rothenburg o.d. Tauber – Taubertal Festival

08./09.08. Püttlingen – Rocco del Schlacko Festival

10.08. Eschwege – Open Flair Festival

15.08. Berlin – Pop-Kultur Festival

25.08. Wiesbaden – Broilers City Riot Fest

www.facebook.com/frucadeodereierlikoer
www.drangs.al

Fotocredit: Lucas Christiansen

Letzte Aktualisierung: 18.3.2019 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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