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Frohes Neues Jahr allerseits! Doch nochmal zurück zum Ende 2014. So viel kam da (wie immer) zwar nicht mehr in den letzten Wochen. Nichtsdestotrotz gab es trotzdem noch einiges Beachtliches. Mit The Smashing Pumpkins, Recondite, Deptford Goth, 2:54, dEUS, Biblo und Jon Hopkins.

pumpkins_momentsMan darf Künstlern nicht vorwerfen, sie würden zu viel Musik veröffentlichen, denn das ist nun mal ihre Sache. Trotzdem besteht die Gefahr, dass zu viele mittelmäßige Platten frühe Meisterwerke verwässern. Womit wir gleich bei Billy Corgan und The Smashing Pumpkins wären. Da kam in den letzten Jahren ziemlich viel Output (und eine halbseidene Ankündigung nach der anderen, dies sei a) das letzte Album oder b) Teil eines großen Konzeptwerkes), und immer gab es nur einzelne Highlights neben viel Belanglosem. Das ist auf „Monuments To An Elegy“ leider nicht gänzlich anders, aber die Form steigt zumindest wieder an. Unter den neun Stücken der überraschend kurzen Platte befindet sich nur ein Totalausfall (der ist mit „Run2me“ allerdings gleich richtig unterirdisch), dafür gibt es – neben einigen nach wie vor eher mittelprächtigen Stücken – mehr gute Songs („Tiberius“, „One And All“, „Drum + Fife“ und das „Lilian“-eske „Dorian“) als zuletzt. Vielleicht wird das ja doch noch mal was.

Recondite_album_artworkSo relativ kurz vor Jahresende erschien noch ein Album, das sich, schaut man in die Bestenlisten von Magazinen wie der Groove, kurz vor Toresschluss noch als eines der Technoalben des Jahres herausstellte. Die Rede ist von „Iffy“, mit dem der Niederbayer Lorenz Brunner – unter dem Namen Recondite weltweit mittlerweile bestens gebucht – in allerfeinster Manier kristallklare Sounds mit tanzbaren Beats verdrahtet. Das ist melodiöser Techno in Perfektion, mitunter fast schon zu perfekt. Aber eingängig wie wenig in diesem Sektor – und daher landet der Mann in den Line-Ups zu Recht immer weiter oben und zieht immer mehr begeisterte Tänzer an. Jetzt bloß nicht verpaulkalkbrennerisieren, bitte!

deptford_songsDaniel Woolhouse hatte uns mit seinem Debüt („Life After Defo“) als Deptford Goth im Jahr 2013 schwer begeistert und liegt mit seinem Sound zwischen Post-Dubstep und schleppendem Electro-Soul eigentlich voll im aktuellen Trend. Trotzdem zündet der Nachfolger „Songs“ irgendwie nicht ganz so wie erhofft. Diese Songs sind zwar weiterhin in warm-wohligem Klang auf elektronischen Wattewölkchen unterwegs, und man hört das Album aufgrund der hohen Grundqualität und des Schönklangs jederzeit ganz gern, aber wenn man zu lange in der kuscheligen Badewanne liegt, bekommt man eben auch Waschfrauenhaut und sieht nicht aus wie Cleopatra. Nächstes Mal bitte wieder etwas mehr Kanten und Tempowechsel!

254_otherMehr Goth als eben dürfte die Musik der Thurlow-Schwestern aus Bristol bieten. Aber natürlich kein Klischee-Gothic, sondern eher der düsteren Stimmung nach, die die beiden als 2:54 auch auf ihrem zweiten Album „The Other I“ zelebrieren. Gitarren, Schlagzeug und Bass zaubern nicht herum, sondern verrichten minimalistisch (nur ganz selten bricht es mal heraus) ihre Arbeit, der weibliche Gesang schwebt irgendwo obendrüber. Gekonnter Postpunk, der einem seine Reize nicht an den Hals wirft, sondern entdeckt werden will. Zwischen The Cure in ihren unpoppigen Momenten und Warpaint oder The XX, um auch mal aktuellere Referenzen zu nennen.

deus_selectedZwischendurch mal eine Best-Of-Empfehlung, stellvertretend für all jene Best-Of-Platten, die so ums Jahresende erscheinen. Die Band gibt es seit 25 Jahren, das erste Album ist 20 Jahre alt, das berechtigt die tollen Belgier von dEUS definitiv, ihre „Selected Songs 1994 – 2014“ auszuwählen. Zumal die Band um Tom Barman (zuletzt auch als Magnus aktiv) zwar eine treue Anhängerschaft in Indiekreisen ihr Eigen nennt, aber dennoch eben stets eine Indieband war – und damit jederzeit das Potential hat, noch von neuen Hörern entdeckt zu werden. Und für jene ist diese exzellent ausgewählte und nicht chronologisch, sondern nach dem Prinzip des gut funktionierenden Mixtapes sortierte Zusammenstellung von 30 Songs aus allen Schaffensphasen ein perfekter Einstieg in das Schaffen einer von der breiten Masse stets unterschätzten Band.

biblo_absenceDie türkische Musikerin Pinar Üzeltüzenci alias Biblo (nicht zu verwechseln mit Bibio) singt auf ihrem neuen Album über die „Absence“, also Abwesenheit, von Dingen wie Wurzeln, Gerechtigkeit und Bedeutung (und thematisiert irgendwo auch die Krise der türkischen Gesellschaft). Wobei ’singen‘ es nicht so recht trifft, denn hier schweben nur ganz am Rande Sprachfetzen und irgendwo ganz weit weg gesungene Zeilen durch den tiefen Raum, den die düsteren Sounds beherrschen. Da ist viel Knistern, Hall und Echo, Bass und ab und zu auch Beat und vor allem: Atmosphäre. Diese Platte ist nicht tanzbar, nicht eingängig – und entwickelt mit der Zeit doch eine ganz eigene Hypnosewirkung. Dunkel und kunstvoll.

hopkins_asleepApropos Hypnose: Diese vermochte auch Jon Hopkins‚ Album „Immunity“ auszulösen, so großartig verschmolzen dort atmosphärische Sounds mit technoiden Beats. Jetzt hat Hopkins in Island vier Stücke davon komplett neu aufgenommen und beglückt uns mit diesen „Asleep Versions“ in Form einer 25-minütigen EP (Wer das Album noch nicht hat: Die beiden Sachen gibt es nun auch als Doppel-CD.). Mit Gästen wie King Creosote und Raphaell Standell erscheinen die Songs zum Teil wie völlig neue Tracks, außerdem beweist Hopkins erneut, wie geschickt er eine zusammenhängende Platte basteln kann, denn das hier funktioniert am besten am Stück gehört.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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