Es ist kaum zu glauben, aber es ist fast 40 Jahre her, dass eine der erfolgreichsten britischen Popgruppen aller Zeiten gegründet wurde: Erasure. Vince Clarke verließ Yazoo auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs – nach einem posthumen britischen Nummer-eins-Album – und auch das Projekt The Assembly war nur von kurzer Dauer. Heute ist es Andy Bell, die eine Hälfte von Erasure, der den Moment feiert: Mit seinem zweiten Soloalbum „Ten Crowns“ landete er den zweithöchsten Neueinstieg in die UK-Albumcharts. Er schaffte es auf Platz 14. Einen Tag vor Veröffentlichung des Albums startete Andy eine Solotournee durch die wichtigsten Städte des Vereinigten Königreichs. Wir standen währenddessen in Kontakt – aber erst jetzt, in einer kurzen Verschnaufpause vor dem nächsten Auftritt (am 12. Juni in der Frankfurter Batschkapp), konnte er meine Fragen beantworten.
Der Leser möge dieses Gespräch mit offenem Herzen lesen. Auf der anderen Seite der Leitung: Mr. Andrew Bell.
dm.de: Hallo Andy! Zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meine Fragen zu beantworten – und herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von „Ten Crowns“ sowie zum erfolgreichen Start deiner Tour!
Deine Solotournee begann am 1. Mai in York, und nur einen Tag später erschien dein neues Album. Lass mich mit einer obligatorischen Frage beginnen: Wie aufgeregt warst du – nach fast vier Jahrzehnten in der Popbranche – vor dem ersten Auftritt? Wie hat das Publikum auf den Tourauftakt reagiert? Und jetzt, wo der erste Teil der Tour vorbei ist: Welches Konzert ist dir am meisten in Erinnerung geblieben – und warum?
Andy Bell: Man kommt nicht drum herum – vor der ersten Show ist man immer nervös. Das ist ganz normal.
Aber wir hatten zuvor in Nashville geprobt und bereits einen Warm-up-Gig auf einem Schiff gespielt – der lief richtig gut. Es ist ein Vergnügen, Andy Whittle (Erasure-Tourmanager, Anm. d. Verf.) dabei zu haben – mit ihm fühlt man sich in sicheren Händen. Mein Partner Stephen hat das ganze Projekt organisiert und sogar ein eigenes Label für Ten Crowns gegründet. Mann, das war eine Menge Arbeit! Ich hatte keine Ahnung, wie viel da dranhängt. Meine Lieblingsshows waren definitiv London – und das kleine Theater in Wales, das früher als Krankenhaus für verwundete Soldaten diente. Das hatte eine ganz besondere Atmosphäre.
dm.de: Für alle, die sich die Setlist noch nicht angesehen haben: Wie sieht sie aus – natürlich ohne Spoiler? Wird sich im Laufe der Tour noch etwas daran ändern?
AB: Es sind sechs brandneue Songs dabei, eine großartige Coverversion und einige neu arrangierte Erasure-Stücke.
An der Show selbst wird sich grundsätzlich nichts ändern – es sei denn, wir nehmen einen Song dazu oder lassen einen weg.
dm.de: Der „Titel Ten Crowns“ klingt wie ein modernes Märchen – als würde ein armer Junge am Ende das Königreich gewinnen. Würdest du sagen, dass das Album auch deinen persönlichen Werdegang widerspiegelt? Und wie hast du es geschafft, im Laufe deiner Karriere so positiv und aufbauend zu bleiben?
AB: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wir konnten uns einfach keinen passenden Albumtitel ausdenken – und dann ist es irgendwie passiert: Ich habe mir in Miami zehn Zahnkronen einsetzen lassen. Das letzte Mal, dass ich das machen ließ, war damals – vor der Veröffentlichung der „ABBA-Esque“ EP. Deshalb hatte ich das Gefühl, dass das Ganze eine gewisse magische Bedeutung bekommen hat!
Was mein gewachsenes Selbstvertrauen angeht – ja, das stimmt schon. Aber ich weiß wirklich nicht, woran es liegt.
