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Bevor wir euch morgen mit unserem nächsten Album des Monats erfreuen, haben wir noch ein Interview mit der aktuellen Preisträgerin für euch. Ein Gespräch mit Róisín Murphy über Architektur, Regieführen und haarigen Humor.

dm.de: Ich habe gestern dein neues Video („Ten Miles High“) gesehen. Sehr kaleidoskopartig. Wie kamst du auf die Idee dazu?

Róisín Murphy: Es begann damit, dass ich Architektur liebe. Wenn ich unterwegs bin, mache ich ständig Fotos von Gebäuden. Ich stelle die Fotos dann auf Social-Network-Plattformen bei Facebook & Co., wo es um postmoderne Architektur oder Brutalismus geht. Dann werden die Fotos da diskutiert, und das hat irgendwie mein Interesse an Architektur wiederbelebt. Eine Leidenschaft, die ich schon als Teenager hatte. Und dann habe ich all die Baustellen wahrgenommen. In London gibt es eine unglaubliche Menge davon. Dort habe ich die Arbeiter auf diesen Baustellen beobachtet, mit ihren Helmen und Lampen, habe Hunderte von Fotos gemacht. Es wurde zu einer Besessenheit, und dann wollte ich ein ganz anderes Video als bei „Hairless Toys“ drehen, wo ich ja auch schon bei allen Videos Regie geführt hatte. Die waren eher so altmodisch, irgendwo in der Geschichte eingefangen, in meiner Erinnerung, den 70ern und 80ern, eventuell noch den 90ern. Als Reaktion wollte ich etwas machen, das total im Jetzt steht. Was mich dazu brachte, wie wir das Video aufgenommen haben, in einer Art Guerilla-Dreh. Wir sind überall in London herumgelaufen, mit einer sehr kleinen Kamera und einem sehr weiten Winkel. Dann habe ich kurze Filme für verschiedene Teile des Albums gedreht, als Appetizer für Instagram und so weiter. Ich habe dabei diese Spiegelfunktion entdeckt. Die ist so einfach und sieht so toll aus [lacht]! Die habe ich in allen Richtungen ausprobiert. Ich wollte immer so eine konstruktivistische Collage.

Man sieht das auch an der Farbpalette, finde ich. In den Videos zum letzten Album war viel Braun, so 70er-kinomäßig. Das Neue sieht realistischer und auch futuristischer aus. Werden die nächsten Videos auch in diesem Stil sein?

Ich weiß noch nicht, wo die nächsten Videos mich hinführen.

Was hältst du denn eigentlich von moderner Architektur, speziell in London?

Ich liebe sie. Ich drehe meistens in der Gegend um die Tottenham Court Road. Sie machen da rund um die Underground Station alles neu. Im Moment wird da ein Hochhaus rekonstruiert, das Centre Point Building. Wenn die Plane abkommt, wird man sehen, dass das großartig geworden ist. Mit einem großen Glas-Atrium, das in den Bahnhof hinunter führt. Da sind noch mehr Gebäude im Stadtzentrum, z.B. farbige Blöcke von einem, ich glaube, italienischen Architekten. Ja, ich liebe Architektur, daher sehe ich sie auf eine andere Art. Ich habe sie jahrelang nicht (mehr) so gesehen. Aber als ich als 17-jähriger Teenager durch Europa gereist bin und mir moderne Architektur angesehen habe, waren meine Augen wirklich offen dafür. Dann kam ich zur Musik, und meine Augen haben so langsam nicht mehr darauf geachtet. In den letzten Jahren kam das wieder zurück, vor allem durch das wachsende Interesse am Brutalismus. Das brachte mich dazu, mir alte Betongebäude intensiver anzuschauen. Was Leute früher als hässlich bezeichnet haben, finden heute wieder viele wunderschön.

Da könntest du hier in Berlin auch einige interessante Gebäude finden.

Absolut! Immer, wenn ich einer neuen Stadt aus dem Flugzeug steige, drehe ich mich in alle Richtungen und schnappe neue Eindrücke auf. Vielleicht hat das auch mit dem Älterwerden zu tun, wenn die Zeit gefühlt knapper wird, dass man sich mehr umschaut und die Eindrücke zu absorbieren versucht.

Ich habe immer erwartet, dass du mal in Richtung Film gehst. Allerdings dachte ich da eher an dich als Schauspielerin, aufgrund deiner Shows und Videos. Wie kamst du zum Regieführen?

Ich sah, wie andere Künstler Regie bei ihren Videos führten und war ein bisschen eifersüchtig. Da war etwas in meinem Bauch, das sagte: Verdammt, ich kann das auch! [lacht] Das ließ mich erkennen, dass das etwas ist, was ich wirklich machen will. Vor dem ersten Video hatte ich richtig Angst. Als wir das erste Video für „Hairless Toys“ drehen wollten, stand da nicht viel Geld für die Regie zur Verfügung. Und ich merkte, dass ich mehr Erfahrung hatte, als diejenigen, die man mir vorschlug. Ich wusste mehr darüber, was ich an einem Tag des Shootings schaffen konnte, ich fühlte, dass ich da besser organisiert war als sie. Das brachte mich zu dieser Entscheidung.

