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Nach den (fast) vergessenen Perlen des vergangenen Jahres nun noch der Rest-Rundumschlag zum letzten Quartal im Schnelldurchlauf. Mit Floating Points, Steven A. Clark, Go March, Lusts, Erotic Market, President Bongo, The Chap, Sawlin, Cardopusher, Claptone und Colder.

floating_elaeniaSam Shepherd hat fünf bis acht Jahre an seinem Debütalbum „Elaenia“ gearbeitet. Währenddessen ist er mit zahlreichen Singles, Maxis und als DJ schon deutlich bekannter geworden – natürlich unter seinem Künstlernamen Floating Points -, weshalb die Erwartungen nicht eben gering waren. Wer nun Clubfutter erhoffte, wird größtenteils enttäuscht. Stattdessen gibt es Anspruchsvolles und experimentell Dahinfließendes, Ambientes, ja, sogar Jazz und klassische Elemente – und ab und zu dann doch auch Beats zur Elektronik. Das braucht ein bisschen, ist dabei aber überhaupt nicht anstrengend. Nur Geduld. Lohnt sich.

clark_rollerElectropop trifft R’n’B, damit liegt Steven A. Clark derzeit eigentlich voll im Trend. Trotzdem ist er bislang noch eher so der Geheimtipp, vielleicht weil es bei ihm doch auch mal etwas düsterer und gänzlich ohne Blingbling-Connections zugeht. Wünschen wir dem Nordkarolinier und seinem Debütalbum also den Durchbruch und freuen uns über wunderschöne Popsongs wie den Titeltrack „The Lonely Roller“ oder „Can’t Have“, das auch auf dem „Drive“-Soundtrack eine gute Figur gemacht hätte.

go_marchMogwai trifft Kraftwerk? Eine gewagte Umschreibung, aber hört man „Go March“ das Debüt der gleichnamigen Band aus Antwerpen, darf man anerkennend zugeben: Da ist was dran. Instrumental, mit Gitarre, Schlagzeug und (viel) Synthesizer bewaffnet, bewegt das Trio sich gekonnt zwischen Post- und Krautrock. Ja, und dass die Atmosphäre von David Lynch beeinflusst ist, passt auch.

lusts_illuminationsLeicester ist ja im Moment bei Fußballfans ein dickes Ding. Eine Außenseitertruppe mischt an der Spitze der teuersten Liga der Welt mit, unerhört. Doch auch musikalisch gibt es Erbauliches: Lusts nämlich. Zwei Brüder borgen sich für „Illuminations“ das Beste aus dem New Wave der 80er – den Sound von Echo & The Bunnymen (und anderen, ihr Cure-Fans da draußen), einen Songtitel von New Order… doch das macht nichts, denn ihre Popsongs sind so schmissig, dass das Album einfach Spaß macht.

erotic_blahWir bleiben bei aufgesexten Bandnamen. Erotic Market klingt ja schon echt pornös. Das französische Duo dahinter zielt mit dem wilden Soundmix auf „Blahblahrians“ aber eher in Richtung Synapsen (und manchmal auf den Geduldsfaden) als auf die Lendengegend. Manchmal hübsch poppig, manchmal angriffslustig M.I.A.-Style… und manchmal auch zu viel des Ganzen. Interessantes Album.

bongo_serengetiSo, President Bongo hat also GusGus verlassen. Das ist schade, vor allem für deren Liveshows. Doch er bleibt uns musikalisch erhalten. Hier nun sein Soloprojekt „Serengeti“ – und es klingt reichlich anders als seine Ex-Band. Sechs der nur acht Tracks sind nicht mehr als Soundskizzen mit vielen Percussions, Streichern und afrikanischen Einflüssen. Experimentell, aber eher Stückwerk. Spannend und bleibenden Eindruck hinterlassend sind nur die beiden episch-langen 16- bzw. 13-Minüter „Greco“ und „Tramontana“, die eine schöne Trance verursachen können.

chap_showApropos Skizzen. The Chap bekommen auf „The Show Must Go“ (ohne „…on“) 17 Songs in 35 Minuten unter. Da treffen dann noisige Gitarrenausbrüche auf wild zuckende Rockminiaturen, und manches wirkt wie frisch aus dem Proberaum geprügelt. Dabei können die auch richtig kleine Hits, wie zwischendurch immer wieder aufblitzt. Aber eigentlich ist das ja auch so etwas wie eine europäische Protestplatte. Schräg und aufrüttelnd. Trotzdem gefiel uns Erfolg, das andere Projekt von Frontmann Johannes von Weizsäcker in diesem Jahr, dann doch besser.

Sawlin_ursprungJetzt muss aber mal wieder was richtig Technoides her. Der Berliner Sawlin hat sein Debüt „Ursprung“ mit kompromisslos, äh, ursprünglichen Sounds hergestellt. Da wummern die Bässe subkutan, dass es eine Freude ist. Durch die Bank ordentlich stampfend, die Breaks an den richtigen Punkten setzend und auch Momente von Dub und House integrierend. Nicht so sehr für zu Hause gemacht, aber im Club ein Feger.

cardopusher_manipulatorWir bleiben bei den clubtauglichen Sachen und schauen mal wieder bei Boysnoize Records vorbei, immer eine gute Adresse für so etwas. Neu dort: Cardopusher aus Venezuela und sein Debüt „Manipulator“. Die Zutaten: 90er EBM und Industrial, Acid, Rave und noch ein bisschen mehr. Und auch das wummst gut durch.

claptone_charmerWeiter im Club, hier aber wieder auch couchtauglich. Der Mann mit der Vogelmaske, so nennt die halbe Welt Claptone, denn ohne dieses seltsame Accessoire sieht man den Berliner nie auflegen. Und der legt mittlerweile weltweit vor vollen Hallen auf, außerdem sind seine Remixe (u.a. für Pet Shop Boys, Roisin Murphy oder Metronomy) ähnlich gefragt. Jetzt endlich das Albumdebüt „Charmer“. Hitträchtig, mit reichlich Gästen am Mikrofon und oft voll radiotauglich. Wenn nur der auf Dauer nervende Claptone, hm, also Klatschsound, nicht wäre…

colder_manyZehn Jahre ist das letzte Album von Colder (die DM-Fans mögen ihn vor allem durch seinen atmosphärischen Remix von „Clean“ kennen) schon her. Eine lange Zeit, in der Marc Nguyen Tan sich stark zurückzog. Doch man erkennt seinen Stil auf „Many Colours“ schnell wieder. Düsterer Coldwave mit minimalistischem Gesang. Stimmung geht vor Hit. Also eher Schwarz als Allefarben. Wortspielalarm zum Schluss: Schön, dass es wieder Colder ist.

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Letzte Aktualisierung: 5.1.2016 (c) depechemode.de

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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