Vielleicht hat es mit dem Älterwerden zu tun … und damit, dass ich mich endlich stark genug fühle, um auf eigenen Beinen zu stehen.
dm.de: Die neuen Songs sind wirklich großartig – fast jeder Track hätte das Potenzial, ein Hit zu werden, nicht nur die cluborientierten. Was, glaubst du, macht „Ten Crowns“ so besonders? Lag es an der perfekten Kombination aus Menschen, Timing und Kreativität?
AB: Ich denke, es war einfach die Summe aus allem. Dave und ich haben lange und intensiv daran gearbeitet, das Album wirklich rund zu machen. Nach dem „Neon“ Album habe ich gemerkt, dass sich in mir etwas verändert hat – besonders in Bezug auf mein Selbstvertrauen. Und ich habe das Gefühl, dass ich jetzt endlich die Anerkennung bekomme, die ich verdiene.
dm.de: Mit dem Duett mit Debbie Harry ist einer deiner großen Träume wahr geworden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Kannte Debbie die Blondie-Covers von Erasure? Und hat euer Song – abgesehen vom Titel – etwas mit Debbies Filmsoundtrack „Liar, Liar“ zu tun?
AB: Ich wusste, dass Debbie eine gewisse Schwäche für die Worte „Liar” und „Heart” hat. Sie hat den Song mit Bravour eingesungen – darüber freue ich mich riesig! Die Bürokratie hinter den Kulissen war allerdings eine ganz andere Geschichte.
dm.de: Es gibt auch ein wunderbares Duett mit Sarah Potenza: „Lies So Deep“. Du hast bereits mit großartigen Künstlerinnen wie K.D. Lang, Claudia Brücken und Cyndi Lauper zusammengearbeitet. Gibt es noch weitere Künstler:innen, mit denen du gerne einmal kollaborieren würdest?
AB: Nun, ich würde sagen: Annie Lennox, Barbra Streisand und Kylie – das sind die Namen, die mir als Erstes einfallen.
dm.de: Das Ten Crowns-Album zeigt deine jahrzehntelange Leidenschaft für Disco – aber auch deine weniger tanzbare, emotionalere Seite. Tracks wie „Dawn of Heaven’s Gate“ sprechen besonders jene Fans an, die die dunklere, introspektive Seite des Synth-Pop lieben. Spiegelt dieser Song die Sehnsucht nach einer besseren Welt wider – jenseits leerer politischer Versprechen?
AB: Wir beten immer und immer wieder für eine bessere Welt – aber solange wir einander und den Planeten abschlachten,
wird sich daran nichts ändern.
dm.de: „For Today“ fängt – meiner Meinung nach – den Geist des frühen 80er-Jahre-Synth-Pop ein: rein, energiegeladen und absolut tanzbar. Du hast einmal gesagt, dass du dir bei Clubmusik heute nicht mehr ganz sicher bist, obwohl du selbst gern tanzt. Gibt es Künstler:innen, deren Musik dich auch zu Hause noch in Bewegung bringt?
AB: Wenn es um diese Art von Musik geht, dann gehören für mich Rihanna, Robyn und Róisín Murphy zu den allerbesten Künstlerinnen.
dm.de: Der letzte Song auf dem Album, „Thank You“, wirkt wie ein gefühlvoller Moment – fast a cappella, ganz nah und reduziert. Wie schaffst du es, dass deine Stimme auch nach all den Jahren noch so stark und berührend klingt? Vince Clarke hat 1985 auf jeden Fall die richtige Wahl getroffen!
AB: Um ehrlich zu sein – ich weiß es nicht genau. Man muss sich einfach voll darauf einlassen … und seine Lebenserfahrung mit in die Stimme legen.
dm.de: Die Zusammenarbeit mit Dave Audé scheint sehr produktiv gewesen zu sein. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit ihm von der mit Vince Clarke?
