womans_conversationsDer Sommer dürfte durch sein, Zeit für den Schnelldurchlauf, was sonst noch so war. Zahlreiche erwähnenswerte Platten der letzten Monate, erster Teil. Mit Eno/Hyde, The Ramona Flowers, Tomas Barfod, Courteeners, Sebastien Tellier, Woman’s Hour, Alvvays und To Rococo Rot.

enohyde_lifeDie Herren Brian Eno und Carl Hyde haben ja im Frühjahr mit dem feinen „Someday World“ bereits ein gemeinsames Album als Eno/Hyde herausgebracht. Doch die Kreativität scheint dermaßen stark geflossen zu sein, dass man wenige Wochen später mit „High Life“ gleich nochmal nachgelegt hat. Während das erste Album stark songorientiert war, hat man hier einen minimalistischeren Ansatz gewählt und sich an Komponisten wie Phillip Glass oder Steve Reich zuzüglich einer kräftigen Prise Krautrock orientiert. Infolgedessen mäandern die sechs oft sehr langen Tracks häufig experimentell dahin. Zündet nicht immer, bleibt aber stets interessant.

ramona_dismantleFür die Anhänger von Electropop mit Hang zum Stadion hätten wir da noch einen Geheimtipp. Wobei, geheim höchstens hierzulande, denn im heimatlichen UK gingen die Lobeshymnen für „Dismantle And Rebuild“ von The Ramona Flowers ganz schön durch die Decke. Die Herren aus Bristol haben unter Mithilfe von (u.a.) Andy Barlow (Lamb) ein satt tönendes Debüt aufgenommen, das ein paar herausragende Singles (Anspieltipp: „Tokyo“) enthält und soundtechnisch mit vielen Synthies und ein paar Gitarren lieber dicke als dünne Bretter in großzügig hallenden Räumen bohrt. Könnten groß werden.

barfod_loveFaulheit ist eine Eigenschaft, die man den Bandmitgliedern von WhoMadeWho kaum vorwerfen kann. Zack, wenige Monate nach dem letzten Album der Hauptband hat Tomas Barfod, dort hauptsächlich als Drummer tätig, gleich noch ein Soloalbum draußen. Auf „Love Me“ frönt er seiner elektronischen Ader und lässt, unterstützt von sechs verschiedenen GastsängerInnen (gleich viermal darf Nina K ihre schöne Stimme erheben), hübsch tanzbaren Electropop vom Stapel, der, obwohl in durchaus ähnlichen Genres wie die Hauptband unterwegs, so gar nicht nach dieser klingt. Und trotzdem gefällt. Das ist schon eine Leistung. Tipp!

courteeners_concreteConcrete Love“, das neue Album der Courteeners kommt in der Deluxe Version gleich mit 34 Tracks daher. Von denen sind allerdings 23 Liveaufnahmen, was so ein bisschen den Status der Band – zumindest in ihrer britischen Heimat – unterstreicht. Dort sind sie nämlich Publikumsmagneten, die Hallen sind voll, und in den Charts sieht es auch nicht übel aus. Bei den Kritikern haben sie es dagegen schwer. Was neben landestypischer Frontmanngroßmäuligkeit wohl daran liegt, dass die Band, unterstützt von Hurts-Produzent Joe Cross, mitunter zu viel Schmalz, zu viele Ohohos/Uhuhus/Ahahas in ihre eigentlich guten Songs packt. Das macht bei den besseren Stücken viel Spaß, bei den mittelmäßigeren wirkt es eher aufgeblasen. In Teilen empfehlenswert.

tellier_aventuraBei einem Album von Sebastien Tellier weiß man vorher nie, was man bekommt. Erfindet er gerade eine neue Religion, zelebriert er sich als Sexgott, klimpert er softpornös auf dem Klavier herum, vertont er seinen eigenen Film oder was reitet ihn dieses Mal? Nun, auf dem Cover von „L’Aventura“ reitet, nein fläzt der Meister sich auf einer Taube durch eine psychedelische Welt. Die musikalische Übersetzung davon ist eine Liebeserklärung an Brasilien, mit Sounds aus dem Studio von Jean-Michel Jarre. Opulent, flirrend, verspielt, verspult – und mit einigen schicken Songs größtenteils sehr hörenswert.

womans_conversationsBleiben wir gleich mal im Bereich verträumter Musik. Die gibt es auch von Woman’s Hour aus London (die Bandgründung erfolgte allerdings im schönen Lake District) auf „Conversations“ zu hören. Eingängiger Dreampop aus der klanglichen Nachbarschaft von Beach House und gar nicht so weit weg von The XX. Mit der Stimme von Sängerin Fiona Burgess lässt sich ganz wunderbar zu den wattig sanft fließenden Melodien schwelgen. Unser Tipp! P.S. Zeitlos schönes Plattencover übrigens, aber diese Band legt ohnehin viel Wert auf die visuelle Ausgestaltung ihrer Musik. P.P.S. Live am 21.10. in Hamburg und am 22.10. in Berlin!

alvvaysAuch verträumt, aber weniger elektronisch und viel mehr im Indiepop – mit gelegentlichen Ausflügen in die 60er Jahre – beheimatet, präsentiert sich das Debütalbum von Alvvays (Albumtitel = Bandtitel) aus Kanada. Womit wohl wieder Beach House oder auch Best Coast als Referenzen zu nennen wären. Der Fünfer um Sängerin Molly Rankin schafft es, die richtige Mischung aus Melancholie und Optimismus zu finden und einen ganzen Haufen Songs zum In-den-Sonnenuntergang-am-Meer-fahren zu verabreichen.

torococorot_instrumentTo Rococo Rot, bestehend aus Ronald und Robert Lippok sowie Stefan Schneider, gehen dagegen schon ins 20. Bandjahr, sind aber noch lange nicht müde, in den experimentierfreudigen Bereichen der elektronischen Musik zu forschen. Immer mit einem Bein im Post- und/oder Krautrock stehend, lassen sie es auf „Instrument“ etwas zugänglicher klingen, auf drei Stücken werden ihre sonst stets instrumentalen Stücke sogar mit Gesang (Arto Lindsay) verziert. Die Klangschleifen wurden dieses Mal etwas lockerer gebunden, ja, es gibt sogar tanzbare und poppige Momente, bevor der nächste außerirdische Sound durch den Äther rauscht. Steht ihnen gut!

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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