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Holla, der Mai war aber mal voll! Nein, mein Name ist nicht Mai, obwohl da diese Sache mit Himmelfahrt… ähem, worum es geht, ist die Menge an interessanten Veröffentlichungen, die es da sonst noch gab. Im Schnelldurchlauf ist dieses Zehnerpack am Start (und bitte gerne wiederwählen): Bibio, The Black Dog, Ghostpoet, Born Ruffians, Big Deal, Miles Kane, Aufgang, Greg Haines, Safety Scissors und Socalled.

Im Verdacht, reinen Schönklang vertonen zu wollen, steht Stephen Wilkinson, besser bekannt als Bibio, ja schon länger. Das wird sich auch mit „Silver Wilkinson“ nicht ändern. Zur Aufnahme spazierte er mit Mikro und Kassettenrekorder im Garten umher, Sampler und Gitarre in Greifweite. Dann wurde auf allerlei Gerätschaften eingetrommelt, Gartenscheren wurden gesampelt – und all das floss in die Aufnahmen ein. Es muss gutes Wetter geherrscht haben, denn die Stücke verbreiten auf ihre schluffig-verträumte Art gute Laune. Man sollte dem Album etwas Zeit gönnen (und auch erstmal reinkommen, die ersten vier Stücke zerfasern zunächst fast zu leicht) und wünschte sich ein-, zweimal etwas mehr Biss, doch schließlich werden die Fans wieder dahinschmelzen.

Dass The Black Dog aus dem (einstmals) staubigen Sheffield stammen, hört man ihrer Musik eher nicht an. Denn auf „Tranklements“ (Slang für persönliche Kostbarkeiten) tummeln sich allerfeinste Technotracks mit dem Erbe Detroits im Bein. Die 16 Stücke, darunter fünf sogenannte „Bolts“ (früher sagte man Interludes), die die drei gar nicht mehr so jungen Herren – die waren schließlich schon vor 20 Jahren auf Warp aktiv –, hier versammeln, lassen heutige Standards erkennen, atmen aber auch ganz viel Technokellerluft der 90er Jahre. Die Beats sind mal gekonnt gebrochen, aber auch immer wieder mit einem satt kickenden Bass four-to-the-floor-tauglich. Hört man ab und zu doch sehr gern, so etwas.

Erzählt dem Ghostpoet nicht, er würde HipHop machen! Solche Kategorisierungen mag Obaro Ejimiwe gar nicht. Gut, dann behaupten wir jetzt mal, sein zweites Album „Some Say I So I Say Light“ (nach dem Mercury-Prize-nominierten Debüt) ist ohnehin viel dichter dran an elegantem Dubstep der intelligenten Sorte. Ejimiwe erzählt seine düsteren Geschichten zu angemessen dunklen Sounds. Das knackt, knistert und echot an allen Enden (Dank gebührt hierfür wohl auch Co-Produzent Richard Formby, u.a. zuletzt für die Wild Beasts an den Reglern), und genau das macht den Reiz dieser – man muss es mal wieder sagen – Kopfhörerplatte aus.

Die Vier von Born Ruffians aus Toronto sind mit „Birthmarks“ bei Album Numero Drei angelangt. Bislang haben sie hierzulande ja noch nicht so viele Spuren hinterlassen. Das könnte sich nun zumindest ansatzweise ändern, denn sie haben ihren Sound etwas zwingender und auch eingängiger gestaltet. Weniger ein Mix aus allem zwischen Psychedelic, Indie, Rock und Sonstwas, mehr dynamische Songs. Natürlich gibt es in der Indiepopliga schon eine Menge Mitspieler, und nicht alle Songs sind so schmissig-zwingend wie die ersten drei der Platte. Trotzdem recht gelungen.

Wenn wir schon im Indiesektor unterwegs sind, dann kann es auch ruhig noch etwas knackiger zugehen. Wie auf „June Gloom“, dem zweiten Album des Mute-Acts Big Deal. Alice Costelloe und Kacey Underwood bezaubern immer noch durch ihren Duettgesang und die leicht melancholisch-verträumten Melodien. Man merkt aber, dass die beiden mittlerweile häufiger auf der Bühne standen und vor allem, dass das auch zunehmend in Bandstärke geschah. Die Gitarren- und Schlagzeugwände sind deutlich druckvoller, die Lautstärke erhöht, die Songs schreien geradezu: Spielt uns live! Ergebnis: Etwas weniger Atmosphäre, dafür eben mehr Power. Geht klar, für stillere Momente bleibt ja das Debüt.

