John_Grant_Grey_Tickles_Black_Pressure_PackshotJohn Grant geht den Weg, den er mit seinem großartigen zweiten Soloalbum „Pale Green Ghosts“ eingeschlagen hat, unbeirrt weiter. Will heißen: Der Mann mit der sensationellen Stimme mischt immer unbekümmerter Stile, Instrumente und Sounds, von der intimen Ballade bis zum Electrobrummer. Ein Fest.

Wie gesagt, mit dem letzten Album fing die Großartigkeit so richtig an. Vorher war Grant Frontmann von The Czars und dann nach reichlich gutem Zureden und mit Unterstützung seiner Freunde von Midlake auch erstmals solo aktiv. Doch noch ohne all die elektronischen Spielereien. Das kann er auch sehr gut, wie die Aufnahme seines Konzerts mit dem BBC Philharmonic Orchestra aus dem vorigen Jahr beweist.

Doch erst, wenn er Geist und Sounds völlig frei drehen lässt, wird es richtig genial. Man höre nur die ersten drei, vier Stücke des neuen Albums. Als Intro fungiert ein Bibelvers, multilingual vorgetragen – kein Wunder, ist doch Grant selbst halber Dolmetscher und zahlreicher Sprachen, auch der deutschen, mächtig. Dann kommt der Titelsong (auch hier ist die Bedeutung übrigens mehrsprachig, „Black Tickles“ stammt aus dem Isländischen – dort lebt Grant derzeit – und bedeutet Midlife Crisis, „Grey Pressure“ ist dagegen die Übersetzung von Ohnmacht aus dem Türkischen), mit Streichern, Chor und ganz viel Dramatik inszeniert. Zuzüglich Grants speziellen und gerne rabenschwarzen Humors. Klar, wen das Schicksal beutelt (Grant war früher drogensüchtig und ist HIV-infiziert), der braucht das auch.

Im nächsten Stück („Snug Slacks“) kippt er die Opulenz aus dem Fenster und lässt stattdessen die Synthies knarzen und den Funk ins Haus, bevor „Guess How I Know“ schmutzige Gitarren auspackt. Im Anschluss liefert er auf „You And Him“, unterstützt von Amanda Palmer, ein perfektes Beispiel für die gelungene Abrechnung mit dem Ex: „You and Hitler oughta get together. You oughta learn to knit and wear matching sweaters.“ Köstlich.

Und die Vielfalt zieht sich komplett weiter durch das Album. Nach dem wunderschön melodischen „Down Here“, knattern durch „Voodoo Doll“ wieder die Synthies, während „Global Warming“ fast Richtung Easy Listening ausschlägt. Freunde analoger Synthesizer kommen beim düster-coolen Highlight „Black Blizzard“ auf ihre Kosten, und das eingängige „Disappointing“ mit Tracey Thorn ist völlig zu Recht eine Single geworden, flott, poppig und mit einem höllischen Synthesizer-Break.

Mit den letzten beiden Songs vor dem das Intro wieder aufgreifenden Outro wird es noch richtig episch, „No More Tangles“ und „Geraldine“ bieten großes Orchesterdrama und beschließen ein starkes Album eines eindrucksvollen Künstlers, der mit seiner fantastischen Stimme und einzigartigen Texten noch die unterschiedlichsten Stile unter einen Bart bekommt. Wir freuen uns auf die anstehenden Konzerte!

Die depechemode.de-Wertung:
9 / 10

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P.S. Und hier die Tourdaten:
24.11. Köln – Bürgerhaus Stollwerck
25.11. Hamburg – Uebel & Gefährlich
26.11. Berlin – Postbahnhof

P.P.S. Und hier noch ein schöner Kurzfilm, aufgenommen während einiger Konzerte in Großbritannien, die John Grant Ende 2014 mit The Royal Northern Sinfonia bestritt:

www.johngrantmusic.com
www.facebook.com/johngrantmusic

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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