Pink Floyd - The Endless River

Pink Floyds finales Werk – The Endless River – ist mit Sicherheit eine der am meisten erwarteten und doch unerwarteten LPs des Jahres. Hatten viele schon längst mit dem Gedanken abgeschlossen, jemals wieder musikalische Klänge der Briten zu Ohren zu bekommen, war es beinahe ein Schock, als Polly Samson, David Gilmours Ehefrau, in einem Tweet diesen Sommer ganz beiläufig erwähnte, dass das neue Pink Floyd Album ein “Schwanengesang” des verstorbenen Rick Wright sei. Das Internet und die Musikwelt standen Kopf.

Nun ist das Werk erschienen und die drängende Frage, ob es gut sei, wird versucht zu beantworten.

Eines vorweg: Was viele vergessen ist, dass die verbliebenen Pink Floyd Mitglieder David Gilmour und Nick Mason stets betont haben, dass dieses Werk in erster Linie ein Tribut an Rick Wright sei. So stehe ganz klar sein unnachahmliches Klavierspiel im Vordergrund, seine Synthesizer-Harmonien und die epischen Orgelstücke.

Und genau so ist es. Das Album ist eine gelungene Hommage an Rick und sollte nicht mit einem „klassischen“ Pink Floyd Album (natürlich denken die meisten an „Dark Side Of The Moon“ oder „Wish You Were Here“) verwechselt werden. Los geht es in typischer Pink Floyd-Manier, mit Stimmen und weltraumartigen Klängen. Das Album hat ein Konzept und fließt sachte von einem Song zum nächsten.

David Gilmours Gitarrenspiel klingt vertraut und ihm gelingt, wie so oft, die geniale Zurückhaltung. Es ist wenig Düsternis vorhanden – mehr Mysterium.
Dennoch knüpfen die düstereren Elemente an vergangene Floyd-Zeiten an. So geschehen in „Sum“, das in seiner Dynamik an „Run Like Hell“ von „The Wall“ erinnert, und „Skin“, einem aufwühlend rhythmischen Stück, welches sich zum bedrohlichen „Calling“ zuspitzt. „Eyes To Pearls“ wird aufgelöst durch das kathartische „Surfacing“. An manchen Stellen, wie an dieser, erscheint die Melodie ein wenig „over the top“ und wirkt sehr süßlich bis hin zu kitschig („Anisia“). Gelungene Stimmungswechsel gelingen jedoch anschließend mit atmosphärischen, melancholischen Noten.

Sehr groovig wird es in „On Noodle Street“. „Night Light“ klingt, als schwirrten Irrlichter durch die Nacht, verschmitzt hier und da aufblinkend. Der Übergang zu „Allons-Y“ ist kraftvoll. „Autumn ‘68“, mit sakralem, epischem Orgelspiel stellt Rick Wrights Können besonders in den Vordergrund. „Talkin’ Hawkin’“ erhält durch die Sprachsequenzen des britischen Physikers Stephen Hawking, gepaart mit souligen Backgroundsängerinnen, eine sehr spezielle Note.

Betrachtet man es als das Konzeptalbum, das es zweifellos sein soll und auch ist, erlebt man mit The Endless River einen Fluss aus Melodien. Achtet man nicht auf die Playlist, sondern hört das Album mit geschlossenen Augen, könnte man nicht immer sagen, wann ein Song aufhört beziehungsweise beginnt. Die musikalischen Motive greifen ineinander über und behalten den Bezug zueinander. „Louder Than Words“ lässt die Glocken des „The Division Bell“-Höhepunkts „High Hopes“ wieder erklingen und kann als endgültiges Abschiedsläuten seitens Pink Floyd gedeutet werden. Es ist der einzige Song auf „The Endless River“, der einen Text besitzt. Geschrieben von Gilmours Frau Polly Samson, die auch schon die Texte zu „The Division Bell“ schrieb, soll der Song Pink Floyds Art, zusammen Musik entstehen zu lassen, beschreiben.

Während „Louder Than Words“ als Titel sehr gelungen ist, erscheinen einige Zeilen aus dem Text doch sehr platt und erinnern schmerzlich daran, dass Roger Waters ein brillanter Schreiber mit einem unnachahmlichen Sprachgefühl war. Auf The Endless River findet sich nichts vergleichbar Episches wie „Echoes“, „Shine On You Crazy Diamond“ oder „Astronomy Domine“. Was definitiv eine Reminiszenz an Vergangenes ist, sind Allusionen zu Kommunikationsproblemen („Things Left Unsaid“, „Unsung“, „Talkin’ Hawkin’“).

Abgesehen davon ist Pink Floyds letztes Album ein zurückhaltender Abschied von einer großartigen Band, die sich entschieden hat, nicht mit einem Paukenschlag abzutreten, sondern langsam auf ihrem Boot hinfort zu fahren.

 Eleni Blum
"The only truth is music" (Jack Keruac) - mit diesem Satz ist alles gesagt. Eleni studiert zur Zeit im Master und begeistert sich für das Schreiben und Musik in all ihrer Vielfalt. Zusätzlich zur Uni arbeitet sie als freie Mitarbeiterin bei der Lokalzeitung sowie - besonders gern natürlich - bei depechemode.de und kümmert sich um die Kommunikation verschiedener Musiker (Künstlerprofile, Liner Notes, Social Media u.v.m).

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Kommentar

  1. Christian
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    2.12.2014 - 18:23 Uhr

    sehr schöne Rezension...

    Das ist mal eine dem Album letztendlich gerecht werdende Rezension und nicht eine von diesen „das ist ja gar nicht ‚Dark Side Of the Moon 2′“-Rezensionen. Ich finde das Album auch sehr gelungen, unabhängig davon, ob es ist im Schatten der großen Werke steht. Doch ohne Rick und Roger, kann man Pink Floyd meiner Meinung auch nur noch als Nachhall im Schatten verstehen… Da pumpt halt nur das halbe Herz, aber es pumpt und verabschiedet sich mit letzter Kraft gen Himmel ;)