AB: Dave ist ein supernetter Typ – genau wie Vince übrigens. Aber ich glaube, das Songwriting fühlte sich diesmal nicht ganz so ernst an … vielleicht, weil es keine festen Deadlines gab!
dm.de: Apropos Vince: Hat er dir Feedback zu „Ten Crowns“ gegeben? Welcher Song hat ihm am besten gefallen – und besteht vielleicht sogar die Möglichkeit, dass er einen Remix dazu beisteuert?
AB: Vielleicht gibt es ja einen Remix, den er wirklich großartig fand – und er hat mir gesagt, dass ihm mein Gesang besonders gut gefallen hat.
dm.de: Im nächsten Jahr steht das 40-jährige Jubiläum des Erasure-Debütalbums „Wonderland“ an. Abgesehen von den Fanclub-Abenden im September 2025, die ja in Rekordzeit ausverkauft waren: Was könnte die Feierlichkeiten für die Fans noch abrunden? Gibt es bereits Pläne für neues Material oder eine Tournee?
AB: Noch gibt es keine konkreten Pläne!
dm.de: 1994 hast du das Erasure-Album „I Say I Say I Say“ mit den Worten beworben: „Man kann es auf dem Walkman hören, im Auto – einfach überall.“ Wem würdest du Ten Crowns heute empfehlen – und für welche Gelegenheiten im Jahr 2025?
AB: Jeder Freundesgruppe, die nach einer langen Nacht in der Kneipe nach Hause kommt, sollte unbedingt noch eine kleine Tanzparty veranstalten, um den Abend stilvoll ausklingen zu lassen.
dm.de: Deine Solo-Tournee wird in Deutschland fortgesetzt – einem Land, in dem Erasure von Anfang an auf große Unterstützung zählen konnte. Welche Erinnerungen oder Verbindungen kommen dir in den Sinn, wenn du an eure deutschen Fans denkst?
AB: Die deutschen Fans sind immer sehr freundlich – und direkt, was ich sehr schätze. Ich habe wirklich das Gefühl, dass sie sich um mich kümmern wollen.
dm.de: Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Interview aus dem Jahr 1994, in dem du erzählt hast, dass deine erste Auslandsreise im Rahmen eines Schüleraustauschprogramms nach Nettetal führte – ein schöner Zufall, wenn man bedenkt, dass Martin Gore von Depeche Mode eine ganz ähnliche Erfahrung gemacht hat. Er hat kürzlich in einem Podcast sogar erwähnt, dass er bis heute Kontakt zu seinem damaligen deutschen Freund Uwe hält.
Hast du ähnliche Erinnerungen oder dauerhafte Verbindungen zu Deutschland aus deiner frühen Zeit?
AB: Eine meiner alten Brieffreundinnen, Karin, kam einmal zu einer Signierstunde, um mich zu treffen. Ich habe mich total gefreut, sie zu sehen – und hab sie spontan in den Arm genommen. Ich glaube, sie war ein bisschen überrumpelt!
dm.de: Dein Deutsch ist allgemein bekannt und geschätzt – nicht nur unter den Fans! Möchtest du deinen deutschen Leser:innen eine kurze Nachricht direkt auf Deutsch schicken?
AB: „Ich bin sehr erfreut wieder in Deutschland zu sein werden & hoffe dass Sie unsere neue Lieder magen sollen! Viele Grüsse Andy.“
(Andy Bell hat diese Botschaft für seine Fans selbst verfasst – mit seinem ganz eigenen, liebevollen Stil. Und genau so lassen wir sie auch stehen.)
Zum Schluss: Live in Deutschland – Juni 2025
Andy Bell geht mit „Ten Crowns“ auf Deutschlandtour und macht zwischen dem 12. und 19. Juni in sechs Städten Station.
Wer ihn live erleben möchte, hat jetzt die Gelegenheit – mit einem Mix aus neuen Songs, Klassikern und ganz viel Herz.
Tickets & Infos: www.andybell.com/live
Tolles Interview, war schön zu lesen!
Ich fänd ja auch ein Duett zwischen Andy Bell und John Grant irgendwie spannend – wäre mal eine ganz eigenartige Chemie :)