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Die Sommermonate waren traditionell etwas luftiger bestückt, so albumveröffentlichungstechnisch gesehen. Aber ein paar Scheiben bleiben doch noch: Mit Tosca, Jackson And His Computerband, Diana, Smith Westerns, Emma6, Muso, I Am Legion und Ebony Bones.

Die Herren Dorfmeister und Huber alias Tosca hatten ja im Frühjahr ein neues Album namens „Odeon“ draußen, auf dem sie an ihre Meisterschaft im 90er-Leistungskurs Downtempo erinnerten. Nun dachten sie sich, ach, das könnte man doch mal remixen lassen. Gesägt, tun getan. Auf „Tlapa“ gibt es nun elf Neuinterpretationen, die vielen der Tracks neue Seiten abgewinnen. Insgesamt geht das Ergebnis häufiger in Richtung Clubtauglichkeit, ohne dabei eintönig zu werden. Insbesondere die Mixe von LTJ Xperience, Rodney Hunter, Silver City und Makossa & Megablast darf man als äußerst gelungen und dem Original (mindestens) ebenbürtig bezeichnen.

Jackson Fourgeaud hat vor acht Jahren sein Debüt veröffentlicht und danach, als Ed Banger und andere Franzosenelektroniker hip waren, kam erst mal nix mehr. Nun sind Jackson And His Computerband zurück und hat das innere Glühen auf „Glow“ wiedergefunden. Und das Warp-Label lässt ihn offensichtlich weiterhin machen, was er will. Frickelige Elektronikspielereien treffen auf Raveorgien, filigrane Retroklänge auf fieses Beatgeboller. Das kann und muss man nicht unbedingt am Stück ertragen wollen, aber es sind genügend interessante Tracks dabei, die man sich zumindest als Highlights herauspicken kann.

Kanada, oh du Paradies der Träumermusik! Aus Toronto kommt mal wieder Nachschub. Diana is the name of the band, obwohl ihre Frontfrau mit der starken Stimme gar nicht so heißt (sondern Carmen Elle). Dazu Herren, die ansonsten bei den Hidden Cameras und Destroyer diverse Instrumente bedienen. Damit sind durchaus Hinweise auf den Sound von „Perpetual Surrender“ gegeben. Ja, das kann schon mal in kritische 80er-Neonwelten und Softrock-Bereiche abdriften, inklusive Saxophon. Aber meistens sind die Songs einfach zu pastellig-schön für schnöde Kritik. Für die Popper unter uns ein Genuss.

Wo wir gerade so herumschwelgen, schweben wir mal eben über die Grenze, rüber ins windige Chicago. Dort sind die Smith Westerns beim dritten Album angekommen und betonen gleich mal im Titel ihren „Soft Will“. Darauf gehen sie ihre Entwicklung in Richtung großer Popsongs weiter und landen gleich zu Beginn mit „3am Spiritual“ einen echten Hit der 60er bis 80er von heute. Damit ist der Rahmen gesteckt. Groß geschrieben wird: Melodischer Gitarrenpop mit elektronischer Verzierung auf der Torte (noch ein Musterbeispiel: Das opulente „Varsity“). Oder eben amerikanischer Indie-Sonnenschein trifft auf klassischen Britpop. Das passt.

Und in Deutschland so? Da möchte man oft gern wie Indie klingen, denn Indie ist ja angesagt und so. Selbst wenn das große Majorlabel vom Spreeufer dahintersteckt. Muss ja nicht schlimm sein, zeitigt aber eben manchmal so zwiespältige Ergebnisse wie das zweite Album von Emma6. Denn da „Passen“ längst nicht alle Teile zusammen. Eine druckvolle Produktion unter den Fittichen von Mark Tavassol (Wir Sind Helden) auf der Habenseite, der eine oder andere Text, der auch mal Selbstironie erkennen lässt, ein paar nette Melodien und Sounds… aber sonst doch sehr viel musikalisches Mittelmaß aus der Silberheld-Revolvermond-Liga. Das reicht nicht.

Dann können wir ja gleich Deutschrap hören. Halt, nicht weglaufen, es könnte eine Überraschung entgehen! Newcomer Muso rappt (in zugegeben mitunter eigenwilligem Flow) auf „Stracciatella Now“ interessante Texte zu – und jetzt kommt’s – dicken Electro-Sounds und generell recht epischer Produktion. „Schuld“ daran sind Sizarr-Produzent Markus Ganter und Konstantin Gropper von Get Well Soon, der in Kürze mit dem zweiten Casper-Album Ausrufezeichen setzen wird. Nicht jeder Track trifft ins Schwarze, aber die Quote ist hoch, die Bässe sind tief, das hat Biss und Groove. Da kann der Softeisverkäufer mit der Pandamaske einpacken.

Wir bleiben beim HipHop, erhöhen aber den Elektronikanteil noch mehr. Die englischen Wortverbieger von Foreign Affairs haben sich mit den holländischen Drum’n’Bass-Schraubern von Noisia verbündet und nennen sich und ihr gemeinsames Album gleich mal eben selbstbewusst I Am Legion. Und dort werden Schnellfeuerraps mit gewaltiger Bassmusik und einer gehörigen Portion Dubstep gekreuzt, dass es dem Nachbarn eine Freude sein wird, die Polizei zu rufen. Je nach Stimmungslage kann diese Musik zum schreiend Davonlaufen oder wilden Wohnzimmer- oder Clubfloor-Bouncen animieren. Wir entscheiden uns bei einem Großteil der Tracks für Letzteres. Yo, bitch.

Zum Schluss darf bei uns ja immer mal gern etwas weiter rausgeschwommen werden. Afro-Beat mit Post-Punk und Electro-Einschlag zum Beispiel. Oder wie auch immer man das, was Ebony Thomas alias Ebony Bones da auf ihrem zweiten Album „Behold, A Pale Horse“ abliefert, kategorisieren will. Wilde Chöre, Orchestereinsätze, Synthies, Gitarren, heftiges Getrommel und Powergesang kombiniert die Brightonerin zu erinnerungswürdigen Songs und krönt das Ganze mit einer fabelhaft eigenwilligen Coverversion des Smiths-Klassikers „What Difference Does It Make“. Ein reichhaltiger und empfehlenswerter Trip.

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 Addison
Addison heißt eigentlich Thomas Bästlein und schreibt seit Anfang 2007 für depechemode.de. Hauptberuflich arbeitet er im öffentlichen Dienst. Du kannst Thomas online bei Facebook treffen.

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Kommentar

  1. Martin (nicht Lee)
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    4.9.2013 - 14:22 Uhr

    @ Addison

    Hallo Leute, was ist los?

    Irgendwie habt Ihr unsern guten Trent und seine Nine Inch Nails vergessen.
    Mögt Ihr Ihn nicht mehr?

    Read You
    Martin