Würdest du zukünftig auch Videos für andere Künstler drehen?

Ja. Das kommt natürlich auch darauf an, was das für Künstler sind.

Depeche Mode bringen demnächst ein neues Album heraus…

Ich bin bereit! [lacht]

Wären auch Spielfilme ein Thema?

Warum nicht? Vielleicht in der Zukunft. Vielleicht kann ich aber auch etwas für Galerien drehen, als Visual Artist. Ich bin da im Moment sehr offen. Aber natürlich gehen jetzt erst mal das neue Album und dessen Unterstützung vor.

Dann kommen wir mal zur Musik. Ihr habt „Hairless Toys“ und „Take Her Up To Monto“ zur gleichen Zeit geschrieben. Wie hast du entschieden, welcher Song auf welches Album gehört?

Rein instinktiv. Ich denke, einige der Songs auf „…Monto“ sind etwas extremer. „Hairless Toys“ ist wie das nette Kind, während „…Monto“ das Problemkind ist. Mit ein paar extremeren Elementen. Da sind einige Songs drauf, vor denen wir uns ein bisschen gefürchtet haben. Wie „Mastermind“ oder auch „Ten Miles High“ mit seinem „Bom-bom-bom“. Das war eine sehr poppige Bassline – und wir dachten so, huch, wir machen doch eigentlich keine Popmusik!

Ich mag die industrial-artigen Percussion-Sounds in „Ten Miles High“. Die passen auch gut zum Look des Videos. Vielleicht war da von Anfang an schon ein Gedanke daran?

Ja, vielleicht unterbewusst. Ich drehe meine Videos gerne passend zum Song. Das liegt womöglich daran, dass diejenige, die den Song singt, es selber macht. Da ist eben eine Verbindung vorhanden.

Im Gegensatz dazu steht dann mitunter ein Regisseur, der kein Gefühl für den Song hat.

Genau.

Habt ihr bei der Produktion etwas zum letzten Album verändert, so musikalisch?

Diese Produktion ist weniger schick oder extravagant als zuletzt. Da hatten wir Gastmusiker und so weiter. Dieses Mal sollte es etwas roher werden… Wenn Eddie [Stevens, Murphys Co-Songwriter und Produzent, Anm. d. Red.] danach gefragt wird, zeigt er den Leuten immer sein Studio und die Gerätschaften darin. Wir haben beide Alben im gleichen Studio aufgenommen.

Du warst von Anfang deiner Karriere an immer schwer musikalisch einzuordnen. Das gilt besonders für das neue Album. Bei „Hairless Toys“ kann man noch House-Einflüsse nennen, bei „…Monto“ lassen sich kaum noch Kategorisierungen vornehmen. Du denkst nicht in solchen Bahnen, oder?

Doch, manchmal schon. Wenn es angebracht ist. Ich mache ja auch reine Dance-Music. „Jealousy“ [Dance-EP von 2015] zum Beispiel. Das muss dann auch Musik sein, zu der Leute tanzen wollen. Sonst hat das keinen Erfolg. So etwas macht mir auch Spaß, sogar die Disziplin, die es erfordert. Aber mit einem Produzenten wie Eddie Stevens hat es überhaupt keinen Sinn, formelhaft zu denken. Da müsste ich ihn schon auspeitschen [lacht]. Er ist fast schon ein Prog-Typ. Wenn man ihn live sieht, er tourt ja schon seit Moloko-Zeiten mit mir und ist da auch Arrangeur und Musical Director, dann merkt man das.

Also musstest du ihn mitunter bremsen?

Nein, ich bin zu alt um das zu versuchen [lacht]. Ich bin mittlerweile zu weise, etwas aufhalten zu wollen, das auf natürlichem Wege herauswill. Man muss eben mitgehen, selbst wenn es furchteinflößend wird. Was Prog wirklich ist. Aber ich bin zu lange dabei um noch zu versuchen aus einem Quadrat einen Kreis zu machen.

Die Songs sind größtenteils ziemlich lang, mindestens fünf, sechs Minuten zumeist. Und einige verändern sich viel während ihrer Laufzeit.

Ja.

Mastermind“ hat diese tolle Stelle nach ca. vier Minuten, wo das Tempo anzieht…

Dieser Italo-Moment, ja.

Und „Thoughts Wasted“ klingt fast wie drei Songs in einem. Erst dieser schöne elektronische Song, dann der klassische Teil und dann…

Das Gedicht.

Planst du so etwas vorab oder fügst du diese Teile später zusammen?

Ich kam ja zur Musik eher zufällig, über diese Freund-Freundin-Geschichte. Indem ich sagte: „Do you like my tight sweater?“ [was dann 1995 zum Titel des Debütalbums von Moloko wurde]. Ich bin mit meinen Kollaborateuren und Produzenten immer sehr vertraut. Was ich auf der Platte mache, ist eine Reaktion darauf, was im jeweiligen Moment in der Musik passiert. Selbst wenn da ein paar komplexe Arrangements sind, glaub‘ mir, die ergaben sich ganz natürlich.

