Alben der Monate April und Mai: Douglas Greed und Austra

Bevor wir noch vor Monatsende unser Album des Monats Juni verkünden … sollten wir vielleicht die Titelträger der Vormonate nachreichen, oder? Manchmal hat man einfach zu wenig Zeit für die schönen Hobbys …

Douglas Greed – Angst

Dieses Cover, dieser Albumtitel – hat Mario Willms (so heißt der Douglas ja eigentlich) da etwa prophetische Fähigkeiten bewiesen? Denn natürlich wurde dieses Album (und auch sein Artwork) lange vor Corona konzipiert und komponiert. Aber es passt erschreckend gut in diese beängstigende Zeit.

Erschreckend und beängstigend sind aber ansonsten keine Vokabeln, die auf Greeds Musik zutreffen. Nachdem er zuletzt mit dem zweiten Album seines anderen Projektes Yeah But No uns und viele andere begeistert hat, war es mal wieder Zeit für einen Soloausflug. Wobei Yeah But No sicherlich dieses Mal stärker durchscheinen als zuvor. Beispielsweise durch die Gastvokalisten.

Nein, YBN-Kollege Fabian Kuss singt hier nicht, aber es wird eben gesungen, weiblich dieses Mal, und das auf fast der Hälfte der Tracks. Zweimal gastiert Joy Wellboy – beim melancholischen Eröffnungsduett „Roll With The Punches“ und beim knackig auf den Punkt tanzenden Finale „Not Afraid“ – und zweimal Odd Beholder (die Hundreds-Fans kennen dürften und die wir hier auch schon empfohlen haben), in den melodischen Highlights „The Few“ und „Numbers“. Außerdem gibt es noch gesprochene Passagen, wie auf dem hypnotischen „Wie man unsterbliche Tiere züchtet“.

Ansonsten geht es natürlich meist beatorientiert, unterstützt von Greeds immer interessanten Drumsounds, aber auch ab und zu introspektiver zu. Der Künstler verarbeitet das Thema Angst vielschichtig und offen. Angst macht Angst – Angst kann aber auch einen Antrieb darstellen und zu Positivem umgewandelt werden. Man kann sie wegtanzen, dabei Beats mit jazzigen (Bläser-)Anflügen verbinden („The Taste Of Dust“, „Random Groove“) oder doch die guten, alten Synthiesounds auftrumpfen lassen („Everybody Wants To Live In A Mansion“). In jedem Falle: Spannend! Mit und ohne Mundschutz. – 8 von 10 therapierte Phobien

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Austra – HiRUDiN

Auf Katie Stelmanis‘ viertes Album hat sich der Rezensent auch sehr gefreut. Doch dann macht dieses Biest (also das Album jetzt) es dem geneigten Hörer gar nicht mal so leicht. Das Album ist letztendlich wieder ein gutes, also wo liegt das Problem?

Ist halt nicht immer alles einfach im Leben. Das weiß auch Stelmanis, die hier eine Trennung verarbeitet. Der Verflossenen ist im Prinzip auch der eigenwillige Albumtitel geschuldet. Hier nur soviel: Es hat mit Blutegeln, deren Speichel und dessen Auswirkungen auf die Blutgerinnung zu tun. Bei Bedarf verweist der Schreiberling gern an eine sehr gute Freundin, die da so ihre Erfahrungen gemacht hat. Charmante Metapher jedenfalls.

Stelmanis hat sich gleich auch von alten musikalischen Mitstreiter*innen verabschiedet, dafür mit neuen Kolleg*innen gearbeitet (zum Googeln: Kamancello, c_RL, Pantoya) und klingt nun anders und doch immer noch nach Austra. Der erste Schreck – die seltsame (und fragwürdig ausgewählte) Vorabsingle „Risk It“ mit ihrem hochgepitchten und an der Weinglaszerschellung arbeitenden Refrain (Arme hoch, wer da noch „Whisky“ statt „Risk It“ hört), die mit einer reichlichen halben Stunde leider recht knappe Albumdauer – verfliegt zum Glück größtenteils, denn die meisten anderen Songs sind deutlich besser.

Der Sound ist allerdings (trotz der Ausgangslage) generell heller und klingt unelektronischer als gewohnt. Und an ein paar Stücken hat man schon noch zu kauen (das anstrengende, aber zum Glück kurze „Your Family“, der Kinderchor in „Mountain Baby“, die eher unnötigen Interludes). Aber dann finden sie sich doch, die Höhepunkte: der mystische Opener „Anywayz“, die Streicher von „All I Wanted“, das stark arrangierte „It’s Amazing“ und vor allem die überragenden Synthie- und Gesangszaubereien „How Did You Know?“ und „I Am Not Waiting“. – 7 von 10 Polypeptiden

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Letzte Aktualisierung: 27.6.2020 (c)

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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