daphni_jiaolong

Der Oktober war – wie das traditionell fast in jedem Jahr so ist – ein prall mit Veröffentlichungen gefüllter Monat. Material genug um wieder ein schönes Sortiment für diese bunte Sammelkiste zusammenzustellen. Mit Placebo, Anstam, Daphni, Anders Ilar, Dapayk Solo, Sea+Air, Linnea Olsson und Melody’s Echo Chamber.

Fangen wir mal ausnahmsweise „nur“ mit einer EP an. Aber dafür kommt die immerhin von Placebo. Brian Molko & Band hatten ja schon Anfang 2012 neue Musik fürs Jahresende versprochen – und da es mit der Fertigstellung des neuen Albums noch bis nächstes Jahr dauern wird, man aber nicht nur eine Single herausrücken wollte, kam es zu „B3“. Fünf Songs und vielseitiger als das letzte Album (behaupten wir mal). Eine elektronisch verstärkte Placebohymne („B3“), eine Halbballade mit Piano und spukigen Sounds („The Extra“) und ein 7-Minuten-Epos („Time Is Money“), dazu zwei geradlinigere Stücke. Passt.

Jetzt aber tief hinein in die pure Elektronik. Und da kann man es viel schlechter treffen als mit dem Berliner Lars Stöwe alias Anstam. Der nimmt uns auf seinem zweiten Album „Stones And Woods“ mit auf eine instrumentale Reise zwischen Club und Waldlichtung. Die neun Tracks sind raffiniert konstruiert und durchaus komplex aufgebaut. Viele Soundschichten warten auf ihre Entdeckung. Gleichzeitig schimmert aber auch immer wieder pure Schönheit aus dem Gehölz. Elemente aus dem Pop der 80er, Flächen wie im Electro der 90er und natürlich aktuelle Techniken. Nicht anspruchslos, aber sehr lohnend – und mit starkem Genusszuwachs bei mehrmaligem Hören.

Dan Snaith ist ja als Caribou mittlerweile dank seines großartigen letzten Albums „Swim“ allseits zu Recht ein Liebling – und war als Support für Radiohead jüngst ein Erlebnis für sich. Der Bursche ist aber nicht ausgelastet und daher nun auch als Daphni erhältlich. Dort treibt er seine Liebe zur Elektronik weiter als je zuvor und lässt auf „Jiaolong“ so richtig den Floor wackeln. Sounds aus aller Welt werden integriert, der Pop der Hauptband wird reduziert, es geht mehr zu wie in einem extrem ausgefuchsten DJ-Set, – und rundherum toben die Maschinen. Mit (un)heimlichen Hits wie „Ahora“, „Yes I Know“ oder „Long“ wird Snaith auch mit diesem Album auf vielen guten Listen landen.

Weiter nach Schweden, weiter komplexes Instrumentales: Anders Ilar ist schon bei Album Nummer 11 angekommen – und darum heißt es „Elva“ und hat 11 Tracks auf 1 Stunde, 11 Minuten und 11 Sekunden (und wurde angeblich an 111 Tagen, beginnend am 11.11.11, aufgenommen). Die Sounds schwirren auch hier vielseitig um den Hörer herum und drehen sich allmählich ins Gebein. Das knuspert und klirrt mitunter, wie wir das bei Shitkatapult-Veröffentlichungen kennen und schätzen, aber Ilar beherrscht auch den direkten Zug zum Tor und lässt die Synthies zwischendurch immer mal geradlinig kreisen.

Bevor wir wieder etwas handgemachter werden, lassen wir uns noch von Dapayk Solo durchchillen. Niklas Worgt, der ja schon länger solo Platten macht und auflegt (und uns natürlich auch mit seiner Frau als Dapayk & Padberg bezaubert hat), hat hier für das „Fenou Bouquet Vol. 2“ erstmals einen DJ-Mix veröffentlicht. Auf dem geht es überwiegend minimal zu, wie vom Fenou-Label – beliebt vor allem bei Vinyl-Fans, insbesondere durch die schicken 10“-Scheiben – gewohnt. Entspannt, sehr harmonisch und doch mit einigen aufmerkenswürdigen Highlights.

Für die nächsten beiden Platten dürfen nun aber mal klassische Instrumente ran. Richtig klassische, wie das Cembalo. What?! Jahaa, bei Sea+Air gibt’s das. Wobei das Stuttgarter Ehepaar (mit griechischem Einschlag) Eleni (=Sea/Sie) und Daniel Benjamin (=Air/Er) live mitunter bis zu zehn Instrumente gleichzeitig bedient. Nach zahlreichen Konzerten haben sie nun auf ihrem Debüt „My Heart’s Sick Chord“ (klingt wie Harpsichord, huch, das heißt ja Cembalo) ihre Talente gebündelt und zelebrieren eine bunte Mixtur aus Indie-Pop, Rock, Folklore, Klassik und sogar discoid Tanzbarem. Eine faszinierende Platte mit so einigen Ohrwürmern und ein echter Tipp!

Wo wir gerade so weit draußen sind, nehmen wir auch noch diese junge Schwedin mit, die da mit ihrem Cello im Wasser steht. Linnea Olsson heißt sie und ihr Debütalbum ist ein echter „Ah!“-Effekt. Neben dem Cello und Olssons leicht angerautem Gesang gibt es nämlich nur die Darbuka (eine arabische Bechertrommel). Dazu kommen allerdings zahlreiche Loop- und Echoeffekte, mit denen sie ihre Songs bearbeitet und ihnen so deutlich mehr Raumtiefe verschafft. Und das sind zumeist lupenreine Popsongs (ja, Popsongs, man darf sich nicht vom dramatisch gestrichenen Opener irritieren lassen!). Hören Sie da ruhig mal rein, die wird vielleicht ganz groß!

Nun sind wir ja endgültig in träumerischer Stimmung angelangt, oder? Wie wäre es da mit etwas Dreampop aus Fronnggreisch? Mit gar reizendem Accent vorgetragen von einer wunderschönen jungen Dame? Ja? Dann legen wir doch eben mal Melody’s Echo Chamber mit ihrem gleichnamigen Solodebüt ein. Melody Prochet, sonst bei My Bee’s Garden am Summen, hat sich in die psychedelischen Schlieren von Tame Impala verguckt und deren Chefspinner Kevin Parker gebeten, doch bitte ihre Songs zu zerhackstücken. Hat er gemacht, so dass wir hier fein verträumte Songs mit seltsamen elektronischen Verdrehungen bekommen.

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P.S. Unsere passende Playlist beim Streamingdienst WiMP gibt’s wie gewohnt hier (Nichtabonnenten hören für je 30 Sekunden rein, WiMP-Mitglieder natürlich vollständig). Viel Spaß!

 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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