Der Titel des Albums bezieht sich auf einen alten irischen Song, einen Folk Song…

Das ist eigentlich kein Folk Song. Es ist eine urbane, schlaue Satire. Geschrieben in den 50er Jahren von einem Mann, der Kunstkritiker und massiver Jazz-Liebhaber war. Dem Nummer-Eins-Jazz-Enthusiasten in Irland. Der Song ist sehr politisch, baut viel Geschichte mit ein und ist ein sehr cleverer Song. Es ist ein Song aus und über Dublin.

Singst du diese irischen Songs gelegentlich, vielleicht für deine Kinder?

Das tue ich, gelegentlich.

Wo du gerade Satire ansprachst: Ich denke, Ironie und Satire erkennt man häufiger auch in deinen Songs. Humor ist wichtig in der Welt, in der wir leben, oder?

Wenn du keinen Sinn für Humor hast, bist du kein interessanter Mensch. So bewerte ich Menschen für gewöhnlich. Das ist die einzige Bewertung, die ich mache. Wenn jemand null Sinn für Humor hat, möchte ich wirklich nicht mit ihm herumhängen. So einfach ist das.

Meine volle Zustimmung. Dann kann ich ja noch diese Frage stellen: Letztes Mal gab es „Hairless Toys“, dieses Mal haben wir „Pretty Gardens“ – was, zumindest oberflächlich betrachtet, eine gewisse…

Haarigkeit [sie sagt „hairyness“] hat. [lacht schallend]

Ganz genau, Haarigkeit. Wo kommt die Faszination dafür her?

Ich weiß nicht, das kann ich nicht beantworten. Das ist eine sehr persönliche Frage. [lacht weiter schallend]

Dann belassen wir es dabei. Liebst du es, die Perspektive anderer Personen einzunehmen? In „Nervous Sleep“ sprichst du ja aus der Perspektive eines Mannes.

Ich nehme mir, was ich brauche um voranzukommen. Der Interviewer vor dir fragte, ob ich jetzt gleich zwei Alben geschrieben hätte, weil ich vorher eine Weile nichts gemacht hätte. Ob das jetzt alles rausgekommen sei. So funktioniert das aber nicht. Es ist nicht wie ein Krug mit Wasser, aus dem man etwas ausschenkt. Man muss sich in die richtige Position bringen. Du gehst zur Arbeit, selbst als Künstler. Du setzt dich hin und bringst dich dazu zu arbeiten. Sich zu konzentrieren, egal worauf, ist nicht einfach. Ich merke das jetzt, wo ich Kinder habe. Ich kann ihnen nicht vortäuschen, dass die Konzentration auf etwas eine leichte Sache ist. Man muss sein Gehirn benutzen wie einen Muskel. Es könnte alles Mögliche sein, was mich zu einem Songtext führt. Etwas, das ich in einem Buch lese, ein Magazin, das ich durchblättere, etwas, das ich jemanden sagen höre. Ich muss alles zulassen.

Wie ein Schwamm, sozusagen.

Genau. Alles, was mir helfen könnte. Ich habe die Werkzeuge und muss sie nutzen. Ich habe große Skizzenbücher mit Zeitungsauschnitten und so weiter, ich mache Wortcollagen. Das hilft mir manchmal mich anzutreiben oder, wie in diesem Falle, in den Charakter zu schlüpfen.

Was ist in der nächsten Zeit geplant? Festivals, Touren?

Größtenteils Festivals im Sommer. Nächstes Jahr vielleicht die USA.

Also werden wir dich hier demnächst nur auf einem Festival [dem Lollapalooza im September] sehen?

Das weiß ich noch nicht genau. Ich denke schon, dass ich demnächst wieder hier sein werde. Es gibt viel Liebe hier in Berlin und Deutschland für das, was ich gemacht habe.

Zum Abschluss fragen wir immer gern, was gerade im Tourbus rotiert. Du bist zwar gerade nicht auf Tour, aber was läuft so aktuell an Musik bei dir?

Ich habe letztens einen Produzenten namens Maurice Fulton entdeckt. Der ist einer meiner Favoriten derzeit. Und ein deutscher Produzent, DJ Koze. Der schickt mir Musik und ist sehr lustig und talentiert.

Gehst du heutzutage noch in Clubs?

Nicht mehr oft. Aber ich war zuletzt bei Harvey im Ministry of Sound in London. Der hat da sieben Stunden nonstop aufgelegt. Großartig. Aber es war voller alter, na gut, mittelalter Leute da, alle so um die 30, 40. Verrückt.

Vielen Dank für das Interview!

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P.S. Róisín Murphy spielt am 11.09. auf dem Lollapalooza Festival in Berlin.

www.roisinmurphyofficial.com
www.facebook.com/roisinmurphy

Letzte Aktualisierung: 18.8.2016 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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