Noch einmal Rock, okay? Wobei Miles Kane natürlich viel eher in die Sparte Britpop passt. Aber er lässt die Gitarre schon auch gerne mal kreisen. Entscheidender für die Klasse seines neuen Soloalbums „Don’t Forget Who You Are“ ist jedoch das hervorragende Songwriting. Was er ja u.a. auch schon (zusammen mit Alex Turner) bei den Last Shadow Puppets bewiesen hat. Und wer Unterstützung von Größen wie Paul Weller, Ian Broudie (Lightning Seeds) und Andy Partridge (XTC) bekommt, der muss was auf dem Kasten haben. So reiht sich hier Hymne an Hymne, zackige Mitsingrefrains und Mädchen- wie Jungsherzen schmelzende Melodien geben sich das Plektrum in die Hand. Ein eindeutiges und groß geschriebenes WOW!

Aufgang, jenes eigentümliche Trio aus zwei Pianisten und einem Schlagzeuger, haben ihr zweites Album hübsch eingängig (haha!) „Istiklaliya“ genannt. Das lässt an folkloristische Einflüsse, speziell aus dem rand- bzw. außereuropäischen Mittelmeerraum denken, und damit liegt man nicht so verkehrt, solche Elemente tauchen vereinzelt auch auf. Ansonsten verschmelzen die Herren Tristano, Khalifé und Westrich aber weiterhin klassische Klänge mit Elektronik, wie das ja in letzter Zeit so einige machen. Das klappt bei einigen Stücken sehr gut, bis hin zu richtig tanzbaren Momenten, an anderer Stelle bleibt es aber auch gelegentlich bei eher unspannendem Kunsthandwerk.

Klassik und Elektronik, da können wir gleich zu Greg Haines überleiten. Der Engländer und Wahl-Berliner hat für sein viertes Album namens „Where We Were“ früher zentrale Elemente seines Sounds, nämlich vor allem Streicher, komplett gestrichen und sich dieses Mal komplett auf Synthesizer (plus diverse Percussiongerätschaften) nebst Verwendung analoger Aufnahmetechniken konzentriert. Was wohl eine gute Idee war, denn ihm gelingt hier eine sehr atmosphärische Scheibe, die die passende Mischung zwischen introspektiven Klangmalereien und zupackenden, ja fast clubtauglichen Tracks (man höre „Something Happened“ oder „The Whole“) findet.

In A Manner Of Sleeping“ ist ja schon einmal ein Albumtitel, der uns hier sehr gut gefällt. Da wir außerdem Fans von James Yuill und Kings Of Convenience sind, ist das, was Matthew Patterson Curry alias Safety Scissors, musikalisch abliefert, auch an der richtigen Adresse. Soll heißen, Singer/Songwriter-Musik mit elektronischen Mitteln. Ähnlich softes Pop-Songwriting, allerdings nicht so perfekt auf den Punkt wie bei den Genannten. Dafür aber mit schönen Sounds verziert, mal mit sanftem Gesang (besonders gelungen: das Duett „The Floor“), mal auch instrumental. Gelegentlich gibt Mr. Curry sogar richtig Gas. Dürfte er gerne öfter tun.

Zum Finale noch etwas Verrücktes aus dem Lande der Ahornblätter. Josh Dolgin nennt sich Socalled und hat garantiert nicht mehr alle Latten am Zaun. Pardon, aber das ist keineswegs negativ gemeint. Was der Mann mit dem irren Blick hinter der Nerdbrille auf „Sleepover“ veranstaltet, geht auf keinen Beipackzettel. Der mischt Dance, Chanson, Klezmer, Irish Folk, HipHop, R’n’B, Disco und noch ein paar Stilrichtungen in einem bunten Topf… und meistens funktioniert das prima. Und wer sich bei ein paar Stücken fragt, ob er die nicht schon irgendwoher kennt – kann sein, dass er die bei einem guten Radiosender (oder in einer guten Playlist) schon gehört hat, das Album erscheint bei uns nämlich locker anderthalb Jahre verspätet. Zeit wurde es.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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